Theologe Walter Dürr

An den Studientagen über «das gute Leben» nachdenken

Die Theologie habe ihr Ziel aus den Augen verloren, sagt Walter Dürr, der Direktor des Studienzentrums für Glaube und Gesellschaft der Universität Freiburg. Als Anstoss zur Erneuerung der Theologie wird an den Studientagen von Mitte Juni über «das gute Leben» nachgedacht. Mit dabei sind der Theologe Miroslav Volf, der Soziologe Hartmut Rosa und der Filmemacher Wim Wenders.

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Walter Dürr
idea Spektrum: Walter Dürr, die christliche Theologie steckt in einer Krise. Sie scheint 500 Jahre nach der Reformation überholt zu sein. Was ist passiert?
Walter Dürr: Wir leben in einer anderen Welt als die Menschen vor fünfhundert Jahren; der Glaube an Gott war damals noch selbstverständlich, heute ist er es nicht mehr. Die Gründe dafür sind vielfältig. Gewichtig sind sicher die kulturellen Umbrüche der letzten Jahrhunderte: die zunehmende Individualisierung und Ausdifferenzierung der Gesellschaft – Schlagwort: Trennung von Kirche und Staat –, mit der die Religion zur Privatsache wurde. Gleichzeitig die Explosion von Möglichkeiten nach der kulturellen Revolution der Achtundsechziger, einen «authentischen Lebensweg» zu gehen. Die Soziologie spricht hier von einer «Optionalisierung» der Gesellschaft: Das heisst, der christliche Glaube ist heute nur noch eine Option unter vielen – und für die meisten Menschen nicht mehr die attraktivste. Dazu kommt das strukturelle Versagen der christlichen Institutionen, das sich jüngst dramatisch in Missbrauchsskandalen zeigte.

Insgesamt steckt das Christentum, und in der öffentlichen Wahrnehmung spielen hier konfessionelle Unterschiede kaum eine Rolle, in einer Plausibilitätskrise. Wo führt uns das hin?
Was lange funktioniert hat, funktioniert nicht mehr. Das Christentum als kulturprägende – ja sogar kulturdominierende – Kraft in der Schweiz ist vorbei. Der Nachwuchs in den institutionellen Kirchen lässt nach. Den Freikirchen und Pfingstkirchen geht es verhältnismässig besser, aber «besser» heisst hier: Der Rückgang ist weniger dramatisch. Das Christentum wird zur Minderheit. All dies ist vielleicht beklagenswert, aber auch eine Chance. Unsere Situation erinnert in gewisser Hinsicht an die Situation der ersten Christen: Der christliche Glaube ist keine Selbstverständlichkeit, sondern muss mit seinen Früchten überzeugen.

Wird die Kirche zu ihren Wurzeln zurückfinden?
Das ist offen. Mit den Studientagen zur theologischen und gesellschaftlichen Erneuerung an der Universität Freiburg versuchen wir Impulse zu geben, damit die Theologie aus ihren geistlichen Quellen erneuert wird und die Akademie dabei ins Gespräch mit der Kirche kommt, sodass beide gemeinsam die Gesellschaft positiv prägen können.

Ist unsere Theologie zu verkopft, sind Christen schlechte Vorbilder oder ist der Zeitgeist einfach stärker?
Es ist wohl eine Mischung von alledem. Theologen schreiben immer dickere Bücher über immer spezifischere Fragen, die von immer weniger Menschen gelesen werden. Wenn aber die Theologie, mit dem Anliegen «wissenschaftlich» zu sein, zu abstrakt wird und sich von der Lebenswelt der Menschen an der Basis entfremdet, läuft sie Gefahr, sich selbst zu marginalisieren.

Wie kann die Theologie erneuert und kraftvoll werden?
Theologie muss inkarnatorisch sein, das heisst im Leben verwurzelt und lebbar sein. Allzu oft beantworten wir Christen Fragen, die niemand gestellt hat und welche die Menschen um uns gar nicht interessieren. Ein neuer Zugang ergibt sich aus der Frage nach dem «guten Leben». Wie gelingt ein Leben? Dazu hat der christliche Glaube viel zu sagen.

Lesen Sie das ausführliche Interview mit Dr. Walter Dürr im Wochenmagazin ideaSpektrum 22-2019.

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Datum: 31.05.2019
Autor: Rolf Höneisen
Quelle: idea Schweiz

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