Wegen Aids zerfällt Südafrikas Gesellschaft zunehmend

Der Welt-Aids-Tag am 1. Dezember erinnert an Millionen von Menschen, die nicht nur von Krankheit, sondern oft auch von Diskriminierung betroffen sind. In Südafrika hat die HIV-Infektionsrate in manchen Gegenden bereits 30 Prozent überschritten. Die Gesellschaft zerfällt zunehmend.

Die Aids-Epidemie droht nach Angaben der Vereinten Nationen ausser Kontrolle zu geraten. Die Zahl der Aidstoten ist in diesem Jahr um zehn Prozent auf weltweit drei Millionen gestiegen, fünf Millionen Menschen haben sich mit dem tödlichen Virus infiziert.

„Der Arzt teilte mir mit, dass ich HIV infiziert sei und dass es dafür keine Heilung gebe; ich war zu Tode erschrocken. Ich dachte an meine Kinder. Er riet mir, einfach nach Hause zu gehen und auf den Tod zu warten“, berichtet S’Bongile Shabane, eine junge Frau aus der Provinz KwaZulu. Nachdem sie den ersten Schock überstanden hatte, engagierte sie sich in einer Selbsthilfegruppe. Darauf mieden sie nicht nur die Menschen im Dorf, sondern auch die Mitglieder ihrer Kirchgemeinde: „Ich war in meiner Kirche nicht mehr willkommen, da ich HIV-positiv war und auch offen darüber sprach, und meine Mutter sowie meine Kinder litten wegen mir. Mein Sohn wurde von den Kindern in der Schule ausgestossen.“

Im Zusammenhang mit wachsender Armut

In Südafrika steigt die Rate der Infizierten dramatisch. Dies stehe in direktem Zusammenhang mit der wachsenden Armut, erklärt Walter Ulmi, der als Projekt-Verantwortlicher des katholischen Schweizer Hilfswerks Fastenopfer häufig dieses Land bereist. „Die Menschen wollen der katastrophalen Arbeitslosigkeit und Frustration entkommen und stürzen sich ins Vergnügen. Viele wissen sehr wenig über Aids.“

Dazu kommen die Traditionen: Männer bestimmen nicht selten auch mit Gewalt über ihre Familien. Ausserdem verbringen die Wanderarbeiter nur wenig Zeit pro Jahr zu Hause und haben anderswo noch Sex-Partnerinnen. Und: Über Sexualität wird kaum gesprochen, HIV-positive Menschen werden geächtet. „Es ist noch nicht lange her, dass eine Frau, die sich outete, gesteinigt wurde“, berichtet Ulmi.

Kinder stehen Haushalten vor

Mittlerweile leben viele Grosseltern mit einer Gruppe von Enkelkindern zusammen, da die Eltern gestorben sind. Felder liegen brach, es fehlt neben Nahrung an Einkommen und Mitteln für eine medizinische Versorgung. „Einer wachsenden Anzahl von Haushalten stehen mittlerweile Kinder vor. Diese können keine Schule besuchen, weil sie ihre Geschwister versorgen müssen“, berichtet Ulmi. Die Gesellschaft Südafrikas „implodiere“, da ganze Generationen fehlten.

Die medizinische Betreuung in Südafrika ist zweigeteilt: Neben modernsten Spitälern herrscht das blanke Elend. Viele Neugeborene werden bereits bei der Geburt mit dem HI-Virus angesteckt, weil es an Hygiene und einschlägigen Medikamenten mangelt. „Den Spitälern fehlt es allgemein an Mitteln, deshalb schicken sie die Aids-Kranken in die Dörfer zurück. Damit diese angemessen betreut werden können, werden Menschen in der Grundpflege ausgebildet. Hier engagieren sich die Kirchen. Sie helfen bei der Betreuung der Kranken, Kinder und Alten.“

Und sie versuchen eine weitere Tradition aufzubrechen: Die üblichen prunkvollen Beerdigungen führen bei der hohen Anzahl der Toten zur lebenslangen Verschuldung ganzer Familien. Deshalb setzten sich die Kirchen jetzt für einfachere Formen ein.

In letzter Zeit engagieren sich die Kirchen auch in der Aufklärung. Walter Ulmi: „Betroffene Menschen treten in Theaterstücken und mit Musik auf und berichten über die Krankheit und ihre Situation. Das ist eine wichtiges Medium und der dortigen Kultur angepasst.“ Aids-Plakatkampagnen wie in der Schweiz zum Beispiel helfen in dieser Region nicht gross weiter.

„Unwissenheit bringt unsere Leute um“

S’Bongile gründete 1997 mit anderen Betroffenen die Organisation „Siyaphile“, die das einzige Informationsbüro in Pietermaritzburg betreibt. Die Organisation verkaufte zu ihrer Finanzierung auch lebende Hühner. Eines Morgens waren sie alle stranguliert. Auf einem Zettel stand, die Mitglieder der Organisation sollten weggehen, da sie Aids einschleppten. „Diese Drohungen spornten uns an, noch mehr zu intervenieren, da es klar wurde, dass Unwissenheit unsere Leute umbringt“, berichtet die junge Frau.

Autorin: Christiane Faschon

Datum: 28.11.2003
Quelle: Kipa

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