Wenn Kredithaien das Wasser abgegraben wird

Im Tempel hat Jesus einst die Geschäftemacher rausgeworfen. Ähnliches bewirkt heute die kirchliche Kreditorganisation «Oikocredit». Mit fairen Darlehen werden Halsabschneider in die Enge getrieben.

Vor 30 Jahren nahm Oikocredit die Arbeit auf. In mittlerweile 30 armen südlichen Ländern vergibt das Werk Mikrokredite. Das macht die Leute von Kredithaien unabhängig. Lesen Sie den zweiten Teil des Gesprächs mit Karl Johannes Rechsteiner.

Livenet.ch: Im nächsten Jahr ist das UNO-Jahr des Mikrokredits. Sie werben bereits jetzt mit einer Ausstellungstour.
Karl Johannes Rechsteiner: Ja, unsere Ausstellung trägt den Titel «In Menschen investieren» und erzählt Projektgeschichten. Wir zeigen, dass Oikocredit nicht in künstliche Kapitalmärkte investiert oder in Aktien von anonymen Fonds. Sondern wir haben wir einen direkten Bezug zu den Menschen. Während der Börsenkrise vor zwei, drei Jahren sind ja die Aktienkurse oft um über zwanzig Prozent gefallen. Aber gleichzeitig ist der Wert unserer Anteilsscheine in dieser Zeit stabil geblieben. Oikocredit hat eine normale Dividende ausgezahlt. Das gibt zu denken. «In Menschen investieren» funktioniert also. Das zeigen wir mit dieser Ausstellung.

Was genau ist denn eigentlich ein Mikrokredit?
In Davao-City, einer Grossstadt auf den Philippinnen, zum Beispiel gilt auf dem Markt das Fünf-Sechs-Prinzip. Anfang der Woche leiht man – sagen wir ’mal – 5000 Pesos aus, und Ende der Woche muss man dem Verleiher 6000 zurückbezahlen. Das waren dann 20 Prozent Zinsen in einer Woche! Die Banken, die Oikocredit dort finanziert, haben viel niedrigere Ansätze und handeln fair. Damit können die Marktfrauen aus dem Teufelskreis der Schuldknechtschaft herauskommen, der manche sonst ein Leben lang gefangenhält.

Die Banken und Mikrofinanzinstitute, die Oikocredit finanziert, sind vor allem für die Menschen im informellen Sektor wichtig. Damit kann sich dann eine Marktfrau eine Schubkarre kaufen, mit der sie ihre Sachen einfacher auf den Markt fährt. Oder andere kaufen Backsteine und brennen nun ihre Töpfereien selber.

Die UNO hat für 2005 das Jahr der Mikrokredite ausgerufen, weil sie zeigen will, dass kleine Darlehen sehr wichtig sind, wenn man die Armut überwinden will. In der Schweiz wird man von offizieller Seite leider nicht darauf eingehen. Denn gleichzeitig findet das UNO-Jahr des Sports statt, für das sich Ex-Bundesrat Adolf Ogi starkgemacht hat. Deshalb wird hier wohl das UNO-Jahr des Sports im Zentrum stehen.

Mit Ihrer Arbeit kommen Sie den Kredithaien massiv in die Quere. Unter diesen Leuten haben Sie sich bestimmt schon Feinde geschaffen ...
Unsere Manager vor Ort haben im Alltag meist keine Probleme. Nur manchmal gibt’s Konflikte wie zum Beispiel bei der Kakao-Kooperative El Ceibe in Bolivien. Man hatte diese Leute vom Hochland umgesiedelt, und an ihrem neuen Wohnort waren sie oft von Zwischenhändlern abhängig, den sogenannten «Coyotes». Dieser Name sagt eigentlich alles. Dank Oikocredit und dem Fairen Handel konnte die Kooperative Lastwagen kaufen, mit denen sie ihre Kakaobohnen für den Export an die Küste bringt. Die Transportunternehmen, die sie zuvor ausgebeutet hatten, wurden damit umgangen. Da gab es dann schon mal Schüsse auf diese neuen LKWs.

Die Darlehen greifen manchmal auch in ein ganzes Machtgefüge ein. In Costa Rica beispielsweise konnten die Kaffeemultis mit den höheren Preisen des Fairen Handels nicht mithalten. Ausserdem haben wir den Leuten dort mit Krediten unter die Arme gegriffen. Damit haben wir diese Multis aus dem Markt gedrängt. Jetzt versuchen sie, mit zwischengeschalteten Firmen wieder zurückzukehren. Sie bieten zeitweise bessere Kaffeepreise an und versuchen so, die Leute von den Kooperativen wegzulocken. Aber die sind gut informiert. Selbst im entlegensten Ort starten unsere Mitarbeiter einen Generator, schliessen einen Hellraumprojektor an und zeigen auf, wie die Geschichte ausgehen würde: Nach zwei bis drei Jahren, sobald die Kooperative entscheidend geschwächt wäre, würden die Multis den Kaffeepreis schnell wieder senken und sich auf Kosten der Kaffeebauern erneut eine goldene Nase verdienen. Die Menschen durchschauen diese Zusammenhänge inzwischen.

Manchmal spielt auch der christliche Hintergrund eine Rolle. Der «Tages-Anzeiger» berichtete mal über «Die frommen Teebauern» in Kenia. In einem der korruptesten Länder der Welt hatten engagierte Christen eine Bank für die Teebauern gegründet. Auch dank einem Oikocredit-Darlehen hat die sich rasch weiterentwickelt. Auch dank ihres Glaubens haben diese Christen der Korruption widerstanden.

Dann braucht es Euch ja gar nicht mehr so lange ...
Wir sind nur in 30 Ländern tätig, und wir sind sehr klein. Wir möchten gerne mehr Konkurrenz. Denn leider gibt es sehr, sehr viel zu tun. Bei den Mikrokrediten sind auch andere Organisationen aktiv. Aber die Arbeit von Oikocredit mit den Darlehen und Investitionen direkt in produktive Projekte – da sind wir leider sehr einsam. Dabei können gerade solche Darlehen von 50'000 Euro bis zu zwei Mio. Dollar viel dazu beitragen, dass die Wertschöpfung vor Ort verbessert wird. Da werden dann Palmfrüchte nicht einfach exportiert, sondern man erledigt einen ersten Arbeitsgang bereits im Land selbst und liefert der Kosmetikindustrie das fertige Palmöl. Wer glaubt an diese Palmbauern? Normale Hilfswerke arbeiten mit kleineren Beträgen, die Regierungen mit grösseren. Wenn man jemandem einen Kredit gibt, dann heisst das auch, dass man an ihn glaubt, im finanziellen wie im übertragenen Sinn. Das ist auch in Zukunft eine zentrale Herausforderung. Oikocredit kann hier sehr viel leisten. Es liegt also noch einiges vor uns.

Karl Johannes Rechsteiner ist Geschäftsführer Oikokredit Deutschschweiz und war während sechs Jahren Vizepräsident von Oikokredit International.

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Webseite: www.oikocredit.org

Datum: 18.11.2004
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet.ch

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