Die Weisen aus dem Morgenland

Der Dreikönigstag: aktueller denn je

Die Besucher aus dem Morgenland rufen zum Aufbruch und belegen, dass Jesus für alle gekommen ist. Dies sagt Sepp Hollinger, Pfarreileiter in St. Urban (LU), in unserem Interview.

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Jährlich sammeln Kinder in St. Urban beim Sternsingen für ein Schulprojekt in Mali.
Livenet: Wie kommt es, dass wir heute den Dreikönigstag feiern?
Sepp Hollinger: Es ist das zweite Weihnachtsfest, das wir feiern. Das erste Fest ist bekannt, gleich nach der Geburt kamen die Hirten zur Krippe. Beim zweiten Fest feiern wir, dass Fremde zur Krippe kamen.

Matthäus ist der einzige Evangelist, der aufgeschrieben hat, dass weise Männer aus dem Osten gekommen und einem Stern nachgefolgt sind. Für uns ist wichtig, dass wir bereits in der Geburtsgeschichte von Jesus spüren, dass damit ausgedrückt wird: Christus ist nicht nur für das auserwählte Volk gekommen, sondern für alle Menschen. Darum kamen Fremde, Weise, Mächtige. Die Hirten waren die Armen, die Weisen sind eher die Reichen und Mächtigen, die zur Krippe kamen.

Warum ist dieser Feiertag heute noch wichtig für uns?
Damit jeder sagen kann: ich bin eingeladen, zu dieser Krippe zu kommen. Für uns ebenfalls wichtig ist, auf die Zeichen zu achten, die in unserem Leben immer wieder auf Gott hinweisen. Viele haben damals den Stern von Bethlehem nicht wahrgenommen und nicht deuten können. Die Weisen haben das Zeichen gedeutet. Uns kann es sagen: Pass auf, sei achtsam auf deinem Weg, auch dir gibt Gott immer wieder Zeichen, mach dich auf den Weg, brich auf. Manchmal muss man den Mut haben, aufzubrechen. Den Mut haben, etwas Neues anzugehen. Etwas sogar tun, bei dem andere den Kopf schütteln und sagen: «das tut man doch nicht!» Gerade in der heutigen Zeit, wo alle so im Trend drin sind, sind die Männer, an die man an diesem Feiertag besonders denkt, eigentliche Gegenstromschwimmer. Sie schwammen gegen den Strom zur Quelle. Wir brauchen solche, die gegen den Strom schwimmen, auch heute.

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Sepp Hollinger ist Pfarreileiter in St. Urban.
Der Feiertag heisst Dreikönigstag. In der Bibel steht aber weder die Zahl der Besucher, noch dass es Könige waren. Auch reisten sie nicht am Tage. Sie brachten zwar drei Geschenke, aber an einem anderen Ort in der Bibel kamen elf Besucher und brachten sieben Geschenke mit. Stimmt der Name des Feiertages gar nicht?
Historisch kann man das nicht genau festmachen. Dass man sich auf die drei beschränkt hat, ist ein Volksbrauch. Ob es drei oder sechs oder zwei oder fünf Besucher waren, spielt keine Rolle. Wichtig ist der Aufbruch, das Suchen und das Herzukommen zum Kind, um es anzubeten. Und Könige nannte man sie wohl, um auszudrücken, dass es keine gewöhnlichen Leute waren – sie waren Herodes ebenbürtig, was ihn in Unruhe versetzte. Wäre es einfach ein Grüppchen von irgendwelchen Männern gewesen, denen man die Würde nicht angesehen hätte, wäre er auch nicht beunruhigt gewesen. Es waren aber Leute, die Eindruck machten. Es war damals selten, dass Menschen von so weit her in eine Stadt kamen. Sie zeigten damit, dass sie Leute waren, die es von ihrem Stand her nicht nötig gehabt hätten, einen König zu besuchen. Sie waren selbst in dieser Würde. Aber es zeigt, dass sie das Besondere suchten – den Verheissenen.

Ihre Berufsgattung ist nicht klar erwähnt?
Das Wort Magoi kann stehen für Magier, Sterndeuter, Fremde, Weise – alles Titel, die verwendet wurden, um die Würde dieser Männer aufzuzeigen. Ob Frauen dabei waren, ist übrigens nicht erwähnt.

Bei Ihnen in St. Urban wird dieser Tag besonders gefeiert…
Den Brauch vom Sternsingen führen wir bei uns seit 20 Jahren durch: für ein Projekt, bei dem Kinder anderen Kindern helfen. Sie ziehen mit ihrem Stern von Haus zu Haus und schreiben einen Segensspruch an die Haustüre. Auf diesem steht auf lateinisch «Christus Mansionem Benedicat» – also «Christus möge dieses Haus segnen». Und ich sage, dass ein guter Stern das ganze Jahr über diesem Haus stehen möge. Etwa 50 Menschen gehen so jeweils von Tür zu Tür. Die Kinder in St. Urban finanzieren dadurch eine Schule in Mali, damit 150 Kinder während einem Jahr zur Schule können.

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Datum: 06.01.2014
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Jesus.ch

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