Markt und Moral

"Die Unternehmen müssten sich einfach wie 'anständige' Bürger verhalten": Keine Revolution, aber ein ethisch begründetes Umdenken erachtet der St. Galler Wirtschaftsethiker Peter Ulrich als Grundlage für Veränderungen.

Der Leiter des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen äussert sich im Interview auch darüber, weshalb sich Top-Manager selber zu wenig achten. Er postuliert, sozusagen als Prävention, eine breite ethische Grundausbildung. Schliesslich kritisiert er das so genannte Steuerpaket, über das in der Schweiz am 16. Mai abgestimmt wird: Dieses entlastet seines Erachtens "ganz klar die Reichen".

Hans Giezendanner: Am 16. Mai stellen die Schweizer Stimmberechtigten Weichen bei den Steuern. Wie beurteilen Sie aus wirtschaftsethischer Sicht das so genannte Steuerpaket, über das abgestimmt wird?
Peter Ulrich: Es ist eine hoch ideologische Debatte. Denn es geht in der Tat um zwei verschiedene Gesellschaftskonzepte. Die eine Seite möchte einfach die Steuern heruntersetzen unter dem Credo, den Erfolgreichen nicht zu stark durch Abgaben zu belasten. Auf der anderen Seite geht man davon aus, dass alle gemäss ihrer Leistungsfähigkeit besteuert werden sollen und sich niemand der Solidaritätspflicht entziehen darf.

Soll der Standortvorteil greifen, müssen Steuern tief sein…
Diese ökonomischen Argumente werden vorgeschoben und sind bei ökonomischen Fachleuten äusserst umstritten. Ich gebe hier nur eine ganz simple Begründung: Das Steuerpaket entlastet ganz klar die Reichen. Sie sparen damit mehr. Zum Wachstum führt aber eine Steuerpolitik, mit der die Kaufkraftschwächeren mehr Geld in der Tasche haben. Sie werden das Geld sofort wieder in den Kreislauf bringen. Dies fängt die chronische Nachfrageschwäche auf, welche die Schweiz seit über zehn Jahren aufweist. Ausserdem haben gerade viel gelobte Länder wie Österreich und Finnland eher hohe Steuern.

Welche Schlüsse ziehen Sie demnach für die anstehende Abstimmung?
Wir müssen uns überlegen, ob wir dem Egoismus freie Bahn gewähren wollen oder weiterhin auf die Verantwortung der Stärkeren für die Schwächeren pochen.

Bei den Millionengehältern der Top-Manager haben wir ja einen Eindruck von diesem Egoismus erhalten…
Es ist in der Tat erstaunlich, wenn Top-Manager Gehälter von 10 bis 20 Millionen Franken verlangen. Jeder normal empfindende Mensch sieht, dass man mit soviel Geld gar nichts anfangen kann. Es ist nur eine Last.

Wie erklären Sie sich denn dieses Streben?
Diese Leute sind, vorsichtig ausgedrückt, allzu sehr an das Denken in Geldkategorien gewöhnt. Je mehr Geld sie haben, desto besser schätzen sie sich ein. Sie haben Mühe zu akzeptieren, dass jemand mehr verdient als sie selber. Entweder haben sie schon von Beginn an diese geldorientierte Karriere verfolgt. Oder aber sie wurden im Laufe der Zeit so sozialisiert, weil sie mit kritischem Abstand zu diesem Denken nicht nach oben steigen konnten.

Was könnte den Wirtschaftskapitänen denn helfen, mehr Selbstachtung zu gewinnen?
Man könnte die Führungskräfte fragen, ob es ihnen denn nicht viel angenehmer wäre, weniger zu verdienen und dafür mehr öffentliches Ansehen zu geniessen. Sogar die Neue Zürcher Zeitung und wirklich angesehene ehemalige Wirtschaftsgrössen wie Alex Krauer, Helmut Maucher und Peter Spälti kritisieren die hohen Löhne als nicht mehr anständig. Sie befürchten einen unermesslichen Glaubwürdigkeitsschaden für die Privatwirtschaft, wenn keine Selbstbegrenzung eingeführt wird. Allerdings muss man realistisch sehen, dass kaum die über 50-Jährigen mit einem Umdenken beginnen werden.

Wo sollte das ethische Denken denn beginnen?
Zum Beispiel an den betriebswirtschaftlichen Studiengängen der Universitäten. Die Studierenden müssen lernen, sich als Profis zu verstehen, wie andere Professionen auch. Sie stellen eine Kompetenz-Elite dar und müssen eine entsprechende Selbstverantwortung übernehmen. Weiter organisieren sie sich und legen einen Standeskodex fest. So könnte zumindest teilweise verhindert werden, dass die Verantwortungsvollen von den Skrupellosen überflügelt werden.

Die Führungskräfte der Wirtschaft könnten sich als eigenständige dritte Kraft zwischen Arbeitgebern (Aktionären, Kapitaleignern) und Arbeitnehmern behaupten. Damit würde es möglich, die Anliegen dieser beiden Seiten im Zusammenhang mit ethisch nachhaltigen Gesichtspunkten zu betrachten und gegebenenfalls vertreten.

Können Sie eine Resonanz für solche Gedanken bei den Studierenden der Universität St. Gallen feststellen?
Bis vor fünf Jahren war die Universität St. Gallen dafür ein etwas steiniger Acker. Ein grosser Teil der Studierenden wollte sich nicht stören lassen in seinen karriereorientierten Denkmustern. Dies änderte sich jedoch in den letzten Jahren.

Ihr Glaube an die Integrität und das Verantwortungsbewusstsein der Wirtschaft wurde erschüttert. Die Studentinnen und Studenten sind deshalb offener für wirtschaftsethische Gedanken und setzen sich kritisch mit dem auseinander, was sie beobachten.

Das sind ermutigende Zeichen.
Ja, wobei an dieser Stelle doch auch etwas Deprimierendes gesagt werden muss. Die Öffentlichkeit wünscht zwar mehr Raum für ethische Gesichtspunkte und Verhaltensweisen in der Wirtschaft. Trotzdem besteht auf Seiten der Wissenschaftspolitik praktisch keine Bereitschaft, Wirtschaftsethik zu einem systematischen Element der Wirtschaftswissenschaften zu machen. Das Institut in St. Gallen ist noch immer das einzige seiner Art im gesamten deutschsprachigen Raum. Das hat zum Teil mit Sparzwängen zu tun, aber sicher nicht nur.

Wie sollen denn die künftigen Führungskräfte nach einem Studium voller Kosten- und Nutzenanalysen plötzlich ethisch verantwortlich handeln?
Das ist schon so: Von nichts kommt nichts. Im Bildungswesen werden die Leute bis zum Abschluss eines Wirtschaftsstudiums bis 20 Jahre lang mit Know-how vollgestopft. Eine reflexionsorientierte und ethische Grundausbildung wird weitgehend vernachlässigt.

Mein wichtigstes Anliegen wäre die flächendeckende Einführung einer Wirtschaftsbürgerkunde in der Volksschule, die dies abdecken könnte. Denn eine freiheitlich- demokratische Gesellschaft braucht Bürger, die sich fragen, welche Formen der Wirtschaft die Lebensqualität wirklich steigern. Solche, die zum Beispiel erkennen, dass die fortlaufende Wegrationalisierung von Arbeitsplätzen dazu führt, dass sich die soziale Schere immer weiter öffnet. Dies beeinträchtigt die Lebensqualität vieler durch Angst und Unsicherheit massiv.

Stellt das nicht die ganze Wirtschaft auf den Kopf?
Überhaupt nicht. Der freie Markt als Koordinationsmechanismus ist heutzutage unbestritten. Auch das Streben nach Gewinn ist absolut legitim. Löhne müssen schliesslich überwiesen, Kunden befriedigt, Arbeitsplätze gesichert und angemessene Renditen ausbezahlt werden.

Aber es gibt zwei Gefahren: Die Gewinnmaximierung geht zunehmend auf Kosten sozialer, ökologischer und menschlicher Bedürfnisse. Dies ist auch kein Wunder, verlangen heute die Aktionäre doch bis zu 25 Prozent Eigenkapitalrentabilität der Firmen – im Vergleich zu den 80er Jahren mehr als das Doppelte!

Zudem stellen wir im Gegensatz zu früheren Theorien fest, dass der freie Markt grundsätzlich die Stärkeren bevorzugt. Durch ein Primat der Politik muss dieser Markt deshalb so in die Gesellschaft eingebettet werden, dass er den Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger auch dienen kann. Die freien Bürger müssen den Vorrang vor dem freien Markt haben!

Die Unternehmer müssten sich demnach einfach wie "anständige" Bürger verhalten?
Genau, sie nehmen Rücksicht, sie achten die legalen Rechte wie auch die wohlbegründeten Ansprüche anderer. Natürlich besitzen sie genauso ihre legitimen Rechte. So dürfen sie durchaus ihre wirtschaftlichen Interessen verfolgen. Denn es nützt ja niemandem etwas, wenn das Unternehmen zwar edel und gut handelt, aber untergeht. Aber es gilt eben stets die Bedingung, dass das unternehmerische Handeln gegenüber allen davon Betroffenen vertretbar ist.

Wie gross ist Ihre Hoffnung, dass sich solches Handeln durchsetzt?
Nach 100 Jahren Glauben an den freien Marktes setzt sich nun langsam aber sicher eine ideologiefreie Sicht durch: Der Markt ist nützlich, muss aber eingebettet sein in vernünftige gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen. Vor allem von kleinen und mittleren Unternehmern erhalte ich diesbezüglich eine grosse Resonanz, denn sie wollen ihre Firma zum Wohl aller Beteiligten führen. Auf die Dauer ist zum Glück die Realität meistens stärker als jede Ideologie.

Peter Ulrich, geboren 1948 in Bern, ist Professor für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen. Er leitet seit 1987 das von ihm gegründete Institut für Wirtschaftsethik, das einzige im deutschsprachigen Raum. Er ist Autor zahlreicher Bücher, darunter "Der entzauberte Markt. Eine wirtschaftsethische Orientierung" (2002) und "Brennpunkt Bankenethik. Der Finanzplatz Schweiz in wirtschaftsethischer Perspektive" (2003).

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Autor: Hans Giezendanner

Datum: 12.05.2004
Quelle: Kipa

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