Mehr als Erntedank

Kann man Danken tanken?

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Gerade war Erntedank und viele Menschen haben beim Blick auf einen Tisch voller Lebensmittel festgestellt, dass sich ihre Dankbarkeit momentan in Grenzen hält. Einerseits ist das normal, andererseits lässt sich Dankbarkeit auch kultivieren.

Den meisten Menschen ist es klar, dass Dankbarkeit ihnen selbst guttut. Trotzdem ist sie kein Selbstläufer. Sie stellt sich nicht automatisch ein, sobald ich vor einem dekorierten Tisch voller Kürbisse, Äpfel und Haferflocken stehe. Je nach persönlicher Situation höre ich dann Bibelverse mit ganz anderen Ohren. Wenn Paulus zum Beispiel im Epheserbrief erklärt: «Sagt allezeit Gott, dem Vater, Dank für alles, in dem Namen unseres Herrn Jesus Christus.» (Epheser, Kapitel 5, Vers 20) An manchen Tagen mag sich diese Aufforderung richtig und normal anfühlen, an anderen als Herausforderung erscheinen. Da weckt es bei mir Erinnerungen an streng blickende Erwachsene, die mich fragen: «Und was sagt man als braver Junge, wenn man etwas geschenkt bekommt?», wobei die erwartete Antwort natürlich ein herausgepresstes «Danke» ist. Zum Glück ist dieser Vers nicht so gemeint – aber wie funktioniert es denn nun, dankbar zu sein? Und kann ich diese Dankbarkeit mitbestimmen?

Den Mix akzeptieren

Tatsächlich ist Dankbarkeit viel mehr als ein Gefühl, das mich überfällt oder eben nicht. Natürlich gibt es das auch. Solch eine Welle der Dankbarkeit habe ich jedes Mal erlebt, als unsere Kinder geboren wurden. Ich hätte die Welt umarmen können und in meinem Leben war für nichts mehr Platz ausser für Liebe und Dankbarkeit – doch das hat sich sehr schnell wieder geändert. Und es scheint mir auch nicht die richtige Lösung zu sein, mehrere Kinder pro Woche zu bekommen, um häufiger dankbar zu sein.

Tatsache ist, dass in unserem Leben meistens unterschiedliche Dinge nebeneinander passieren: Da bin ich unendlich dankbar dafür, dass ich einen neuen Arbeitsplatz gefunden habe, aber am selben Tag fährt jemand mein Auto am Strassenrand an und begeht Fahrerflucht. Aus Mischungen wie dieser besteht das ganze Leben, und immer wieder kommen in meinem Alltag neben Dankbarkeit auch Angst, Freude, Ärger, Gleichgültigkeit und viele andere Gefühle vor. Wenn ich Dankbarkeit nur als hundertprozentige Dankbarkeit sehe und akzeptiere, dann schraube ich meine Erwartungen zu hoch und erlebe sie viel zu selten.

Erinnerungen schaffen

Manchmal überfällt mich die Dankbarkeit einfach. Dann springt sie mich an wie ein übermütiger Hund und leckt mir übers Gesicht. Und manchmal weiss ich zwar, dass ich eigentlich viele Gründe habe, dankbar zu sein – es fällt mir aber keiner ein. Für solch einen Fall ist es hilfreich, vorzusorgen und mir Gedächtnisstützen zu schaffen, die mir helfen, mich an das Gute zu erinnern, wofür ich dankbar bin.

Ein gutes Beispiel dafür steht im ersten Teil der Bibel im Buch Josua. Das Volk Israel konnte damals nicht ins Land Kanaan gelangen, weil der Jordan eine natürliche Grenze bildete. Doch Gott hielt das Wasser auf, sodass alle trockenen Fusses hinüberkamen. Drüben angekommen befahl Josua zwölf Männern: «Geht ins Flussbett und holt dort zwölf grosse Steine. Bringt sie her und schichtet sie auf. Wenn euch dann später eure Kinder fragen: 'Papa, was sind das für seltsame Steine?', dann könnt ihr ihnen erklären, wie uns Gott hier geholfen hat.»

So etwas ähnliches kann ich auch tun – es müssen ja nicht gerade zwölf grosse Steine sein, die ich im Flur vor meiner Mietswohnung aufstaple, aber vielleicht das Foto eines lieben Menschen, ein kaputtes Überbleibsel aus dem Auto, aus dem ich nach deinem Unfall heil herausgekommen bin oder irgendetwas anderes, das mich persönlich ermutigt und dankbar stimmt.

Anlass suchen

Manchmal kann ich einen Anlass zur Dankbarkeit nur entdecken, wenn ich eine etwas breitere Perspektive habe. Wenn ich den Blickwinkel Gottes einnehme und nicht den eines «Hühnergotts». Als Hühnergott bezeichnet man einen Stein mit einem natürlichen Loch. Seinen Namen hat er von dem Aberglauben, dass Hühner besser legen würden, wenn man solche Steine in ihrem Stall aufhängt. Abgesehen von diesem Aberglauben erhalte ich beim Durchsehen durch solch einen Stein eine Art Tunnelblick – ich sehe nur einen sehr kleinen Teil der Wirklichkeit. Im wahren Leben läuft niemand mit solch einer Brille herum, doch in Bezug auf Dankbarkeit geschieht es ziemlich oft: Da bestimmen nur die neuesten Nachrichten aus der Ukraine meinen Horizont oder ich fokussiere mich auf ein Problem und vergesse, dass darum herum noch vieles andere existiert. Wenn ich selektiv sehe, verliere ich den Überblick, die Sicht fürs Ganze und eventuell auch meine Dankbarkeit.

Damit ist Dankbarkeit mehr als ein Gefühl. Sie ist meine Entscheidung für das grössere Bild – gegen den Tunnelblick. Sie ist mein bewusstes Erinnern an all das, was Gott bereits Gutes in meinem Leben getan hat. Und sie entspringt meiner Haltung, bereits dann dankbar zu sein, wenn einige Aspekte im Leben gut laufen – alle werden es nur sehr selten sein. Damit ist Dankbarkeit mehr als ein bunter Erntedanktisch – gleichzeitig kann dieser ein guter Ausgangspunkt für meine Haltung sein.

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Datum: 04.10.2022
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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