"Glaube an den Markt ist gross"

Sulzbach-Rosenberg. "Wird in der Kirche zu viel gerechnet und in der Wirtschaft zu viel geglaubt?" Der evangelische Männerbund hatte zu seinem traditionellen Vortragsabend in den Gemeindesaal der Christuskirche in Sulzbach eingeladen. Redner war der Sozialpfarrer Dr. Hans-Gerhard Koch, Leiter des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) und Mitglied der Landessynode.

Sprache der Religion

"Während die Kirche für sich die Sprache der Marktwirtschaft verwendet, benutzt die Wirtschaft immer mehr die Sprache der Religion", lautete Dr. Kochs erste These. In der Kirche spreche man von "Unternehmen Kirche" von "Effizienz" und "Marktanteilen", während man in der Wirtschaft vom Glauben an die Firma und an das Produkt spräche und immer schönere "Markt-Kathedralen" baue, beispielsweise grosse Möbelhäuser.

Unverhüllt würden christliche Bilder und Begriffe in der Werbung benutzt. "Die neue Warenreligion bedient sich aus den Regalen der alten Religion, um an Waren Wünsche und Hoffnungen der Menschen festzumachen." Wahrheit werde durch Ware ersetzt, Konsum zum Bekenntniskonsum. "Mit unablässigem Kaufen gewinne ich Vergebung und Erneuerung und diene den Marketingpriestern."

Der Glaube an den "Markt", der alles von selbst richten werde, sei gross. "Es wird auch in der vermeintlich so nüchternen Wirtschaft viel zu viel an den Markt und seine unfehlbaren Mechanismen geglaubt", so das Urteil von Pfarrer Koch. Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit seien für diese "Marktreligion" völlig bedeutungslos.

"Der Gott Mammon"

Glaube bestimmt das Handeln - dies gelte heute in Kirche wie Wirtschaft. Der Referent zitierte Luther mit den Worten: "Worauf du dein Herz hängest und verlässest, das ist eigentlich dein Gott." Wenn nun jemand sich ganz aufs Geld verlasse, so habe der "auch einen Gott: Mammon."

Wenn jemand nur auf Gewinn aus ist, nenne Luther dies "Wucher". Wer höhere Preise verlange als seine Kosten sind, sei für Martin Luther schlicht ein Dieb, egal ob es der Markt hergäbe. "Luther war überzeugt, dass Glaube und Handeln eins sein müssen, das Gute kein Nebenprodukt des Bösen sein kann!" Luther würde heute noch schärfer reden, denn er sah, wie Menschen Erfolg an Stelle Gottes setzten.

Luthers Kritik orientierte sich am Doppelgebot: "Gott und den Nächsten lieben." Die Freiheit des Menschen sei eingebunden in diese Zweierbeziehung. Massstab wirtschaftlichen Handelns müssten Wohl und Bedürfnisse der Menschen sein. Daraus ergäben sich für den Dialog zwischen Kirche und Wirtschaft Schlussfolgerungen.

So seien Wirtschaftswachstum und Produktivität nicht um ihrer selbst willen erstrebenswert. Sie müssten gebunden sein an die Verantwortung für Mensch und Umwelt. Kirche müsse dagegen protestieren, dass unter den Zwängen der Finanzmärkte demokratische Regierungen, Umwelt, Familie, Kultur unter die Räder gerieten.

"Es gibt nur einen Gott"

Die weltweite Lutherische Kirche habe erkannt, dass die Welt wirklich zusammenwächst. Auch heute gelte Luthers Einsicht, dass es nur einen Gott gibt, den Gott der Bibel. Zum Schluss äusserte Pfarrer Dr. Koch die Hoffnung, dass die weltweite Gemeinschaft lutherischer Kirchen wie in Deutschland, USA etc. eine alternative Globalisierung entwickeln könne: "Wenn Luther heute lebte, wäre er eher bei den jungen Kritikern der Finanzmärkte als bei denen, die neue Bankpaläste einweihen!"

Quelle: gdt

Datum: 11.11.2002

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