Zukunftsforscher schaut zurück

Unsere Welt im Herbst des Jahres 1 n. Cor.

Der Publizist und Zukunftsforscher Matthias Horx versetzt auf seinem Blog sich und seine Leser in den Herbst 2020  – und kommt zu einem erstaunlichen Rückblick. Seine Re-Gnose ist deutlich anders als die meisten Pro-Gnosen.

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Matthias Horx (Bild: digitaler-mittelstand.de)
Horx ist der Meinung, dass wir nicht wieder zur Normalität zurückkehren werden. Warum? «Die Welt as we know it löst sich gerade auf.» Nach dem Zukunftsforscher stecken wir jetzt in einer Zeit der «Tiefenkrise»: «Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert» – in einigen Bereichen durchaus in eine positive Richtung. Worüber werden wir uns seiner Ansicht nach im Herbst 2020 im Rückblick wundern?

Das soziale Leben verändert sich positiv

«Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten», meint Horx. «Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre führten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen.» Konkret: «Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.» Und etwas, das jeder beobachten kann, der heute noch Menschen trifft: «Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an.» Es scheint auf zwei Meter Distanz einfacher zu sein, einander anzulächeln.

Digitale Kulturtechnik wird normal

«Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten», fährt Horx fort. «Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Business-Flieger war besser), stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Das Homeoffice wurde für viele zu einer Selbstverständlichkeit – einschliesslich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.»

Gleichzeitig lernen Menschen wieder, zu telefonieren – man hat Zeit, auch für ältere Menschen: «Man kommunizierte wieder wirklich. Man liess niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit. Der Verbindlichkeit.»

Lebens-Qualität und Medien-Qualität nimmt zu

«Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge (ein Wort, das vorher eher ein Fremdwort war). Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult», erinnert sich Horx weiter.

Und was die Medien betrifft: Auch hier findet eine Reinigung statt: «Reality Shows wirkten plötzlich grottenpeinlich. Der ganze Trivia-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte. Nein, er verschwand nicht völlig. Aber er verlor rasend an Wert.» Menschen werden wieder echt: «Zynismus, diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, war plötzlich reichlich out.»

Globalisierung hat ihren Höhepunkt überschritten

Was andere Analysten und Philosophen beobachten, stellt auch Horx fest: Die unglaubliche globale Vernetzung hat ihren Höhepunkt überschritten. «Die Globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance.» Die Weltwirtschaft wird neu definiert.

Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?

Die ganze Krise wird nach Horx dazu führen, dass wir unsere «Aufmerksamkeit wieder mehr auf die humanen Fragen» richten: «Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?»

Ein Zukunftsforscher ist kein Prophet. Aber «es ist manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt», so Horx. Es lohnt sich zu fragen: Was geschieht mit uns, wenn wir nicht nur die Probleme, sondern auch die vielen Chancen, die die gegenwärtige Krise mit sich bringt, in unser Denken, Hoffen und Beten mit einbeziehen?

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Datum: 24.03.2020
Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Livenet / www.horx.com / www.zukunftsinstitut.de

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