Das Diktat der Tempomacher- ist Zeit wirklich Geld?

Tempo, Tempo. Immer schneller, heisst die Devise. Zeit ist Geld.

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Das Wachstum der Marktwirtschaft verlagert sich vom Raum in die Zeit
Ein Brief erreicht in Sekunden per E-Mail den Empfänger, der Computer verbindet uns in Echtzeit mit aller Welt, per Internet können wir amerikanische Zeitungen bei deren Erscheinen lesen.

Wenn etwas die derzeitige Entwicklung der Weltwirtschaft kennzeichnet, dann ist es der Begriff Beschleunigung. Die rapide Geschwindigkeit hat die Globalisierung des Marktes erst ermöglicht: Seit sich Daten per Satellit in Sekundenbruchteilen in alle Welt übertragen lassen, können Schweizer Firmen auch in Asien Computerprogramme schreiben lassen. Seit der Kapitalmarkt online funktioniert, kann das Geld sofort dorthin "fliessen", wo es die höchste Rendite erwartet. Seit Grossraumjets die Kontinente verbinden, können Verbraucher Waren aus aller Welt ins Haus kommen lassen.

Die Marktwirtschaft ist mittlerweile fast in alle Winkel der Erde vorgedrungen. Nun verlagert sie ihr Wachstum vom Raum in die Zeit. Immer schneller kommen neue Produkte auf den Markt, gelten die alten als überholt. Weltkonzerne lassen ihre Entwicklungsprogramme rund um die Uhr laufen: Zeit ist Geld. Rund um die Uhr sollen auch die Verbraucher konsumieren. Banken stehen per Telefon und Datenleitung nonstop zur Verfügung, TV-Sender kennen schon lange keinen Sendeschluss mehr, eine Reise kann man nachts buchen ebenso per Teleshopping einkaufen. Und auch für den "realen" Einkauf müssen die Läden immer länger offen sein.

Der Preis für solches Nonstop-Leben ist hoch. Jeder kennt etwa vom Autofahren die Regel, dass beim Beschleunigen der Energieverbrauch zunimmt und die Kontrolle des Gefährts schwieriger wird. Ein solcher Kontrollverlust ist auch bei der Beschleunigung der Weltwirtschaft zu beobachten. Immer weniger können Regierungen eine Wirtschaftspolitik betreiben, die diesen Namen verdient. Die Bedingungen des Handelns diktieren die weltumspannenden Konzerne. Gegen Devisenspekulanten, die in sekundenschnelle Milliarden von einem Land ins andere transferieren, haben selbst die grössten Währungsbanken wenig Chancen. Experten halten deshalb einen Crash des Währungssystems für möglich.

Kontrollverlust auch im kleinen: Immer mehr Menschen bleiben auf der Strecke, weil sie im immer stärker verdichteten Arbeitsprozess nicht mithalten können. Familien zerbrechen an den gegenläufigen Arbeitsrhythmen der Partner. Und auch die Umwelt kommt nicht mehr mit, weil das Tempo der Industrie sich immer weiter von der Regenerationsfähigkeit der Natur entfernt. Obwohl viele die Alarmzeichen sehen, will kaum einer auf die Bremse steigen. Zuviel steht auf dem Spiel. Denn wer beim Tempospiel eine Runde aussetzt, ist gleich ganz draussen.

Immerhin bietet die Speed-Kultur auch existentielle Vorteile: für den Kranken, der von einem Spezialisten Tausende Kilometer entfernt per Computer operiert wird, für Menschen in Erdbebenzonen, die dank schneller Datenverarbeitung rechtzeitig vor einer Katastrophe gewarnt werden, für die politische Opposition in einer Diktatur, der das Internet neue Kommunikationskanäle eröffnet. Dennoch: Um den Prozess der Globalisierung beherrschbar zu machen und dem "Zeitinfarkt" zu entgehen, ist der masslosen Beschleunigung ein Mass zu setzen. Umweltschützer haben die "Ökologie der Zeit" entdeckt und fordern das Beachten der Eigenzeiten und natürlichen Rhythmen des Menschen und der Umwelt.

Entschleunigung heisst ihr Stichwort. Einen Weg dazu könnte auch Spiritualität sein. Askese, die Beschränkung auf das Wesentliche, diente nicht, wie oft unterstellt, dem zähneknirschenden Verzicht, sondern der Intensivierung des Lebens. Auch die Bibel kennt dieses Bedürfnis nach Ruhe. Ein entscheidendes Wort dazu lautet: "Wenn du betest, so gehe in dein Kämmerlein und schliess die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen."

Sich mehr Zeit lassen spart auch Geld. Ein souveräner Umgang mit der Zeit vermag nicht nur Kreativität freizusetzen - ein wichtiger Wirtschaftsfaktor -, sondern eröffnet auch neue Möglichkeiten für "nichtproduktive" Arbeiten, für Kinder, Pflegebedürftige, für Umweltschutz, Kultur und Gemeinwohl.
Wer dem Diktat der Tempomacher entgehen will, der sollte, wo immer es ihm (noch) möglich ist, sein Tempo selber bestimmen: nach eigener Entscheidung beschleunigen oder auch bremsen, ganz so, wie es seinem Leben gut tut:

- für jeden beruflich belegten Abend pro Woche automatisch einen anderen für Privates freihalten
- die Termine der Kinder vorrangig einschreiben und dann aus gutem Grund eine Sitzung absagen
- grundsätzlich 5-10 Minuten früher eintreffen: am Bahnhof, beim Hausarzt, auf der Arbeit
- ein freies Wochenende pro Vierteljahr einlegen, mit oder ohne Ehepartner
- jedem Tag sein Gepräge geben: am Sonntagabend werden Familientermine besprochen, am Dienstag ein Blick auf die Brief-Schulden, freitags eher Zeitschriftenlesen, ...

Und zwischendurch die inspirierende Frage: Wenn dieses halbe Jahr vorüber ist - was möchte ich auf keinen Fall verpasst haben?

Und noch etwas: Vergessen wir die Musse nicht. - Was das ist, Musse? Nun, "die Muße ist dadurch Entspannung, dass wir Dinge tun, die nicht getan werden müssen. Sie bedeutet jenes Tun, das nichts ausmacht, oder überhaupt Nichtstun, weil das nämlich auch nichts ausmacht" (Eugen Rosenstock).

Datum: 16.04.2002
Autor: Bruno Graber
Quelle: Jesus.ch

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