Würden Sie den künftigen Kaiser von Japan klonen?

Gentechnik, Klonen, ungestoppter Forschungswahn: Ein Interview mit dem 42-jährigen Naturwissenschaftler Harald Binder aus Konstanz, Referent der Studiengemeinschaft Wort und Wissen.

Chrischona Magazin: Die Ufo-Sekte Rael will den künftigen Kaiser von Japan klonen, damit die japanische Kaiserdynastie nicht ausstirbt. Würden Sie das Angebot annehmen?

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Harald Binder
Harald Binder: Klonen würde bedeuten, dass eineiige Zwillinge des Kaisers hergestellt werden. Doch diese Technik ist so unerforscht, dass die Erfolgsaussichten praktisch nicht quantifiziert werden können. Das Angebot ist technisch gar nicht realisierbar.


Und wenn es machbar wäre?

Dann würde sich die Frage nach der ethischen Bewertung stellen. Welches Bild haben wir vom Menschen? Ist er für die Wissenschaft frei verfügbar? Das möchte ich stark bezweifeln!

Was heisst denn einen Menschen klonen?
Klonen bedeutet vom Wort her «Zweiglein» oder «Spross», was bedeutet, dass zwei Organismen im Blick auf ihr Erbgut identisch sind. Beispiele sind eineiige Zwillinge beim Menschen oder Erdbeerpflanzen, die durch Sprosse vermehrt werden. Geklonte Menschen wären genmässig verschobene eineiige Zwillinge. Über die Persönlichkeit eines geklonten Menschen kann man aber überhaupt keine Prognose abgeben.


Mit Hochdruck wird experimentiert, um die ersten geklonten Babys präsentieren zu können. Was steckt hinter diesem Forschungseifer?

Der italienische Arzt Antinori und der Amerikaner Zavos haben eine medienwirksame Aktivität entfaltet. Sie sagen, bevor das Klonen in den Händen von Pfuschern liege, müsse es von sachkundigen Leuten gemacht werden. Doch es geht vor allem um Profilierung. In der Öffentlichkeit wird dann sozusagen als Begründung beigegeben, man wolle letztlich den Menschen helfen. Aber man sagt wenig, wie das konkret geschehen soll.

Und die Bedeutung des Geldes?
Die ist sehr gross! Im Zusammenhang mit Stammzellentherapien gab es in den USA ein Projekt, das aus ethischen Gründen nicht mit öffentlichen Mitteln gefördert wurde. Doch die Industrie stellte sofort unbegrenzte Mittel zur Verfügung...

Ein Mädchen stirbt nach einer Operation und kann danach als Klon weiterleben - was spricht dagegen?
Zunächst ist es eine Illusion, dass dieses Mädchen weiterlebt. Was weiterlebt ist ein Organismus, der zwar genetisch identisch ist, der aber von der Persönlichkeit her eine eigene Identität hat. Ich frage mich, ob man dem Wunsch der Eltern nachkommen darf, auf diese Weise eine Person für die eigenen Bedürfnisse zu instrumentalisieren.

Wie weit sind wir vom Kind mit den exakt gewünschten Eigenschaften entfernt?
Noch sehr weit! Erst in wenigen Ausnahmefällen kennen wir von einzelnen Eigenschaften den genauen Genort. Die dazu gehörende Erbinformation bedingt in der Regel ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Gene. Für die technische Nutzung ist das Knowhow nicht verfügbar.

In Jahren: Wann ist es soweit?
Eine Grössenordnung von zehn Jahren könnte realistisch sein.

Das britische Parlament hat das Klonen von Embryos für therapeutische Zwecke erlaubt.
Ich war nicht überrascht, weil in England seit über 25 Jahren ein gesellschaftlicher Konsens herrscht, dass das Menschsein mit der Einnistung der befruchteten Eizelle in die Gebärmutter beginnt. Zwischen Befruchtung und Einnistung war der Embryo schon verfügbar für Experimente, also etwa 14 Tage lang. Eine Klärung wurde jetzt insofern geschaffen, als das Klonen für therapeutische Zwecke akzeptiert, jenes für Reproduktionszwecke aber ausdrücklich verboten ist. Ich halte aber jedes Klonen eines Menschen für einen Eingriff, der unsere menschlichen Kompetenzen übersteigt.

Das menschliche Erbgut ist jetzt vollständig entschlüsselt. Welche Chancen sehen Sie dadurch?
Die Entschlüsselung des Erbgutes bedeutet, dass wir die Abfolge der etwas mehr als 3,1 Milliarden Basenpaare auf der menschlichen DNS - ein langes Molekül in Form einer verdrehten Strickleiter - jetzt kennen. Der konkrete Informationsinhalt ist uns aber komplett verborgen. Doch wir kennen jetzt die Zusammenhänge einzelner DNS-Abschnitte und deren Verbindung mit Erbkrankheiten wie der Cystischen Vibrose oder dem erblichen Veitstanz. Das können wir für die Diagnostik nutzen. Aber die Hoffnung, dass sich daraus Therapien entwickeln werden, haben sich bisher nicht erfüllt.

Der Fortschritt der Gentechnik, die gehäuften Lebensmittelskandale und die Hiobsbotschaften über Tierseuchen verunsichern viele Leute. Was läuft falsch?
Zuerst haben wir ein Problem in der Wahrnehmung: Wir leben heute in der Illusion, als könnten wir uns gegen alle denkbaren Risiken schützen. Im Grunde wissen wir, dass das nicht möglich ist. Es gibt hier keine Ursache für alle Probleme. Wir sehen aber an BSE, dass die von uns Menschen optimierten Produktionsmethoden ursächlich werden für eine moderne Katastrophe. Zu sagen ist aber, dass wir zum Beispiel mit dem BSE-Problem völlig unverhältnismässig umgehen.
Es gibt bis heute in Europa etwa 90 BSE-Opfer. Man muss das nur einmal mit den Verkehrsopfern vergleichen.

Isst Ihre Familie gentechnisch veränderte Tomaten?
Ich persönlich habe keine Bedenken gegen den Konsum von gentechnisch veränderten Produkten. Was wir aufgrund der bisherigen Untersuchungen wissen, bestätigt die Befürchtungen zum Beispiel im Blick auf zunehmende Allergien nicht.

Kann die Gentechnik mithelfen, den Hunger in der Welt zu stillen?
Dieses oft gehörte Standardargument weckt bei mir gemischte Gefühle. In einzelnen Fällen könnte sich Gentechnik tatsächlich als hilfreich erweisen. Ich denke an einen Reis, der Vitamin A enthält und damit Mangelerscheinungen vorbeugen kann. Aber das Welthungerproblem ist kein technisches, sondern ein menschliches Problem.

Keine Generation hat so grosse Mengen an brauchbaren Lebensmitteln verbrannt, vergraben und verfüttert. Wie kann diese groteske Situation geändert werden?
In unserem Denken müssten sich die Prioritäten verändern. Wir entscheiden fast durchgehend nach ökonomischen Kriterien. Ändern wird sich das nur in dem Masse, in dem wir leidenden Menschen nicht nur im Fernsehen begegnen. Wir müssen uns konkret für sie engagieren, ohne immer zu überlegen, was es uns kostet. Letztlich geht es um die Frage, ob wir bereit werden, unsere hohen Einkommen bewusst zu teilen.

Wie stark wird die Gentechnik heute in der Medizin angewendet?
In der Herstellung von Arzneimitteln geschieht das in beträchtlichem Umfang. Es gibt etwa 60 Wirkstoffe, die in den verschiedenen Medikamenten auf dem Markt sind. Die direkte Anwendung am Menschen in der Therapie liegt aber weit hinter den Erwartungen zurück. Doch ich rechne damit, dass das kommen wird, und ich hoffe es auch.

Sie hoffen auf den Segen der Gentherapie?
Wir haben doch von Gott den Auftrag bekommen, in seiner Schöpfung Herrschaft auszuüben. Die Gentechnik ist ein Instrumentarium, mit dem wir das tun können. Sie unterscheidet sich von bisherigen Methoden darin, dass sie eine viel grössere Reichweite hat. Aber sie unterscheidet sich nicht darin, dass wir mit unseren Handlungen immer auch destruktive Effekte erzielen. Insofern hat auch die Gentherapie etwas Zwiespältiges: Sie ist auf der einen Seite hilfreich, und auf der andern Seite kann sie die Ursache für Katastrophen sein.

Welche Katastrophe meinen Sie?
Dass die Wahnvorstellung vom perfekten Menschen realisiert wird.

Wie kann man den menschlichen Forschungswahn stoppen?
Das wird kaum möglich sein! Jungen Menschen wird heute früh beigebracht, dass nur derjenige erfolgreich ist, der als erster Grenzen überwindet. Wer Grenzen akzeptiert, verzichtet praktisch auf den Führungsanspruch. Ein uraltes Problem! Gott hat Adam im Garten Eden Grenzen gesetzt. Und schon Adam hat die Grenzen übertreten - mit weitreichenden Konsequenzen. Das Übertreten von Grenzen gehört zu den Grundzügen des Menschseins.

Wäre nicht manches einfacher, wenn wir Menschen einfach Klone von Jesus wären?
Schon die ersten Sätze in der Bibel zeigen, dass Gott genau das nicht will: gleichgeschaltete Menschen, Uniformiertheit. Gott sucht vom Anfang an die Individualität, und er geht damit bewusst ein grosses Risiko ein. Wir Menschen denken schnell uniform. Gottes Ansatz ist ganz anders. Wenn wir heute versuchen, den Menschen technisch immer besser in den Griff zu bekommen, steckt dahinter doch letztlich der Gedanke, dass wir selber Herr sein wollen

Harald Binder
Jahrgang 1959, wohnt mit seiner Frau Elisabeth und den vier Kindern Jonathan (14), Miriam (13), Rebecca (11) und Benjamin (9) in Konstanz. An umfangreiche Chemiestudien schloss sich eine dreijährige Tätigkeit als Lehrer für Biologie und Chemie an. Mit Beginn des Studiums an der Universität Konstanz Besuch der dortigen Chrischona-Gemeinde. 1996 zum hauptamtlichen Mitarbeiter der Studiengemeinschaft Wort und Wissen berufen. Diese sieht es als Aufgabe, wissenschaftliches Forschen und Denken auf der Basis der Bibel auszuführen und den Menschen zu dienen, indem sich die Mitarbeiter als Gesprächspartner für Intellektuelle und die Gemeinden anbieten.

Datum: 16.04.2002
Autor: Andrea Vonlanthen
Quelle: Chrischona Magazin

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