Geliebte Irrtümer

Wenn mir die Unwahrheit einfach besser gefällt

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Natürlich ist Wahrheit ein elementarer Bestandteil der christlichen Ethik. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass die Unwahrheit einfach besser zu den eigenen Zielen passt – und das passiert nicht so selten, wie man denken sollte.

«Eine Lüge ist eine Aussage, von der der Sender (Lügner) weiss oder vermutet, dass sie unwahr ist», erklärt Wikipedia. Das trifft unseren Sachverhalt nicht ganz. Hier geht es vielmehr darum, dass es den Erzählenden egal ist, ob das wahr ist, was sie gerade weitersagen. Es dient ihren Zwecken. Ihrem Machterhalt. Vielleicht sogar dem «Evangelium». Deshalb fragen sie nicht weiter nach und erzählen das, was sie erzählen wollen, nicht das, was wahr ist. Gern wird dieses Handeln mit einem Hinweis begründet, dass die Aussage zwar nicht ganz richtig sei, aber irgendwie doch den Tatsachen entspreche… jedenfalls wichtig und gut sei.

Klingt das unwahrscheinlich? Schauen wir einmal in die ältere katholische und die jüngere evangelische Vergangenheit. Da finden wir zwei von unendlich vielen Beispielen, die typisch für diese Art der Kommunikation sind.

Eine Schenkung, die es nie gab

Bevor Konstantin der Grosse das Christentum zur Staatsreligion erhob, verfolgte er die Christen. Doch dann erkrankte er schwer an Lepra. Seine Ärzte rieten ihm, Kinder zu töten und im Blut dieser Unschuldigen zu baden. Konstantin lehnte ab. In derselben Nacht erschienen ihm Petrus und Paulus im Traum, die ihn gemeinsam an den damaligen Papst Silvester verwiesen. Dieser kam und heilte den kranken Kaiser durch ein wundertätiges Taufbad. Aus Dankbarkeit schenkte er dem Kirchenoberhaupt und seinen Nachfolgern die Vorherrschaft im westlichen Teil des Römischen Reiches und legte seine Vormachtstellung gegenüber anderen christlichen Kirchen fest. Dieser Akt ging als Konstantinische Schenkung in die Geschichtsbücher ein. Doch er hatte so nie stattgefunden. Tatsächlich wurde Konstantin erst auf seinem Totenbett in der Türkei von Bischof Eusebios getauft – das machte jedoch nicht so viel her wie eine päpstliche Taufe in Rom.

Schon 1440 wies Lorenzo Valla schlüssig nach, dass die angebliche Urkunde eine plumpe Fälschung war. Bis dahin hatte die Kirche sich jedoch bereits jahrhundertelang darauf berufen. Papst Leo IX. begründete als erster im Mittelalter damit das Primat des Papstes: Niemand sollte dessen Entscheidung anzweifeln. Die Entlarvung als Fälschung in der Renaissance änderte – nichts. Angeblich war zwar die Urkunde gefälscht, aber die Schenkung an sich ein historisches Ereignis.

Ähnlich war die Bewertung der weltlichen Macht der Päpste im Westen. Gern hielten sie, solange es möglich war, daran fest. Das Symbol dieses Anspruchs war die Tiara, die Papstkrone, die bis ins letzte Jahrhundert hinein getragen wurde. Erst Johannes Paul I. lehnte sie 1978 nach der Papstwahl ab und erst Benedikt XVI. liess sie 2005 (!) aus dem Wappen des Papstes entfernen.

Die Wahrheit spielte hier keine grosse Rolle. Es ging um Macht und Herrschaft. Da sortierte man sich die Fakten so, dass sie die gewünschte Stellung unterstrichen. Peinlich, aber wahr.

Eine Zählung, die nicht stimmt

Ganz anders gelagert und doch sehr ähnlich ist eine ermutigende Botschaft, die vermutlich auf den Pfarrer der Märtyrerkirche Richard Wurmbrand zurückgeht: In der Bibel stehe 366-mal die Zusage Gottes: «Fürchte dich nicht!» Das reicht für jeden Tag des Jahres – sogar an Schaltjahren.

Die Griffigkeit dieser Aussage und der Trost, den sie bietet, sorgen dafür, dass sie bis heute regelmässig zitiert, gepostet und verbreitet wird. Das Problem: Sie stimmt nicht. Wer nachzählt, kommt je nach Übersetzung und auch nach herangezogenen ähnlichen Formulierungen auf 60 bis 104 Treffer. Das ist zu wenig, um es als «Rundungsfehler» durchgehen zu lassen. Erschwerend kommt hinzu, dass das normale Jahr im jüdischen Kalender nur 354 Tage hatte…

Die häufige «Entschuldigung» dazu lautet, dass die Aufforderung, sich nicht zu fürchten, unzweifelhaft in der Bibel steht. Stimmt. Und natürlich wäre sie auch dann gültig, wenn sie dort nur einmal vorkäme. Trotzdem geht die 366-fache Verstärkung zu weit. Hier geht es um Schönheit statt Wahrheit, um eine Art Gottesbeweis, der der Realität nicht standhält. Peinlich, aber wahr.

Eine Sorgfalt, die weiterhilft

Im Vorspann zu den Pippi-Langstrumpf-Filmen heisst es: «Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.» Das ist die Einstellung, die unausgesprochen hinter den beiden beschriebenen und zahllosen anderen Beispielen steckt. Wenn sich eine Äusserung gut anhört, ins eigene Weltbild passt und vielleicht sogar noch die eigene Position stärkt, dann wird sie gern «adoptiert». Bei Menschen jeder Glaubensrichtung, aber eben auch bei Christinnen und Christen. Dabei reicht es meistens, einmal kurz nachzudenken oder nachzuschlagen, bevor ich etwas weitergebe, nur weil es sich schön anhört, sich reimt oder meine Weltsicht unterstützt. Die Wahrheit mag nicht so plakativ einleuchtend sei, aber sie ist tragfähig.

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Datum: 28.07.2021
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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