In Indien fehlen 32 Millionen Frauen

Neu Delhi. Der 8. September hat in Indien eine besondere Bedeutung. Am "Tag des Mädchens" legen die indischen Kirchen den Finger in eine offene Wunde, sagt Virginia Saldanha, Sekretärin der Frauen-Kommission bei der Indischen Bischofskonferenz: Durch die weit verbreitete Tötung weiblicher Embryos und sogar neu geborener Babys ist die Geburtenrate von Mädchen im vergangenen Jahrzehnt auf 929 gegenüber 1.000 Jungen gefallen.

In einigen Regionen liegt das Missverhältnis laut Volkszählung des Jahres 2001 sogar bei unter 800 zu 1.000. Die Abtreibungs- und Tötungsmethoden sind zum Teil mehr als abstossend: von der Betäubung durch Giftpilze bis zur Fütterung der weiblichen Säuglinge mit schwarzem Salz, mit durch Pestizide vergifteter Milch oder Tabakpaste. Der Grund: Mädchen werden als wirtschaftliche Last empfunden, für deren Heirat in Indien oft enorme Mitgiften bezahlt werden müssen. Dazu kommen zahlreiche andere soziale Benachteiligungen. Studien belegen, dass jeder sechste Todesfall bei Frauen direkt oder indirekt auf Geschlechterdiskriminierung zurückzuführen ist.

"Nicht zuletzt die jüngste Volkszählung belegt die tiefen Vorurteile gegen Mädchen in unserem Land", beklagt John Baptist Thakur, Vorsitzender der bischöflichen Frauen-Kommission. "Daher müssen sich die Kirchen dafür einsetzen, den Mädchen und jungen Frauen ein Leben in Gleichberechtigung und Würde zu ermöglichen".

Aufklärung durch Information

Die bischöfliche Kommission verbreitet Informationsmaterial über geschlechtsspezifische Vorurteile an Pfarreien und kirchliche Einrichtung, die als Grundlage für Predigten und Informationsveranstaltungen dienen. Darin heisst es unter anderem: "Wenn Knaben und Mädchen in Indien gleich behandelt würden, gäbe es auf 100 Männer 105 Frauen. Das bedeutet für die derzeitige Bevölkerung von 1,03 Milliarden, dass es 528 Millionen Frauen geben müsste." Tatsächlich seien es jedoch nur 496 Millionen. "32 Millionen Frauen fehlen: weil ihnen nicht erlaubt wurde zu leben, oder weil sie keine Chance hatten zu überleben."

Es gibt weitere Vorschläge, dem Problem im Alltag zu begegnen: Schüler sollten etwa am "Mädchen-Tag" in Schulen und Kolleges öffentlich darauf verzichten, für ihre zukünftige Frau eine Mitgift zu verlangen. Allein spezielle Gottesdienste mit Mädchen rund um den Altarraum abzuhalten, sei dagegen nicht dazu angetan, das Problem zu lösen, so Saldanha.

Wegen nicht bezahlter Mitgift verbrannt

Es gibt Fälle wie diese: Im vergangenen Jahr wurde eine Familie in Neu Delhi samt Ehemann und Eltern zu lebenslanger Haft verurteilt, weil sie die angeheiratete Frau bei lebendigem Leibe verbrannt hatten: Ihre Familie konnte der verzweifelt gegebenen Mitgift-Versprechung nicht nachkommen.

Nur einer von geschätzten rund 25000 Todesfällen jährlich, die in Zusammenhang mit Mitgift-Streitigkeiten stehen: Viele Frauen begehen Selbstmord, weil sie die Drohungen und körperlichen Folterungen ihrer Männer nicht mehr ertragen können. Ihre Familien jedenfalls können in den seltensten Fällen die versprochene Mitgift zahlen. Die meisten Vorfälle würden allerdings bei der Polizei gar nicht erst aktenkundig, beklagen Menschenrechtsaktivisten.

Datum: 10.09.2002
Quelle: Kipa

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