Change! – Thesen für die Kirche

Debora Alder: «Wir brauchen Kirchen als Orte der Hoffnung!»

Vor 500 Jahren hatten Luther, Zwingli und Co. den Mut, Glaubenssätze und Traditionen, die von der Kirche als einzige Wahrheit verkauft wurden, zu hinterfragen. Nach wie vor sind die Kirchen reformbedürftig. Livenet bringt daher Thesen zur Inspiration. Den Anfang in der Serie «Change!» macht Debora Alder-Gasser von der Vineyard Bern.

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Debora Alder-Gasser
These:

«In unserer multikulturellen Gesellschaft brauchen wir die christlichen Gemeinden als Orte der Hoffnung, wo Menschen mit unterschiedlichster Herkunft und Hintergründen ein Zuhause finden.»

Manchmal sitze ich im Tram und beobachte erstaunt die zahlreichen Ethnien und Kulturen, welche dort zusammen treffen. Unser Land wurde in den letzten Jahren zunehmend Zufluchtsort für zahlreiche Menschen aus unterschiedlichsten Kultur- und Religionskreisen. Der andauernde Bürgerkrieg in Syrien und die grosse wirtschaftliche und politische Perspektivenlosigkeit in weiteren Regionen, lässt erahnen, dass ihre Zahl noch steigen wird.

«Keine andere Institution hat ein grösseres Potenzial»

In der Vergangenheit haben hunderttausende von Menschen wegen mangelnder Perspektiven ihre Heimat verlassen. Und die Schweiz hat sich immer wieder solidarisch gezeigt mit Flüchtlingsströmen aus verschiedenen Konfliktgebieten. Meine Oma kam zum Beispiel 1945 aus Ungarn in die Schweiz. In ihren Dimensionen ist die heutige Situation jedoch neu und kann uns Angst machen.

Die christliche Gemeinde ist nun gefordert, ihren Platz einzunehmen und ihre Möglichkeiten zu entwickeln. Denn keine andere Institution in der Gesellschaft hat ein grösseres Potenzial und kann einen derart ganzheitlichen Beitrag leisten zur langfristigen Integration der aufgenommenen Flüchtlinge. Viele dieser Menschen sind suchend, traumatisiert und hilflos. Und so sollten unsere Gemeinden Orte der Hoffnung sein, wo unterschiedliche Menschen willkommen sind. Wo sie praktische Hilfe bekommen und ein zu Hause finden.

Lächeln ist allgemein verständlich

Seit Kurzem arbeiten zwei geflüchtete Menschen in unserer Gemeinde im Gastgeberteam mit. Auch wenn sie die Sprache nur begrenzt beherrschen, ist ihr Lächeln allgemein verständlich. Als ich eine dieser Personen das erste Mal mit dem Team-T-Shirt an der Türe stehen sah, erfüllte mich eine grosse Freude. Eine weitere ausländische Person kocht seit einiger Zeit regelmässig für einige unserer Treffen.

So sind sie geflüchtete Menschen, welche nicht einfach als Hilfeempfangende angesehen werden. Sondern es sind Menschen, welche mit ihren Gaben zu unserem Gemeindeleben beitragen können. Genauso stelle ich mir die Gemeinde vor.

Opfer-Helfer-Gefälle abbauen

Praktische Hilfe wie Lebensmittel- und Kleidervergabe sowie Deutschkurse und Hilfe bei Behördengängen sind zentral wichtig. Als Gemeinden haben wir dort weiterhin einen wichtigen Beitrag. Aber wir werden nicht nur durch diese praktische Hilfe zu Orten der Hoffnung.

Ich bin überzeugt, dass wir noch viel mehr zu Orten der Hoffnung und zu einem Zuhause werden, wenn geflüchtete Menschen aktiv zum Gemeindeleben beitragen können. Wenn wir uns überlegen, wie unsere Aktivitäten für sie verständlicher und zugänglicher werden. Aus diesem Grund überlegen wir in unserer Gemeinde beispielsweise, ob wir einen unserer Gottesdienste komplett in hochdeutscher Sprache abhalten sollten. Um die Zugänglichkeit zu erhöhen, braucht es meiner Meinung nach all unsere Kreativität. Es braucht aber auch die Bereitschaft ungewohnte Wege einzuschlagen. Die Frage ist, wie wir es schaffen, von einem Opfer-Helfer-Gefälle wegzukommen und diese Menschen zu unseren Freunden werden zu lassen.

Zuhause = bedingungslose Annahme

Für mich ist ein Zuhause nicht ein Ort, an dem ich einfach geduldet werde. Es ist ein Ort der bedingungslosen Annahme. Ein Ort, wo meine Verschiedenartigkeit als Ergänzung wahrgenommen wird. Ein Ort, an dem ich ermutigt werde und wachsen kann. Und ein Ort, wo ich mit meinen Gaben und Fähigkeiten einen Unterschied machen kann. Ich wünsche mir, dass wir als christliche Gemeinden genau ein solches zu Hause für geflüchtete Menschen werden. Ein zu Hause voller Verschiedenartigkeit, voller Leben und Hoffnung!

Zur Autorin:

Debora Alder-Gasser ist verheiratet, hat eine Tochter und leitet den Bereich Gottesdienst in der Vineyard Bern.

Hinweis: Die Meinung der Autoren in der Serie «Change! – Thesen für die Kirche muss sich nicht mit jener der Redaktion von Livenet decken.

Zur Webseite:
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Datum: 04.01.2017
Autor: Debora Alder-Gasser
Quelle: Livenet

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