Sparen, sparen …

Politiker scheinen nur ein Kurzzeitgedächtnis zu haben. Fliesst das Geld in wirtschaftlich guten Zeiten, geben sie reichlich aus und machen Steuergeschenke. Fliesst es harzig, wird Sparen zum Wahlschlager. Sparen gerät zuweilen zur Sparhysterie.

Überall scheint das Geld zu fehlen. Und gerade jetzt, wo es so knapp fliesst, muss beim Staat gespart werden. Ideologisch motivierte politische Kräfte nehmen die Gelegenheit wahr, den Staat in die Schranken zu weisen, indem sie ihm Mittel streichen. Ausnahmen machen Politiker nur, wenn es um eigene Interessen oder diejenigen der eigenen Klientel geht. Sonst wird munter die Sparbremse gedrückt, vor allem, wenn es um die unbeliebten Sozialkosten geht.

Zwar wird der Staat in diesem Bereich manchmal auch ausgenützt. Insbesondere Institutionen, die für Menschen ganz unten aufkommen sollen wie die IV. Doch zuweilen hat dies unsere Gesellschaft auch so gewollt, man denke nur an die Suchtkranken, die mit Ersatzdrogen versorgt und an die IV abgeschoben werden.

Goldenes Zeitalter für einige

Seltsam, leben wir nicht eigentlich in einem goldenen Zeitalter mit ungeahnten Möglichkeiten im wirtschaftlichen und industriellen Bereich? Wann in der Geschichte konnten die Güter des täglichen Bedarfs so leicht und rationell hergestellt werden wie heute? Wann konnte mit einem durchschnittlichen Lohn so viel eingekauft werden? Wann konnten wir uns Solidarität so gut leisten? Und doch:

Das Räderwerk läuft nicht rund. Und es gibt dazu auch einige Erklärungen. Wie selten in der Geschichte dominieren Eigennutz und Individualismus. Das Gemeinwohl wird durch Eigeninteressen aufgezehrt. Ganz selbstverständlich werden Weichen in der Politik so gestellt, dass es denen etwas bringt, die schon viel haben. Man denke nur an den ständigen massiven Druck für Steuersenkungen, von denen vor allem die Wohlhabenden profitieren. Sie tendieren dazu, sich aus ihrer Mitverantwortung für das Gemeinwohl zurückzuziehen – und werden von den kleinen Leuten dabei oft noch unterstützt. Ein Beispiel ist die breite Unterstützung bei der Abschaffung von Erbschaftssteuern. Der Solidaritätsgedanke hat es schwer.

Sagte nicht schon Sacharja (Sach 7,10): „Durch die Propheten schärfte ich ihnen ein: 'Fällt gerechte Urteile! Geht liebevoll und barmherzig miteinander um! Die Witwen und Waisen, die Armen und die Ausländer sollt ihr nicht unterdrücken! Schmiedet keine bösen Pläne gegeneinander …!'“ Und Jesus warnte die Reichen, die nur an ihren Eigennutz dachten, mit wenig schmeichelhaften Worten. „Doch wehe euch, ihr Reichen! Ihr habt euer Glück schon auf Erden genossen“ (Lk 6,24).

Von der Diakonie zum Sozialstaaat

Bereits die Urgemeinde nahm sich der sozial Notleidenden an und organisierte diakonische Hilfeleistungen als eine Hauptaufgabe zusammen mit der Verkündigung (Apg 6). Die christliche Kirche hat diese Aufgabe in ihrer Geschichte ganz unterschiedlich wahrgenommen. Oft war sie reich und kümmerte sich wenig um die Armen. Doch dann gab es wieder diakonische Erweckungen, wie wir sie etwa bei Franz von Assisi oder Petrus Waldus kennen oder viel später wieder in den diakonischen Werken der Pietisten wie Zinzendorf, Francke oder Spitteler.

Im 20. Jahrhundert wurden die „diakonischen“ zu „sozialen“ Aufgaben. Sie wurden in staatliche Sozialwerke umgebaut und erweitert. Niemand sollte mehr unter Armut und Elend leiden müssen. Wollte man wirklich zuviel? Nun – unter dem Eindruck schlechter Börsenkurse und konjunktureller Flaute – rufen politische Akteure auf, den Sozialstaat zu disziplinieren. Die Entwicklung wird, obwohl eigentlich neue Aufgaben anstehen, kaum aufzuhalten sein. Mehr Eigenverantwortung sei gefordert, heisst es. Typischerweise Eigenverantwortung – und nicht Gemeinsinn, also Verantwortung für die Gemeinschaft. Und das heisst im Grundsatz: Jeder soll selbst schauen, wie er über die Runden kommt.

Eigenverantwortung kann hart treffen

Kann das jeder? Natürlich nicht. Doch viele, denen es gut geht, haben es satt, länger für andere aufzukommen, die vermeintlich nur das System ausnützen. Man darf heute wieder Egoist sein, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.

Sind christliche Gemeinden in der Lage, diesem Megatrend zu begegnen? Zu zeigen, dass die Erlösung durch Jesus Christus auch zur Verantwortung nicht nur gegenüber mir und meiner Familie, sondern auch gegenüber dem Gemeinwesen befreit?

Predigten, die dazu aufrufen, sind so selten wie Maikäfer im Winter.

Datum: 27.06.2003
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Bausteine/VBG

Glaubensfragen & Lebenshilfe

Anzeige