Der Tanz um das goldene Kalb

Geld wird oft vergöttert, manchmal verteufelt. Jedenfalls hat das Geld heute eine neue Dimension erhalten. Der Soziologe Oskar Negt spricht in seinem neuen Buch „Arbeit und menschliche Würde“ von einer „Verselbständigung der Geldmacht und der Finanzströme, die bisher im Alltag der Erwerbs- und Arbeitsgesellschaft eingebettet waren“. Er sieht darin eine folgenreiche Abspaltungen von Lebenszusammenhängen: „Es entsteht eine Gesellschaft mit eigenen Gesetzen.“

Und diese Gesetze verschaffen sich in immer mehr Lebensbereichen Geltung, so dass das Geld langsam, aber sicher die Stelle einnimmt, die früher Gott zukam: als die alles bestimmende Macht. Der Philosoph Georg Simmel setzte es schon vor hundert Jahren in seiner „Philosophie des Geldes“ in Beziehung zu Gott: Das Gefühl von Ruhe und Sicherheit, das der Besitz von Geld gewährt, entspricht psychologisch demjenigen, das der fromme Mensch bei seinem Gott findet. Neue Bedeutung hat das Phänomen dadurch gewonnen, dass zumindest in der westlichen Welt die Frommen eher die Ausnahme sind. Deshalb konnte das „liebe Geld“ den „lieben Gott“ ablösen.

Andere Ansatzpunkte sind dadurch aus dem Blick geraten. Moses zum Beispiel verlangte bereits, dass einem verarmten Menschen geholfen werden muss, ohne dass man von ihm Zins nimmt - ein Kernstück der heute fast gänzlich ignorierten Wirtschaftskritik. Auch Martin Luther sah im zinsnehmenden und nur gewinnorientierten Wirtschaften die systematische Umkehrung des von Gott geforderten Verhältnisses zum Nächsten. Luther wollte eine Ökonomie, die sich nicht am persönlichen Gewinn, sondern am bedürftigen Nächsten orientiert.

Geld schafft Distanz

Geld schafft die Voraussetzung für unpersönliche Beziehungen. Durch das Geld werden wir immer mehr voneinander entfremdet, weil uns nichts Konkretes mehr miteinander verbindet. Solange die Menschen noch sprichwörtlich von den Nachbarn Salz und Brot holen mussten, redeten sie auch direkt miteinander. Man unterhielt sich, und zwischenmenschliche Beziehungen wurden gepflegt. Die moderne Geldwirtschaft hingegen hat die Basis dafür geschaffen, dass die Beziehungen entpersonalisiert werden konnten. Das Geld hat Einfluss auf Distanz und Nähe von Menschen.

In der Kirche wird manchmal darauf hingewiesen: "Gott, sammle die Menschen aller Rassen und Sprachen, aller Schichten und Gruppen zum Gastmahl der ewigen Versöhnung". Genau das macht heute das Geld: es sammelt die Menschen aller Rassen und Sprachen, aller Schichten und Gruppen, zu seinem distanzierten Gastmahl. Der Philosoph Walter Benjamin sagt in seinem Essay "Kapitalismus als Religion": "Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken. Das heisst: der Kapitalismus dient der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen und Unruhen, auf die ehemals die Religionen Antwort gaben."

Die Hochfinanz ist aber eine verschuldende Zins-Religion. Jochen Hörisch, Literaturwissenschaftler aus Mannheim, hat das auf eine Kurzformel gebracht: "Wer sich zum Kapitalismus bekennt, bekennt sich schuldig. Er ist offensichtlich egoistisch, kalkuliert die Schlechtigkeit der Welt und der Menschen grundsätzlich ein, begreift alles als knappe Ressource, hat wenig Achtung vor Traditionen, nimmt Zusammenbrüche und Konkurse billigend in Kauf, hält nichts von Moral."

Gott schafft Nähe

Die Hochfinanz verschuldet, der christliche Glaube entschuldet. Diese Tatsache zeigt den Unterschied am deutlichsten. Wie will Erstere aus diesem fatalen Teufelskreis wieder herausfinden? Endlos drehen sich die Runden, und einer nach dem anderen wird von ihren Fliehkräften an den Rand geschleudert, einzelne, ganze Familien, Nationen.

Anstelle des Schleuderns bietet der christliche Glaube das Aussteigen an: den freiwilligen Verzicht auf immer noch mehr. Wann macht der Mensch etwas freiwillig? Wann verzichtet er auf eine Sache, von der er meint, sie stehe ihm zu? Eigentlich nur dann, wenn er von einer noch besseren, noch vorteilhafteren überzeugt ist. Diese Haltung des freiwilligen Verzichtens stand jedenfalls am Anfang des Christentums. Von den ersten Nachfolgern von Jesus heisst es: "sie teilten aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte." Sie hatten in ihrem neuen Glauben an Jesus, tatsächlich etwas gefunden, das sie über die Macht des Geldes hinaushob. Und indem sie selber freiwillig gaben, stiegen sie aus. Sie entflohen der Religion des Geldes und überwanden die Distanz zu ihren Mitmenschen. Sie wurden hellhörig für die Welt, für die Mitmenschen, für Ideale, Träume. Ein gebender Mensch wächst über sich und die Religion seiner Zeit hinaus.

Datum: 13.09.2002
Autor: Bruno Graber
Quelle: Livenet.ch

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