Die Wüstenväter als Therapeuten

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Der Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, Prof. Daniel Hell, hat sich mit den alten christlichen Eremiten beschäftigt und kam dabei zum Schluss: Sie waren ausgezeichnete Therapeuten im Sinne moderner Psychotherapie.

Buntes Völklein von Bekehrten

Die ersten Mönche des Christentums, die Wüstenväter, führten ein hartes Einsiedlerleben in den arabischen Wüsten, vor allem aber in Ägypten. Kein Besitz und keine andere Abhängigkeit sollte sie hindern, ihre Seele ganz auf Gott auszurichten. Diese Wüstenväter und -mütter waren allerdings vorerst keine sehr heiligen Menschen, sondern ein buntes Volk von Bekehrten mit ganz unterschiedlichem Hintergrund. Unter ihnen gab es zum Beispiel einen bekehrten Räuberhauptmann; ein anderer floh in die Wüste, um sich vor Frauen und Bischöfen zu retten.

Gemeinsam war ihnen, dass sie mit Persönlichkeitsstörungen aller Art kämpften. Viele litten unter depressiven Störungen. Ihr Leiden hinderte sie aber nicht daran, sich diesen Störungen zu stellen. Und dieser Kampf war noch schwieriger als der Kampf um das körperliche Überleben in der Wüste, wie Psychiatrieprofessor Hell erklärte. Doch später wurden sie zu Beratern und Therapeuten vieler Menschen, die sie in der Wüste aufsuchten.

Antonius, einer der frühesten Wüstenmönche, wurde durch das Beschreiben seiner Versuchungen bekannt. Sie wurden von vielen Künstlern dargestellt, die sich offenkundig davon angesprochen fühlten. Der Isenheimer Altar, aber auch Salvador Dalis Werk, zeugen davon. Diese Künstler stellen die inneren Kämpfe als äussere Bedrohung dar, wie sie oft auch von den Eremiten in Form von Heimsuchungen durch Dämonen erlebt wurden. Dorfbewohner, die am zerfallenen Kastell in der ägyptischen Wüste vorbeigingen, wo er sich zurückgezogen hatte, hörten ihn oft schreien. In den „Vätersprüchen“ wird berichtet, dass er mit Verstimmung und mit düsteren Gedanken kämpfte. Heute würde man für sein Leiden das Wort „Depression“ verwenden, die Wüstenväter sprachen von der „Akedia“.

Gegen den Dämon der Depression

Das Akedia-Konzept der Wüstenväter betont die Auswirkungen von Gedanken, Vorstellungen und spontanen Einfällen. Die Leidenschaften, welche die Gedankenwelt erfassen, gefährden die Persönlichkeit des Menschen und können krank machen. Der Schriftsteller Evragius Ponticus sah in der Depression ein Übermass an Verstimmtheit, Ekel und Überdruss.

Er schrieb von einer Erschlaffung der Seelenkräfte und machte dafür den „Dämon der Akedia“ verantwortlich. Dieser bereite vielen Eremiten die grössten Schwierigkeiten ... Er lasse sie den Tag wie 50 Stunden erleben, er lasse Hass aufsteigen über den Ort, wo man sich befinde und Verzweiflung, dass es niemanden gibt, der einem Mut zuspricht.

Die mitleidlose Selbstbeobachtung in der Abgeschiedenheit und Stille habe jedoch die Wüstenmönche davor bewahrt, das seelische Erleben selbst zu problematisieren. Hell: „Die aufmerksame Selbstbeobachtung hat sie vielmehr gelehrt, die einschiessenden Gedanken als Probleme wahr zu nehmen und in ihnen die Ursachen ihrer Verstimmungen und Leidenschaften zu sehen. Sie haben damit Erkenntnisse voraus genommen, die heute durch die kognitive Psychotherapie neu entdeckt werden.

Die Wüstenmönche hätten eben erkannt: Man kann nicht ohne Versuchungen ins Himmelreich eingehen. Man kann ihnen aber widerstehen und sie nicht zur Sünde werden lassen. Insbesondere der Versuchung der Akedia habe man ins Auge geblickt, denn sie habe als die schlimmste von allen gegolten – aber auch die grösste Reinigung der Seele zur Folge gehabt (Evragius Ponticus).

Aktiv Widerstand leisten

Hell bedauert, dass die Depressionen heute nur noch als Krankheit und nicht mehr als Herausforderung gesehen werden. Dagegen habe sein Patient, der Filmemacher Rolf Lissy, beschrieben, wie er die Depression überwunden habe. Die Wüstenväter hätten Rezepte gegen die Depression verwendet, die heute wieder modern geworden seien. Sie verlangen, dass man die Akedia zuerst einmal akzeptiert. Zweitens entwickelten sie ein „anders Denken“. Depressive Menschen neigten dazu, negativ zu denken und sich nichts zuzutrauen. Die kognitive Psychotherapie versuche, diese zu relativieren und zu hinterfragen. Genau das hätten die Wüstenväter auch getan - mit einem biblischen Konzept. Negativen Gedanken hätten sie Bielworte entgegengesetzt. Sie hätten empfohlen, auch der Traurigkeit Raum zu geben und die Emotion nicht zu verdrängen. Tränen stellten sie als einen Hort des reinen Erlebens dar. Sie empfahlen insbesondere auch, einen geordneten Lebensrhythmus zu entwickeln. Zum Beispiel einen Tag-Nacht-Rhythmus. Auch das ist in der modernen Psychiatrie wieder entdeckt worden. Ebenso werde der Ratschlag der Wüstenväter, sich der eigenen Sterblichkeit bewusst zu sein (momento mori), als Element auf dem Weg zur Heilung wieder ernst genommen.

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Daniel Hell

Aus Depressiven wurden Seelsorger

Die Folge: Die zuerst isoliert lebenden Mönche wurden immer mehr von psychisch Leidenden aufgesucht und entwickelten sich so zu Therapeuten und geistlichen Beratern. Ihre Einsicht und Grundhaltung kam aus der persönlichen Erfahrung. Hell: „Sie fragen nicht nach der richtigen Therapie, sondern: Wer bin ich eigentlich?“ Ihre Einsichten und Ratschläge hätten sie vor allem mit Geschichten weiter gegeben, die den Vorrang des Seins vor dem Schein betonten. Dabei hoben sie geistlich nicht ab, sondern blieben auf dem Boden der Realität.

Die Wüstenmönche wussten: Wenn das therapeutische Wort nicht durch die eigene Erfahrungen abgestützt ist, droht es zur leeren Rede zu werden.

Es ist gefahrvoll, wenn einer lehren will, der nicht durch das Leben hindurchgegangen ist. Hell betonte: „Das ist ein klarer Widerspruch zum Machbbarkeitsdenken im modernen Gesundheitswesen.“

In der modernen Psychiatrie habe der Begriff „Santogenese“ Auftrieb erhalten, so Hell. Seine Anhänger sähen den leidenden Menschen nicht als passives Subjekt, sondern als eigenständige Person mit Ressourcen, die es zu unterstützen gelte.

Die Seele ernst nehmen

Die Seele sollte laut Hell als Fundament des Persönlichkeit nicht in Frage gestellt werden. Man soll sie auch nicht in Funktionseinheiten auflösen. Noch gebe es tausend Spielarten der Manipulierbarkeit des Leidens und der Ablenkung, stellt Daniel Hell kritisch fest. Die Wüstenväter jedoch haben radikal die Selbsterfahrung in den Mittelpunkt gestellt. Sie waren sich der Notwendigkeit der geduldigen Selbstbesinnung bewusst. Hell dazu: „Vielleicht finden die von den Wüstenvätern überlieferten Einsichten gerade heute eine so grosse Resonanz, weil sie auf etwas aufmerksam machen, das in der stärker instrumentalisierten Lebensführung der Spätmoderne verloren zu gehen droht.“

Datum: 30.10.2003
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet.ch

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