Sorgenkinder: Designerbabys

London. Eine Gerichtsentscheidung in England ruft neue Ängste über den unrechten Gebrauch von Embryonen hervor. Der "Britische Berufungsgerichtshof“ gab einem Ehepaar grünes Licht für die Anwendung eines Embryonentests, damit sie ein Baby haben können, das als Knochenmarkspender für sein Brüderchen dienen soll. Bei diesem Verfahren, das unter der Bezeichnung Präimplantationsdiagnostik (PID) bekannt ist, werden die durch In-vitro-Fertilisation erzeugten Embryonen untersucht, und es wird der Embryo, oder die Embryonen, für die Einpflanzung in die Gebärmutter ausgewählt, welche die gewünschten genetischen Merkmale haben.

Der vierjährige Sohn von Raj und Shahana Hashmi, Zain, leidet an einer Blutkrankheit, der sogenannten Thalassämie. Er kann zwar mit Bluttransfusionen behandelt werden, aber eine Knochenmarksverpflanzung verspricht eine längerfristige Heilung.

Zu der Gerichtsentscheidung sagte Shahana Hashmi: “Wir haben von Anfang an gesagt, dass im Mittelpunkt dieses Falles unser Sohn stand, ein kleiner Junge, der sehr leidet.” Sie fügte hinzu: “Wir freuen uns auch sehr, weil dieser Fall die Tür für anderen Familien öffnet, die leiden.”

„Eine Niederlage für die Gesellschaft“

Die Entscheidung kippte das Urteil des obersten Zivilgerichts im Dezember, in dem es hiess, dass die Human Fertilization and Embryology-Behörde nach bestehendem Gesetz nicht die Vollmacht habe, das Verfahren zu genehmigen. Das damalige Urteil hatte sich dem Einspruch Josephine Quintavalles von der öffentliche- Interessen- Gruppe “Comment on Reproductive Ethics” (“Beitrag zur Fortpflanzungsethik”) angeschlossen.

Im Anschluss an diese Entscheidung erklärte Frau Quintavalle: “Hier geht es um ganz wichtige Rechtsfragen, und von diesem Blickwinkel aus betrachtet, bedeutet die Entscheidung eine Niederlage für die gesamte Gesellschaft und sicherlich eine überwältigende Niederlage für die parlamentarische Demokratie .”

Die “Gesellschaft für den Schutz ungeborener Kinder (SPUC)” äusserte sich ebenfalls kritisch über die Genehmigung. In einer noch am selben Tag herausgegebenen Pressemitteilung sagte der Generalsekretär von SPUC, Paul Tully: “Dieses abweichende Urteil ist die Spitze des Keiles, der hineingetrieben wird, um die Genehmigung dazu zu erreichen, Embryonen aus nicht medizinischen Gründen erzeugen und selektieren zu dürfen. Viele Embryonen werden jetzt erzeugt werden - und sterben - bei dieser sittlich unerlaubten Suche nach genetisch wünschenswerten Kindern.”

Er betonte auch, dass laut der britischen Gesellschaft für Thalassämie Zain Hashmis Zustand, entgegen Behauptungen der Medien, nicht lebensbedrohend sei.

Tully äusserte Mitgefühl mit der Familie, fügte aber hinzu: “Wir betrachten es als beklagenswert, dass Leiden von Familien und Kindern als Mittel emotionaler Erpressung benutzt werden, um zu fordern, dass menschliche Embryonen im Reagenzglas zerhackt, untersucht und weggeworfen werden dürfen, als wären sie leblose Probestücke aus einem industriellen chemischen Prozess.

In dieser Woche wurde auch im “New England Journal of Medicine” die Anwendung von PID in einem ähnlichen Fall bekannt gegeben. Laut “Chicago Tribune” betrifft der Fall ein Baby, das als Embryo mit dem Ziel ausgewählt worden war, frei von dem angeborenen Defekt zu sein, der als Holoprosenkephalie bekannt ist, einer Anomalie, bei der das Gehirn sich nicht in eine rechte und eine linke Hirnhälfte teilt.

Die Studie berichtete über ein Ehepaar, dessen Identität nicht angegeben wird, das bereits zwei Kinder mit diesem Defekt hatte. Der fünfjährige Sohn ist von dem Defekt nicht so stark betroffen und entwickelt sich normal, während das zweite Kind bald nach der Geburt starb.

Für die jüngste Geburt pflanzte Dr. Yury Verlinsky nur solche Embryonen ein, die den genetischen Defekt nicht hatten -- wobei er allerdings einräumte, dass er auch Embryonen aussortiert haben könnte, die sich zu gesunden Kindern hätten entwickeln können.

Laut “Chicago Tribune” sind weltweit mehr als 1000 gesunde Babys mit Hilfe von IVF-PID Verfahren geboren worden, von denen mehr als 400 in Verlinskys Klinik erzeugt wurden. Eine Präimplantationsdiagnose kostet ungefähr 2.000 Dollar zusätzlich zu der In-vitro-Fertilisation, deren Kosten zwischen 6.000 und 12.000 Dollar pro Versuch schwanken.

Das Urteil öffnet Tür und Tor

Manche befürchten, dass die Entscheidung, die es der Familie Hashmi erlaubt, PID anwenden zu lassen, um ein Designerbaby zu Transplantationszwecken auszuwählen, eine Aufweichung der britischen Richtlinien in dieser Sache zur Folge haben könnte. In einem ähnlichen Fall hatte im vergangenen Jahr die “Human Fertilization and Embryology”-Behörde entschieden, dass es zwar annehmbar sei, Embryonen zu testen und auszuwählen, um die Geburt eines Babys mit einer genetischen Krankheit zu vermeiden, dass es aber nicht ethisch annehmbar sei, sie auszuwählen, um einem anderen Kind zu helfen.

Infolge dieser Entscheidung war ein britisches Ehepaar, Michelle und Jason Whitaker, in die Vereinigten Staaten gereist, so dass Ärzte PID anwenden konnten, um zwei Embryonen in die Gebärmutter der Ehefrau einzupflanzen. Ihr vier Jahre alter Sohn, Charlie, leidet an einer Art von seltener Anämie, durch die er anfälliger für Krebs und andere tödliche Komplikationen ist.

Michelle Whitaker ist jetzt schwanger, und das Ehepaar hofft, dass ihr Sohn durch eine Zelltransplantation von Zellen der Nabelschnur des neuen Babys geheilt werden kann. PID wurde angewendet, um sicherzustellen, dass das Gewebe des Babys kompatibel sein wird.

Inzwischen erhielt in Australien ein Ehepaar aus Melbourne vor kurzem die Erlaubnis, PID anwenden zu lassen, um ein Designerbaby zu bekommen, berichtete die Zeitung “Age” am 12. März. Die Genehmigung durch das Ethik-Komitee des Epworth-Krankenhauses gilt als die erste in Australien erteilte Erlaubnis, IVF in Kombination mit genetischem Testverfahren und Auswahl des passenden Gewebes anzuwenden, um ein Spenderkind für ein krankes Geschwister zu schaffen.

Man nimmt an, dass das Kind des Ehepaares eine todbringende Krankheit hat. Seine einzige Überlebenschance bestehe darin, eine Bluttransfusion aus der Nabelschnur eines vollkommen passenden Geschwisters zu bekommen.

Klärung der ethischen Kriterien

Niemand ist Herr über das Leben. Niemand hat das Recht, das Leben zu manipulieren, zu unterdrücken oder gar zu nehmen, weder das der anderen noch das eigene. Die Wissenschaft hat bewiesen, dass ein Embryo ein menschliches Individuum ist, das seine eigene Identität vom Augenblick der Befruchtung an besitzt. Deswegen ist es folgerichtig, zu fordern, dass diese Identität rechtlich anerkannt wird, vor allem in seinem Grundrecht auf Leben.

Durch den Fortschritt in der Wissenschaft sind neue Grenzen geöffnet worden - und dies bedeutet, dass eine enorme Macht und Verantwortung in den Händen der Menschheit liegt. Wenn die Kultur des Todes vorherrscht, wenn auf dem Gebiet der medizinischen und biomedizinischen Forschung diejenigen, die forschen, sich durch ihren Ehrgeiz bestimmen lassen , ist es unvermeidlich, dass die menschliche Würde und das Leben des Menschen selbst besorgniserregend bedroht ist. Was dringend notwendig ist, dass die Arbeit auf diesem Sektor von der Kultur des Lebens bestimmt wird. Es ist die Priorität der Ethik vor der Technologie, der Vorrang der Person vor den Dingen und die Überlegenheit des Geistes über die Materie. Im Augenblick scheint diese Hierarchie auf den Kopf gestellt zu sein.

Datum: 09.05.2003
Quelle: Zenit

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