Eine Vision für die Schweiz

«Wenn es zehn Kirchen mit über 1'000 Besuchern gäbe…»

Als Megachurch wird gemäss Hartford Institute for Religion Research (USA) eine Kirche mit über 2'000 Besuchern pro Wochenende bezeichnet. In Europa treten diese grossen Kirchen eher selten auf. Doch eine Gruppe von Leitern grösser Bewegungen träumt von mindestens zehn Gemeinden der Kategorie «1'000+».

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«Swiss Learning Community» (von links oben nach rechts unten): Marius Bühlmann, Niklaus Burkhalter, Reto Pelli, Matthias «Kuno» Kuhn, Johannes Wirth, Sämi Truttmann
Schon oft in der Kirchengeschichte geschah es so, dass Gott einer kleinen Schar Menschen ein Anliegen aufs Herz legte und aus diesem scheinbar unbedeutenden Grüppchen etwas ganz Grosses entstand. So könnte es vielleicht auch mit der «Swiss Learning Community» laufen. Seit sieben Jahren treffen sich die Leiter einiger grösserer Gemeinden in der Schweiz, um füreinander zu beten, sich auszutauschen und das Miteinander zu stärken. Marius Bühlmann, der Leiter der Vineyard Bern, erklärt: «Uns beschäftigte von Anfang an die Frage, wie wir den Leib Christi in der Schweiz stärken können.»

Die Herausforderung des Megachurch-Pastors

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ICF Zürich in der Samsung Hall
Eine Aussage des Willow Creek-Gründer Bill Hybels wirkte dann wie eine Initialzündung. Hybels forderte uns als Leiter heraus: «Wenn in einem Land zehn Gemeinden mehr als 1'000 Leute zählen, dann hat dies eine enorme Dynamik zur Folge.» Dies sei in Australien sehr eindrücklich zu beobachten gewesen. Auch in Ländern wie der Schweiz oder Deutschland werde sich die ganze Wahrnehmung der Christen grundlegend verändern, wenn erstmal zehn Gemeinden der Kategorie «1'000+» bestehen, so der Pastor aus den USA.

Eine der Gemeinden nahm an einer Learning Community von «Leadership Network» in England teil. Die Schweizer Leiter erkannten sofort das Potential einer solchen «Lerngemeinschaft» unter Pastoren und Gemeindeleitungsteams. Marius Bühlmann berichtet: «Das Format der ‘Learning Community‘ hat uns begeistert. Es ermöglicht ganz unterschiedlich ausgerichteten Gemeinden miteinander und voneinander zu lernen. So ist die Idee entstanden, ein solches Projekt für grössere Gemeinden in der Schweiz zu starten, um ihnen zu helfen, den nächsten Wachstumsschritt zu meistern. Die ‘Learning Community Schweiz’ war geboren.»

Lernbereitschaft statt Wettbewerb

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Marius Bühlmann
Geleitet und gecoacht wurde die Schweizer Gruppe von Nicola James, der Europäischen Direktorin von Leadership Network. Das Spektrum verschiedener Denominationen war breit. Mit dabei waren: FEG, GVC, Pfimi, FMG, G-Movement, BewegungPlus, ICF, Vineyard, eine freie Gemeinde und eine reformierte Kirchgemeinde. Mit dabei waren Leiter wie Johannes Wirth von der GVC Winterthur, Matthias «Kuno» Kuhn vom G-Movement, Reto Pelli von der Prisma Rapperswil und Niklaus Burkhalter vom ICF Bern.

Alle sechs Monate trafen sich die Leitungsteams aus 19 grösseren Gemeinden (mit mindestens 300 Besuchern pro Wochenende) der Schweiz, Deutschland und England, um voneinander zu lernen. «Es war absolut begeisternd, was sich da entwickelte», blickt Marius Bühlmann zurück. «Wenn man bedenkt, dass die Gemeinden vor 30 Jahren noch gegeneinander gekämpft haben, ist dieses Miteinander absolut erstaunlich. Da war überhaupt kein Geist des Wettbewerbs zu spüren.» Die gegenseitige Lernbereitschaft sei jederzeit spürbar gewesen, sagt Bühlmann weiter. «Man fragte sich immer wieder: Wo habt ihr eine Stärke und wir ein Problem? Und wo können wir euch etwas weitergeben? Nach sechs Monaten traf man sich dann und legte Rechenschaft darüber ab, was man umgesetzt hatte.»

«Zerbrechliches und Verletzliches war ebenso möglich»

Johannes Wirth, Pastor der GVC Winterthur, war jeweils Gastgeber dieser halbjährlichen Treffen. Er hat die zwei Jahre, in denen er eng mit anderen Leitern und ihren Leitungsteams unterwegs war, sehr befruchtend erlebt. «Das Arbeiten in den eigenen Church-Teams, das Austauschen mit anderen Churches, die Coachinggespräche und das gemeinsame Unterwegssein brachten uns nicht nur neue Impulse, sondern auch konkrete Resultate.» Einmal habe zum Beispiel jemand ein prophetisches Wort für ein anderes Kirchenteam weitergegeben. Dies habe direkt einen Konflikt in dieser Kirche gelöst.

Oder im letzten Treffen sprach Kuno darüber, wie wichtig es ist, die Eltern darin zu unterstützen, dass sie den geistlichen Auftrag wahrnehmen können. Es könne nicht sein, dass Eltern das Geistliche an die Kirche «outsourcen», so Kuno. «Wir müssen uns deshalb die Frage stellen, ob wir mit unseren Angeboten dem geistlichen Leben der Familien dienen oder vielmehr eine Konkurrenz dazu schaffen.»

Was Marius Bühlmann auch sehr schätzte an der «Learning Community», waren die authentischen Momente. «Persönliche Berichte über Zerbrechliches und Verletzliches als Leiter waren auch möglich. Wir konnten einander stärken, wenn jemand mit einem Problem zu kämpfen hatte. Freundschaft wurde gelebt!»

Ein paar Stimmen zur «Swiss Learning Community»:

Ich durfte Teil des Vorbereitungsteams sein. Schon die positive Stimmung, das Für- und Miteinander im Vorfeld waren für mich genial, weil es darum ging, Kirchen zu helfen, ins nächste Level zu wachsen. Ich danke allen Kirchen, die dabei waren! Wir konnten viel von euch profitieren und lernen.»
Niklaus Burkhalter, Leadpastor und Gründer ICF Bern

«Bei der ‘Swiss Learning Community’ haben wir ganz bewusst Jesus und seinen Auftrag, Menschen in die Nachfolge zu rufen und zu Jüngern zu machen, ins Zentrum gestellt. Es ist faszinierend zu sehen, was passiert, wenn Kirchen sich beim Auftrag Jesu finden. Die Hauptsache wird wieder zur Hauptsache!»
Reto Pelli, Pastor Prisma Rapperswil

«Der Austausch über die jeweiligen Schritte, über Schwächen und Entdeckungen war für mich speziell inspirierend und lehrreich. Herzen verbanden sich, gegenseitiges Gebet und Ermutigung geschahen ganz natürlich, Synergien wurden genutzt, Freundschaften geschmiedet und Tränen getrocknet. So entstand eine Atmosphäre von Aufbruch und Glauben für das Wirken Jesu in unserem Land!»
Matthias «Kuno» Kuhn, Leiter G-Movement

Zum Thema:
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Datum: 27.09.2019
Autor: Florian Wüthrich
Quelle: Livenet

Kommentare

Was mich interessiert, ist, wie man sich die Schaffung von solchen Grossgemeinden vorstellt. Wenn es über den Zusammenschluss von vielen kleinen Gemeinden gehen soll, würde das für die kleinräumige Schweiz bedeuten, dass es in vielen Regionen und kleinen Kantonen keine Freikirchen mehr gäbe, weil sich alles in den Zentren konzentrierte. Ist das erstrebenswert? Und ob dann alle den weiten Anfahrtsweg mit dem öffentlichen Verkehr zurücklegten? Auf welche Verkündigung würde man sich einigen? Evangelikal oder pfingstlich-charismatisch?
Da sind diese Pastoren m. E. etwas retro, denn Mega-Kirchen sind out. Christen - vor allem junge Christen - suchen wieder das Authentische, das Persönliche und nicht die grosse Show. Wir können das in den USA beobachten. Als Gegenreaktion zum Mega-Kirchen Boom wünschen sich junge Menschen eine reichere und vielfältigere Erfahrung, eine Kirche, die unsere immer vielfältigeren Kulturen, Konfessionen und Traditionen widerspiegeln. Der sog. dynamische Effekt der Mega-Kirchen in den USA war ein Strohfeuer. Gott sei Dank sind wir in der Schweiz mehr oder weniger von diesem Phänomen verschont geblieben.

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