Persönlich

Wenn mein Glaube sich verändert, aber die Gemeinde nicht

Veränderung und Neuanfang gehören zu den grossen Themen im Leben als Christ. In der Regel jubelt die ganze Gemeinde, wenn man sich vorne hinstellt und sagt: «Ich habe mich bekehrt.» Auch Glaubenswachstum wird mitgefeiert. Doch was passiert, wenn man sich im Glauben und Denken verändert – die Gemeinde aber nicht? Oder in eine andere Richtung? Der Jubel bleibt jedenfalls aus. Ein Bericht von Hauke Burgarth.

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Hauke Burgarth
Ich bin mit 16 Jahren in einer Gemeinde zum Glauben gekommen, die in ihrer Prägung sehr eng war. Zusammenarbeit mit anderen Christen fand dort praktisch nicht statt, weil wir die einzigen wahren Christen auf der Landkarte waren. Jedenfalls nach unserer eigenen Wahrnehmung. Damals war das für mich völlig nachvollziehbar. Ich kannte nichts anderes. Nachdem ich eine Bibelschule besucht und geheiratet hatte, zogen wir um und engagierten uns in einer anderen Gemeinde. Die Christen dort waren – und sind! – extrem herzlich, aber Glaube wurde dort noch enger gelebt.

«Ihr tut uns gut»

Zehn Jahre lang habe ich mich mit Herzblut und viel Zeit in diese Gemeindearbeit eingebracht. Das Feedback war immer wieder: «Ihr bereichert uns und tut uns als Gemeinde gut.» Was nicht bedeutete, dass wir in der Gemeinde irgendetwas bewegen konnten. Ich fühlte mich oft als Paradiesvogel, dessen Kreativität zwar gern gesehen war, aber dessen Flügel regelmässig beschnitten wurden. Mein eigener Glaube hatte sich verändert und war längst weiter geworden.

Nach dem Ende meines Studiums bewarb ich mich bei Campus für Christus und wir zogen als Familie mit unseren Kindern nach Giessen. Für unsere Gemeinde waren wir damit nicht in eine missionarische Aufgabe hineingegangen, sondern «in die Welt». Gerade diese Einstellung zeigte uns, dass eine Veränderung dringend nötig war – nicht zuletzt unserer Kinder wegen.

Heilung und doch wieder Veränderung

In der neuen Umgebung schlossen wir uns einer Freikirche bei uns im Dorf an – und ich lernte dort, wieder frei zu atmen. In dieser Gemeinde fanden wir ein echtes Zuhause und sind auch nach 20 Jahren noch dort. Dummerweise habe ich allerdings nicht aufgehört, mich zu verändern. Die Zeit der klaren Antworten auf alles und jedes war bei mir schon länger vorbei.

Doch dann kamen Zweifel, die noch tiefer gingen. In meiner Herkunftsfamilie kam sexueller Missbrauch ans Tageslicht. Was hier in wenigen Worten nur angedeutet ist, atomisierte meinen bisherigen Glauben. Das Wort dafür – Dekonstruktion – mag sich ja noch interessant anhören, aber es fühlte sich nicht gut an, über eine längere Zeit in solch einem Zustand zu leben. Erschwerend kam hinzu, dass ich als Missionar in einem Missionswerk arbeitete und Ältester in unserer Gemeinde war.

«Wenn die wüssten»

Ich habe nicht jedem alles erzählt, was mich gerade bewegt, aber auch nie ein Geheimnis aus meinen Fragen gemacht. Inzwischen geht mir das Messer in der Hosentasche auf, wenn jemand im Gottesdienst behauptet: «Wir glauben doch alle …», und dann seine persönliche Meinung folgt, die oft nicht meine ist. Manchmal denke ich dann: «Wenn die lieben Geschwister neben mir wüssten, wie ich manche Glaubens- und Lebensfragen heute denke, wäre ich bei ihnen unten durch.» Manchmal stellt sich auch ein gewisser Hochmut ein: «Ich bin da eben schon weiter …», aber das hält zum Glück nie lange. Und manchmal habe ich den Wunsch, wieder zurückzufinden in mein einfaches System der klaren Antworten von früher. Aber nicht ernsthaft. Denn was ich einmal gedacht habe, kann ich nicht mehr zurückdenken. Und bei allen Fragezeichen geniesse ich die neue Freiheit meines veränderten Glaubens. Ich bin gespannt, wohin er mich noch führt.

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Datum: 09.09.2020
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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