Gerechtigkeit

Rache ist süss

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Erstaunt es Sie, dass Banker andere Aspekte der Bibel herausstreichen als Bäcker und Bauern? Ich lese die Bibel – wie könnte es anders sein – mit der Brille eines Juristen. Obschon nicht im Strafrecht tätig, springen mir Stichworte wie Schuld, Sühne, Rache ins Auge.

Als Kind war es mir selbstverständlich: Wenn mir jemand Unrecht getan hatte, musste er dafür «büssen»; schonungslos wurde «heimgezahlt». Ob dies dann in einer gewissen Proportion zum ursprünglichen Unrecht stand oder nicht, bemass sich vermutlich an meiner Macht und Möglichkeit. Und: Wir unterschieden überhaupt nicht zwischen Rache (bei der es mir Freude macht, dass dem anderen Schaden zugefügt wird) und Sühne (die ein geschehenes Unrecht wiedergutmachen soll).

Grenzenlose Rache

Der Wunsch nach «süsser Rache» sitzt tief im Herzen und hat offenkundig eine lange Tradition, ist ein treuer Begleiter der Menschheit. Selbstverständlich finden wir Rachegelüste auch in der Bibel. Auf einer der ersten Seiten dieses Buches, das wie kein anderes die Lebenswirklichkeit widerspiegelt, wird uns Lamech vorgestellt. Dieser erklärt seinen beiden Frauen: «Wenn mich jemand verwundet, töte ich ihn; und wenn mich jemand tötet, sollt ihr mich siebenundsiebzig Mal rächen.» (Die Bibel, 1.Mose, Kapitel 4, Vers 23) Mit anderen Worten: Die Rache soll grenzenlos sein.

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Christoph Wyss

Überall das Gleiche: Fehden, Streitfälle zwischen oft am gleichen Ort lebenden Familien, die sich gegenseitig verfolgen – bis zum Mord. Die heute Lebenden wissen oft nicht mehr, worum es beim ursprünglichen Konflikt ging. Dasselbe in der Literatur: Romeo und Julia ist die bekannteste Variante. Gegenwart, gelebte Wirklichkeit in Albanien: «Das Nationale Versöhnungskomitee, eine albanische Nichtregierungs-Organisation, hat ermittelt, dass seit dem Ende der kommunistischen Diktatur von Enver Hodscha 1991 schätzungsweise 20'000 Menschen in Blutfehden verwickelt wurden, 9'500 wurden so getötet. Rund 1'200 Kinder wachsen ohne Schulbildung auf, weil sie aus Angst zu Hause eingeschlossen leben…»

Auge um Auge...

Gehört auch der bekannte Rechtssatz «Auge um Auge, Zahn um Zahn» des Alten Testaments zur unbeschränkten Rache? Der Satz ist Teil eines umfangreichen Gesetzes, das Gott Moses gab. Das kommt uns zuerst martialisch vor, unkultiviert, unethisch. Allerdings hören wir damit nur die halbe Botschaft. Der Schwerpunkt liegt nicht darin, dass gesühnt wird, sondern er betont die Grenzen der Sühne: «Keinen Schritt weiter!» Wer selbst einen Zahn verliert, dem anderen aber zwei Zähne ausschlägt, macht sich schuldig. Und: Rache hat hier keinen Platz mehr. Gott sagt ausdrücklich, dass es nicht am Menschen liege, sich zu rächen.

Was steht im Neuen Testament zum Thema, was ist die Botschaft von Jesus Christus? Damit wir seine Aussagen verstehen, muss ich etwas weiter ausholen. In den Beispielen Lamech und Moses habe ich das Thema Schuld und Wiedergutmachung als Problem zwischen Mensch und Mensch behandelt. Schuld auf sich laden, schuldig werden, ist jedoch ebenso das zentrale Thema zwischen Gott und Mensch. Paulus schreibt an die junge Gemeinde in Rom: »Alle sind Sünder und haben nichts aufzuweisen, was Gott gefallen könnte.«  Wir weichen von dem ab, was Gott von beziehungsweise für uns will.

Gottes Dilemma

Gott ist im Dilemma: Einerseits ist er durch und durch konsequent. Das bedeutet: Unser fehlbares Verhalten muss immer und unter allen Umständen gesühnt werden. Andererseits ist der gleiche Gott ein leidenschaftlich liebender Gott. Er sühnt nicht gern, im Gegenteil – er leidet mit dem Bestraften.

Gott löst das Dilemma, indem er Schuld und Strafe auf seinen Sohn lädt, indem er ihn und damit sich selbst, den Unschuldigen, einem grausamen, schmachvollen Tod preisgibt. Da hängt er nun am Kreuz: Selbst ohne Schuld, aber beladen mit aller Schuld der Welt – übrigens auch meiner! Mit anderen Worten: Gott sieht meine Schuld, schiebt die Konsequenzen jedoch aus Liebe zu mir auf den ab, der ihm ganz besonders wertvoll ist, auf seinen eigenen Sohn. Und ich gehe ohne Strafe aus. Mir ist die Schuld vergeben.

Grenzenlose Vergebung

Jesus war ganz wichtig, dass dies uns die Möglichkeit gibt, anderen zu vergeben und ganz bewusst auf Rache zu verzichten. Petrus fragt einmal: Wie oft soll ich jemandem vergeben – sieben Mal? Jesus: »Nicht nur siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.«  (Erinnern Sie sich an Lamech mit seiner siebzigfachen Rache?)

Drei Möglichkeiten

Es beeindruckt mich, dass Gott uns die Wahl überlässt, wie wir mit Schuld und Sühne umgehen. Ich skizziere drei Wege:

  1. Wir können dem Gesetz des Lamech folgen. Allerdings: Die Erfahrung zeigt, dass wir uns mit grenzenloser Rache letztlich selber richten. Die Gewalt fällt irgendwann auf uns zurück. Chaos, Rechtlosigkeit, Tod sind die Konsequenzen. Vielleicht gehört die Blutfehde von Albanien zu dieser Kategorie: Kinder und Erwachsene, die sich verstecken müssen, weil sie auf der Todesliste einer feindlichen Familie stehen.
  2. Oder wir können dem Gesetz des Moses folgen: »Wie du mir, so ich dir.« Dieser Weg ist ethisch höherstehend, zivilisierter, gesitteter (obschon es zuerst gar nicht danach klingt). Jedoch herrscht auch hier nicht viel Leben, keine Freude. Wir leben immer in der Gefährdung, Unrecht zu tun oder zu erleiden – und immer in Gefahr, gestützt darauf zu Recht bestraft zu werden!
  3. Oder wir können dem Gesetz von Jesus folgen, uns an ihm orientieren. Er hat uns einen anderen Weg vorgelebt und sagt sinngemäss: »Wie Gott dir, so du dem anderen!« Wie Gott dir vergibt, so vergib auch du.

Für mich steht das Angebot von Jesus als eine Einladung für ein Leben, das nicht von Schuld, Angst, letztlich Tod geprägt ist. Ein Leben in Fülle – und zwar im Hier und Jetzt. Kein sorgenfreies Leben, wo alles dauernd «wie durch Butter» geht. Ein Leben, das nach wie vor auch von Schuld begleitet ist, eigener wie fremder. Aber ein Leben, dem nicht der Geruch des Todes anhängt. Natürlich: Auch ich werde sterben, schlicht weil ich Mensch bin. Aber der Tod wird nicht die Katastrophe sein und schon gar nicht Strafe. Im Gegenteil – nach meinem letzten Umzug werde ich dort sein, wo meine eigentliche Bestimmung liegt: Ganz nahe beim gerechten, aber unendlich liebenden Vater!

Zum Autor

Christoph Wyss ist Rechtsanwalt und Mitarbeiter in Verlag und Redaktion von 'Reflexionen', der Zeitschrift der IVCG.

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Datum: 19.02.2015
Autor: Christoph Wyss
Quelle: IVCG

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