„Ganz der Papa!“

Dieser entzückte Ausruf von den Grosseltern könnte demnächst genetische Wirklichkeit werden: ein Mensch, der ganz und gar die genetische Kopie eines anderen Menschen ist und nicht mehr die unvorhersehbare und zufällige Kombination väterlicher und mütterlicher Erbanlagen. Ein geklonter Mensch!

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Zukunftsmusik: "Klon dir deine Schwester." Zwillinge schon bald out?
Ganz die Mama, ganz der Papa, so soll es kommen, wenn es nach dem Willen des Arztes Severino Antinori ginge. Das makabere Rennen um das erste geklonte Baby geht in die nächste Runde. Monatelang hatte die Klonfirma Clonaid der Ufosekte Raël die Nase vorn. Brigitte Boisselier hatte in unzähligen nebulösen Ankündigungen Klonprojekte vorgestellt und das erste Klonbaby für das laufende Jahr versprochen.

Kürzlich lief ihr jedoch der italienische Arzt Severino Antinori den Rang ab. Eine seiner Patientinnen sei in der 8. Woche mit einem Klon schwanger.

Wie Gott werden

Schon Anfang 1998 sorgte der amerikanische Physiker Richard Seed mit seiner Ankündigung, er wolle Menschen klonen, für Furore. Zu der grossen Aufregung um seine Pläne gehörte auch die „theologische“ Begründung, die Seed für seine Pläne anbot: der Methodist aus Riverside meint, mit seinem Tun den Auftrag Gottes zu erfüllen. „Gott hat den Menschen nach seinem Bild geschaffen. Sein Plan für die Menschheit ist, dass wir eins mit Gott werden. Und dies ist ein bedeutender Schritt in diese Richtung.“ In einem Interview bei der BBC ging Seed dann noch einen Schritt weiter: „Gott wollte, dass der Mensch eins wird mit ihm. Klonen ist der erste ernsthafte Schritt, wie Gott zu werden.“

Warum will man das eigentlich?

Andererseits kann dies nicht der einzige Grund sein, der dazu führen könnte, Menschen zu klonen. In der Tat wissen die Verfechter des Klonens Gründe anzuführen. Nur wenige benennen dabei unverhohlen den Traum, sich selbst durch die Produktion eines identischen „Zwillings“ unsterblich zu machen.

Sie beginnen mit eher harmlos, ja geradezu sinnvoll erscheinenden Anwendungsmöglichkeiten. Das ungeschlechtliche Vermehren meint ja nicht nur vollständige Lebewesen. Nein, auch Zellen, Gewebe oder Organe könnten theoretisch durch Klonierung entstehen und dann als Organspenden zur Verfügung stehen. Man denke nur etwa an einen Querschnittsgelähmten, dem mit einem stimulierten Nachwuchs von Nervengewebe entscheidend geholfen wäre.

Der amerikanische Philosoph Philipp Kitcher sieht zwar der Ideen des Klonens mit einer gewissen Skepsis, kann sich aber durchaus sinnvolle Optionen vorstellen: er denkt etwa an einen geklonten Bruder für einen nierenkranken Menschen, der eine Spenderniere braucht – der Klon als Organbank! –, oder an ein lesbisches Paar, das um jeden Preis ein Kind haben möchte, das biologisch mit ihnen beiden verbunden ist. Beides hält Kitcher für ethisch legitim.

In eine ähnliche Richtung gehen die Gedanken von Feministinnen, die in einer Schwangerschaft à la Schaf Dolly die endlich errungene vollständige Unabhängigkeit vom männlichen Geschlecht erblicken.

Eine Kopiermaschine für den Menschen gibt es nicht

Käme ein Mensch doch auf die Idee, er müsse einen Klon seiner selbst, einen verspäteten Zwilling also, in die Welt setzen, und wäre dann auch noch das technische Verfahren von Erfolg gekrönt: was käme denn dabei heraus? Eben nicht ein wirklicher Doppelgänger, sondern höchstens ein genetischer Zwilling. Höchstens deshalb, weil es durch die Innewohnung in einer fremden Eizelle und durch die Reifung in einem fremden Mutterleib doch zu genetischen Variationen kommen wird. Selbst wenn es gelänge, einen genetischen Zwilling zu „erzeugen“: Der Mensch lebt nicht nur vom Genom allein. Diesem Zwilling fehlte die Lebensgeschichte und Lebenserfahrung, die soziale Einbindung und Erziehungstradition. Er wäre dann letztlich nicht derselbe, sondern ein ganz anderer.

Die heimliche Ideologie

Der Traum vom genetischen Zwilling hat letztlich mit dem Traum von der Unsterblichkeit zu tun. Es ist die Sehnsucht nach einer säkularen Wiedergeburt. Nicht nur in den eigenen Kindern weiterleben zu können, sondern vielleicht in einem Kind, das in Wahrheit nicht mein Kind ist, sondern biologisch mein „Zwillingsbruder“, eine getreue Kopie meiner selbst, das erregt die Fantasie des Menschen, der sich seiner Endlichkeit schmerzhaft bewusst ist. Das Wissen darum, dass ich jetzt lebe, einst aber sterben muss, ist ein fundamentaler Bestandteil des biblischen Gottesglaubens.

Die Würde des menschlichen Lebens

Diese Würde, die jedem Menschenkind, unabhängig von Leistungsfähigkeit und Gesundheit, von Gott zugesprochen wird, die unverdient und darum unverlierbar jedes Menschenkind hat, ist in der biblischen Tradition verankert und ist zugleich die Grundlage jeder humanen Gesellschaft. Diese Würde kommt dem einzelnen Menschen aus keinem anderen Grund zu ausser dem einen: dass er ein Mensch ist. Und diese Würde verträgt keinerlei Bedingung oder Verzweckung. Das Kind, das geboren werden soll, ist nicht Mittel zu irgendeinem Zweck, der seinem Leben erst Recht und Sinn gäbe.

„Marktwert Kind“

Im Blick auf die Reproduktionsmedizin steht das Thema „Klonen von Menschen“ in einem grösseren Zusammenhang. Es ist der schwierige Umgang mit dem unerfüllten Kinderwunsch. Hier ist inzwischen eine „Babyindustrie“ entstanden, die Milliarden umsetzt. Der Wunsch nach dem eigenen Kind wird nicht selten zur teuren Sucht, die vor keiner Grenze mehr Halt macht.

Wird das Klonen als Unfruchtbarkeitstherapie eingesetzt, so verschärfen sich Tendenzen zur Vermarktwirtschaftlichung des Lebens. Das geklonte Kind könnte beispielsweise einer Wegwerfmentalität zum Opfer fallen, wenn es die hoch gesteckten Erwartungen nicht erfüllt, wenn nicht statt des erträumten zweiten Bill Gates oder ein ganz durchschnittliches Kind heranwächst oder (im schlimmeren Fall) ein durch einen genetischen Unfall schwer behindertes Kind zur Welt kommt. Wird es dann nicht heissen: „Das ist nicht das erwünschte Produkt. Nehmen Sie es zurück. Wir nehmen unser Recht auf Reklamation in Anspruch“? Wer Gott spielen und den Menschen produzieren will, muss damit rechnen, dass der Umgang mit dem Menschen immer mehr dem Umgang mit Produkten gleicht.

Unverfügbarkeit des Lebens

Jedes Kind ist das Ergebnis einer neuen, nie da gewesenen, überraschenden Kombination des Erbgutes seiner Eltern. Der Spielraum, den ein Mensch in seinem Leben hat, wird nicht zuletzt durch diesen Zufall ermöglicht und begrenzt. Neu wäre die Möglichkeit der Eltern diese Zufälligkeit in die Hand nehmen und dem eigenen Kind verordnen. Diese Entscheidung von „Erzeugern“ nennt der Philosoph Jürgen Habermas „eine selbstherrliche und selbstverliebte Verdoppelung“ der eigenen genetischen Ausstattung. Weiter kann Habermas als Philosoph nicht gehen. Christen sagen es noch etwas deutlicher: hier tobt sich der Mensch aus, der endgültig den Platz Gottes einnehmen will. „Sein wie Gott“.

Und wenn es doch, wider alle Vernunft, geschieht?

Dann wird man eines heute schon festhalten müssen: unabhängig vom Weg in dieses Leben hinein, gebührt jedem Menschen die unbedingte Anerkennung seiner Würde. Auch für ein geklontes Kind, so fragwürdig auch seine Entstehung war, ist Christus gestorben und auferstanden. Wenn also diese Entwicklung nicht aufzuhalten sein sollte, dann liegt das ethische Problem gewiss bei denen, die diesen Weg einschlagen, nicht aber bei dem Kind, das auf diese Weise zur Welt kommt. Es ist auch dann „Geschöpf“ und kein „Machwerk“.

Datum: 03.05.2002
Autor: Bruno Graber
Quelle: Jesus.ch

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