Reden über Suizid

«Mein Mann war Pastor und hat sich das Leben genommen»

Der Satz klingt falsch. Denn Pastoren nehmen sich nicht das Leben. Sie helfen vielmehr anderen Menschen. Aber dass nicht sein kann, was nicht sein darf, hat noch niemanden gerettet. Darüber spricht die Pastorenwitwe Kayla Stoecklein seit dem tragischen Tod ihres Mannes vor zwei Jahren und hilft damit tatsächlich anderen Menschen.

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Kayla und Andrew Stoecklein (Bild: Instagram)
Andrew Stoecklein war Pastor einer US-Megakirche, der Inland Hills Church in Chino (Kalifornien). Er übernahm die Gemeindeleitung kurz nach dem Tod seines Vaters, mitten in die Trauerphase hinein. In der Folge hatte er mit Stalkern zu kämpfen, mit Depressionen und Panikattacken. Nach einer mehrmonatigen Auszeit hielt er im August 2018 noch eine Predigt über Elia, in der er sehr offen über psychische Gesundheit sprach. Zwei Wochen später nahm er sich das Leben (Livenet berichtete).

Darüber spricht man nicht

Kayla Stoecklein (31), seine Witwe, tat etwas, das nach einem Suizid nicht normal ist: Sie ging mit dem Thema und ihrer Trauer an die Öffentlichkeit. Das ist seitdem ihre Mission. Der Christian Post erzählte sie: «Viele glauben, dass echte Christen nicht mit Depressionen, Ängsten und Selbstmordgedanken kämpfen. Aber das ist einfach nicht wahr.» Und sie ergänzte: «Direkt nach seinem Tod wurde mir klar, dass Andrew sich in dieser Nacht nicht für den Suizid entschieden hat; er war vielmehr das Ergebnis seiner körperlichen Krankheit und der tiefen Schmerzen, die er durchlitt.»

In christlichen Kreisen belastet eine weitere Schwierigkeit das offene Reden über Suizid: die Frage, ob jemand in den Himmel kommen kann, der sich das Leben genommen hat. «Das ist ein verbreiteter Irrglaube über Suizid, und es bricht mir das Herz», schrieb Kayla in ihrem Familienblog und unterstrich, dass ihr Mann bei Jesus in der Ewigkeit sei.

Leben im Rampenlicht

Eigentlich ist es eine Banalität, dass Pastoren, Missionare, Gemeindeleiter und sonstige christliche «Profis» auch nur Menschen sind. Doch manche von ihnen stellen selbst etwas Abstand her – zum Beispiel, um spendenwürdig zu sein. Aber auch viele Gemeindeglieder erhöhen ihre Leiterinnen und Leiter gern, damit sie auf der einen Seite Vorbilder haben und sich auf der anderen Seite sagen können, dass sie selbst zum Glück nicht so einen Dienst wie diese tun müssen, weil sie nicht so heilig sind. Kayla Stoecklein erfuhr diese Spannung schon sehr bald nach ihrer Hochzeit. Sie realisierte, wie erfüllend und schön der Dienst sein konnte, aber auch, wie anstrengend, enttäuschend, entmutigend und einsam. Alles drehte sich um den Gemeindedienst ihres Mannes, und seine Berufung wurde auch zu ihrer.

Dann nahm er sich das Leben. Und sie schreibt im Rückblick darauf in Christianity Today: «Das Leben, wie ich es kannte, veränderte sich für immer, und ich erhielt ein neues Dasein als Witwe und alleinerziehende Mutter mit drei kleinen Jungen. Plötzlich war unser Leben die traurige Geschichte, die alle im Internet verfolgten. Ich sah, wie Bilder unseres Lebens und Familienschnappschüsse plötzlich weltweit in den Schlagzeilen waren. Auf einmal standen wir im Rampenlicht.» Kayla hätte sich zurückziehen können, doch sie fällte eine Entscheidung: «Ich wollte nicht zulassen, dass der Suizid das letzte Wort hatte.»

Es ist eine normale Geschichte …

Während sie sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte beschäftigte und sich umschaute, ob es auch anderen schon so ergangen war, bemerkte Kayla, dass viele engagierte Christinnen und Christen unter psychischen Krankheiten leiden, überlastet sind, Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes haben, mit Panikattacken kämpfen oder einfach nur ausgebrannt sind. Und viel zu viele von ihnen kämpfen ihren Kampf allein, verlieren und nehmen sich das Leben.

Das ist in Europa übrigens nicht anders als in den USA. In Deutschland nahmen sich 2018 fast 9'500 Menschen das Leben – das sind deutlich mehr, als durch Verkehrsunfälle, Drogen, Morde und HIV zusammen sterben.

… aber es gibt Auswege

Suizid ist kein unabwendbares Schicksal. Menschen brauchen andere Menschen, die für sie da sind, ihnen Gottes Liebe zusprechen oder wie Kayla es für ihren Mann formulierte: «Jeder Pastor braucht einen sicheren Kreis von Menschen, bei denen er verletzlich sein kann. Er braucht enge Freunde und eine vertraute Gemeinschaft, wo er nicht aufpassen muss, seinen Pastorenhut abnehmen und einfach er selbst sein kann.»

Ähnliches gilt natürlich auch für Menschen, die keinen geistlichen Dienst haben. Entmutigung kann sich überall breitmachen. Besonders perfide ist sie allerdings im geistlichen Bereich, wenn Betroffene denken, dass sie doch nicht einfach Gottes Berufung fallenlassen können … Als Witwe solch eines Betroffenen sagt Kayla sehr deutlich: «Wenn dein Dienst dich umbringt, wenn er deine Familie zerstört, wenn er deine Depression verschlimmert, ist es höchste Zeit, mit jemandem zu sprechen und eine Pause einzulegen.»

In einem Livenet-Talk wurde ebenfalls über das Thema Suizid geredet. Dr. Sabrina Müller und Florian Wüthrich brechen das Tabu und sprechen über persönliche Erfahrungen zu diesem Thema:

Zum Thema:
Thema Suizid: Notruf für die Seele: Psalm 23
«Happy Birthday im Himmel»: Kay Warrens Brief an ihren verstorbenen Sohn
Das Tabu brechen: Wie weiter nach dem Suizid?

Datum: 23.09.2020
Autor: Hauke Burgarth / Kayla Stoecklein
Quelle: Livenet / Christianity Today

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