Würde Jesus auch den "goldenen Fallschirm" nehmen?

Schamlos bereichern sich manche Abzockmanager: Sie streichen Dutzende von Stellen, optimieren damit kurzfristig den Betrieb und kassieren so zweistellige Millionenbeträge.

Die Zeitung "Blick" berichtete kürzlich darüber in einer Serie. Namhafte Wirtschaftskenner hauten auf den Tisch und verglichen die Machenschaften in der Schweiz mit denjenigen in einer Bananenrepublik. Ist die Schweiz tatsächlich so verkommen? Wir sprachen mit IVCG*-Präsident Christoph Wyss.

Daniel Gerber: Christoph Wyss, ist die Schweiz nun daran, eine Bananenrepublik zu werden?
Christoph Wyss: Es gibt sicherlich eine grundsätzliche Ungerechtigkeit. Ein Managerlohn ist nicht nach Arbeitsstunden abgewogen. Manche kassieren unangemessen hohe Löhne. Aber eine Bananenrepublik sind wir nicht. Ich würde von einem Auswuchs in der Wirtschaftsordnung sprechen.

"Auswuchs" ist das angemessene Wort?
Ja, systembedingt. Das System macht es möglich, dass einige unangemessen reich werden. Wobei das früher viel stärker ausgeprägt war. Im 18. und 19. Jahrhundert war der Unterschied zwischen Habenden und Nichthabenden in der Schweiz wesentlich krasser.

Nur gab es damals keine Schlagzeilen ...
Ja, und weil es heute bei manchen unanständig ist, was sie beziehen. Aber früher war der Unterschied höchstwahrscheinlich noch grösser. Ein Landesfürst besass alles, der Arbeiter nichts. In Russland war das sogar bis zur russischen Revolution so. Bei uns hatte sich das früher geändert.

Was ist denn eigentlich tolerierbar und was nicht mehr?
Diese Frage ist falsch gestellt, wie von einem Schiedsrichter. Diese Position gibt es aber nicht. Es ist eine Frage der inneren Haltung der Unternehmer und Manager. Die Frage ist, ob ein Manager dem Unternehmen und Eigentümer dient oder nur den Nutzen für sich selbst sucht. Die gleiche Frage stellt sich ja auch auf der Ebene der Arbeiter, nur nicht im gleichen Ausmass. Die Frage ist, ob es ein Kontrollinstrument geben wird, mit dem das alles auf eine vernünftige Ebene kommt.

Was wäre eine vernünftige Ebene?
Das kann man so nicht sagen. Wenn Sie eine Milliarde erben, ohne zu arbeiten, wird einem das vielleicht auch nicht grade gegönnt. Oder Sie erben ein grosses Gebäude im Zentrum der Stadt und generieren hohe Erträge aus den Mieten - das würde Ihnen niemand übelnehmen.

Wenn Jesus in einem Verwaltungsrat sitzen würde, würde er auch dick verdienen und sich dann mit dem "goldenen Fallschirm" verabschieden?
Er hatte sich nie in die Wirtschaftsordnung eingemischt, sondern sich um die Leute in seinem Umfeld gekümmert. In einem Verwaltungsrat würde er wohl auf die Mitmanager einwirken und sich liebevoll um die Arbeiter kümmern. Er würde das Unternehmen nicht zur persönlichen Bereicherung benutzen.

Wie hoch würde er sich entschädigen lassen?
In seiner Grundhaltung lebte er ein "servant leadership". Auf diese Weise würde er sich auch in diesem Umfeld bewegen.

* IVCG = Internationale Vereinigung Christlicher Geschäftsleute; www.ivcg.ch
Audio Beitrag dazu: www.erf.ch/themen/art3198.html

Datum: 16.04.2004
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet.ch

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