Unterschiedliche Meinungen

Werden dank Corona die Predigten kürzer?

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Wie lange sollte die Predigt idealerweise dauern? Nach Corona wird «man» sich wieder sehen – aber Meinungen über die Länge der Predigt gehen bei Pastoren und Kirchenvolk deutlich auseinander.

Man hat sich fast daran gewöhnt: Der Pastor redet allein, seine Schäfchen starren daheim auf den Bildschirm, vielleicht noch im Pyjama oder beim Frühstück. Wenn man sich endlich wieder sehen darf, könnte es sein, dass die Zuhörer bei langen Predigten eher ungeduldig werden. Eine Umfrage des «Lifeway Research Institute» (Nashville / USA) bringt jedenfalls einige Differenzen an den Tag. 

Aufs Wesentliche konzentrieren

«Sie können über alles reden, nur nicht über 30 Minuten», soll der bekannte Pfarrer Wilhelm Busch in Deutschland seinerzeit Studenten und Kollegen ermahnt haben. «Jetzt, wo die Gottesdienste und andere Gemeindeaktivitäten langsam wieder anfangen, erwarten viele von der Kirche, dass sie sich aufs Wesentliche konzentrieren», sagt Scott McConell, Direktor von Lifeway Research. «Vor der Pandemie hätte das für einige Gottesdienstbesucher vor allem kürzere Predigten bedeutet.»

Die Umfrage in den USA kam zu dem interessanten Ergebnis, dass Pastoren und ihre Zuhörer die Länge einer Predigt gar nicht gleich einschätzen. 54 Prozent der protestantischen Pastoren in den USA glauben, dass ihre Predigten zwischen 20 und 30 Minuten dauern, und 85 Prozent sind zuversichtlich, dass sie nie über 40 Minuten predigten. Interessant ist, dass die Zuhörer die Predigten im Durschnitt deutlich länger empfinden als ihre Pastoren. Nur zwei Drittel der Zuhörer glauben, dass die Predigten nicht über 40 Minuten gehen (gegenüber 85 Prozent der Pastoren). Das restliche Drittel schätzt eine Predigtlänge sogar auf «eine Stunde» ein.

Unterschiede in Hautfarbe, Bildung und Denomination

Es erstaunt nicht: Weisse Pastoren predigen eher kürzer als 20 Minuten, während eine Predigt in afroamerikanischen Kirchen viel mehr «mindestens 40 Minuten» dauert. Interessant ist, dass die Länge der Predigt mit der Ausbildung des Pastors abnimmt: Pastoren mit einem Master- oder Doktorabschluss predigen deutlich eher «unter 20 Minuten» als solche mit einem Bachelor oder gar keiner Ausbildung, die deutlich eher «über 40 Minuten» reden. Auch predigen Pfarrer der «Mainline Churches» (vergleichbar mit unseren Landeskirchen) wesentlich kürzer: 54 Prozent reden unter 20 Minuten – eine Länge, die sich nur bei 17 Prozent der Pastoren der «Evangelicals» findet. 

Was wollen die Zuhörer?

Wie lang dauert die ideale Predigt aus der Sicht der Hörer? Für 27 Prozent sind es «20 bis 30 Minuten», für rund 25 Prozent darf die Predigt zwischen 30 und 40 Minuten dauern. Für deutlich kürzerer oder deutlich längere Predigten votieren viel weniger Hörer. Für gut die Hälfte (55 Prozent) der Hörer entspricht die Predigtlänge ihres Pfarrers ihren Erwartungen.

Tendenz: Predigt kürzen

Das bedeutet aber auch, dass 45 Prozent der Hörer sich eine andere Predigtlänge wünschen – doppelt so viele (27 Prozent) votieren für «kürzer» als für «länger» (13 Prozent). Das Resumee von McConnell: «Viele Pastoren haben während der Corona-Zeit online kürzer gepredigt. Mehr als ein Viertel der Gottesdienstbesucher wünschen sich, dass solche kürzeren Predigten auch weitergehen, wenn man sich wieder Mensch zu Mensch treffen darf.»

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Datum: 22.05.2020
Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Livenet

Kommentare

Ich weiss ja nicht woher diese Statistik zwischen afroamerikanischen und weissen Pfarrern kommt, aber ich glaube es stimmt nicht. Es gibt auch weisse Pfarrer, die fast eine Stunde predigen. Da würde ich gerne diese Quellen sehen.
Wie lange soll man predigen? Ganz einfach: So lange die Gemeinde interessiert und gespannt zuhört! Bei einigen Predigern sind da 10 Minuten mehr als genug, anderen hört man gerne auch 45 Minuten oder länger zu. Der Zusammenhang mit der Ausbildung und der Hautfarbe der Pastoren hat damit zu tun: Akademiker sind meist schlechte Prediger und weisse Pastoren predigen meist abstrakter und phantasieloser als schwarze Redner. Von daher kürzt, wer das Publikum nicht zu fesseln weiss und klug ist, seine Predigt besser aufs Wesentliche runter, wenn er sich nicht unbeliebt machen will.

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