"Kultur einer christlich motivierten Politik"

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Während die Werte in der westlichen Kultur sehr individualistisch und auf der Basis der Menschenrechte ausgelegt werden, spielt in östlichen Kulturkreisen und insbesondere auch im Islam nach wie vor das Sippendenken eine grosse Rolle. So werden in der Werteproblematik auch sehr grosse Kulturunterschiede sichtbar.

Der Theologe und Gesellschaftsbeobachter Dr. Wolfgang Bittner betont: "Werte im engeren Sinn sind nur dann vorhanden, wenn sie psychisch internalisiert sind und als Entscheidungsmechanismen autonom wirken",

In unserer (westlichen) Kultur ist eine grosse Wert-Unsicherheit, ein Wertewandel und sogar ein Wertezusammenbruch eingetreten. Darin ist die Opposition und Auflehnung gegen das Bisherige spürbar. Doch was kommt nach der Werteneutralisation? Wer füllt das Wertevakuum?

Gibt es eine "christliche" Politik? Bittner erinnerte an das Mittelalter, wo viel von einer christlichen Kultur geträumt wurde. Der Traum wurde in Form einer Prägung durch christliche Werte weitgehend verwirklicht, was aber die Kultur nicht zu einer "christlichen" Kultur machte.

Die Ursehnsucht nach einer Autoritätsperson

"Kultur" meint immer eine "Kultur-Gemeinschaft", die sich auf gemeinsame Verpflichtungen und eine gemeinsame Geschichte beruft und letztlich im religiösen Mutterboden gegründet ist. Der gemeinsame religiöse Mutterboden gibt einer Kultur-Gemeinschaft Ziel und Werte, setzt Grenzen und gibt Kraft nach aussen.
Ein Werteverlust bedeutet demzufolge nichts anderes als den Verlust des religiösen Mutterbodens. Heute ist eine verbreitete Angst feststellbar, die angestammte Kultur zu verlieren. Viele Menschen kommen nicht mehr klar und sind geprägt von einer Ursehnsucht nach Autoritätspersonen, im politischen wie im religiösen Bereich.
Tatsächlich gebe es solche Prozesse, die nicht (mehr) gesteuert werden könnten, betonte Bittner. Dies berechtige aber nicht zu einer pessimistischen Grundhaltung. Vielmehr sei es wichtig, "zu beobachten, zu informieren und zu kommentieren". Schliesslich dürfe nicht ausser Acht gelassen werden, dass eine Wertestabilität häufig auf (falscher) Ideologie aufbaue.

Plädoyer für verbindliche Gemeinschaften

In einer Zeit, wo Selbstverständlichkeiten zusammengebrochen sind, müsste die Kultur-Gemeinschaft wieder selbstverständlich werden, zum Beispiel in der Familie. Bittner plädierte für eine Kultur der bestimmten (inneren) Selbstverpflichtung, und zwar gegenüber Menschen und Gott. Wohl sei es unmöglich, eine "Gegenkultur" zu etablieren. Eine gangbare Alternative sei aber, in Gruppen vorwärts zu gehen und einander gegenseitig zu prägen. "Mein Christsein muss von einem ‚kommunitären' Lebensstil zeugen", hielt Bittner fest. "Ich muss bewusst aus der eigenen Individualität ausbrechen und mich begleiten und tragen lassen, Leben teilen und Stabilität erfahren." Dies geschehe in vielen kleinen, oft banalen Schritten. Er ermutigte, sich selber Gemeinschaften zu schaffen, zum Beispiel mit Freundesbriefen, oder auch Modelle einer guten Grundstruktur "für die Zwischenstufen zwischen egoistischem Individualismus und kollektiver Wohngemeinschaft" zu entwickeln.

Überarbeitung: Livenet, Antoinette Lüchinger

Autor: Thomas Feuz

Datum: 22.02.2003
Quelle: Bausteine/VBG

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