Jeder ist sich selbst der Nächste - besonders in der Wirtschaft

Enron ist nicht nur der grösste Firmenbankrott in der amerikanischen Geschichte, sondern auch ein Lehrstück für betrügerische Beschönigung der Bücher. Das Topmanagement verkauft seine Aktien rechtzeitig, die Mitarbeiter verlieren alles, sogar ihre Pensionsguthaben. Seit ein paar Monaten kommt auch in «Corporate Switzerland» ein Skandal nach dem anderen ans Tageslicht: Bei Kuoni, Swissair, ABB und Co findet eine nicht zimperliche Selbstbereicherung statt. Die Führungsetagen belohnen sich selbst dann, wenn sie operativ krass versagt haben. Andere Konzerne kommen aus anderen Gründen nicht mehr aus den Schlagzeilen: So wird die Credit Suisse in schöner Regelmässigkeit und auf allen Kontinenten für irgendwelche Verfehlungen gebüsst. Dagegen wirkt Roche, die als geständige Koordinatorin für ein illegales Vitaminkartell tief in die Tasche greifen musste, fast noch sympathisch. Ist die Moral in der Wirtschaft völlig auf den Hund gekommen?

Es darf vermutet werden, dass es um die Moral an den Schalthebeln der Wirtschaft früher nicht besser bestellt war. Allerdings drängen heute nicht staatliche Organisationen (NGO), Medien, Mitarbeiter und immer öfter auch die Aktionäre zu mehr Transparenz. Gleichzeitig fliessen die Informationen dank den Segnungen des Internets schneller denn je: Wenn der BH-Hersteller Triumph nicht nur Busen stützt, sondern auch das unappetitliche Regime in Myanmar, wenn ein Vögele-Lieferant in Indien auf Kinderarbeit setzt, breitet sich diese Kunde schnell aus und landet früher oder später auf den Redaktionspulten. Wenn in der Vergangenheit weniger Skandale ruchbar wurden, dann wohl nur deshalb, weil die Dunkelziffer höher lag.

Aus christlicher Sicht erstaunt der Mangel an Moral in der Wirtschaft (und der Gesellschaft) kaum: Die Bibel zeichnet ein gänzlich unvorteilhaftes Bild vom Menschen. Aus Gottes Perspektive sind alle schlecht und egoistisch. Ironischerweise deckt sich die biblische Sicht der Dinge grösstenteils mit dem Modell des Homo oeconomicus, das die Pioniere der Wirtschaftswissenschaften entworfen haben. Es besagt, dass der Mensch ein rationales Wesen ist und daher jederzeit vollkommen egoistisch auf den eigenen (materiellen) Vorteil bedacht ist. Zwar ist der Homo oeconomicus ein Modelltyp, dem man zum Glück im Wirtschaftsleben nicht jeden Tag über den Weg läuft. Viele erfreuliche Ausnahmen zeigen sogar, dass an den Schalthebeln der Wirtschaft durchaus auch Menschen mit moralischen Standards sitzen: Da ist zum Beispiel der Unternehmer Klaus J. Jacobs, der sämtliche Vermögensrechte an seiner Holding-Gesellschaft Jacobs AG der gemeinnützigen Jacobs Stiftung schenkt. Viele Unternehmer und Manager sind philanthropisch tätig (zum Beispiel der Hardcore-Investor George Soros) oder legen gar ihre Tätigkeit in der Wirtschaft nieder und werden humanitär tätig. (natürlich könnte man den Altruismus auch als besonders perfide Form des Egoismus bezeichnen).

Trotz der Ausnahmen: Tatsache bleibt, dass man der Moral in der Wirtschaft auf breiter Front wohl nur über äussere Anreize Nachachtung verschaffen kann. Wenn es finanziell schadet, unmoralisch zu sein, hat der Homo oeconomicus, (oder der Mensch, wie ihn die Bibel beschreibt) einen grossen Anreiz, sein Verhalten zu ändern. So utopisch ist das gar nicht: Grosse Konzerne können sich ethische Fehlleistungen gar nicht mehr erlauben (resp. sich dabei erwischen zu lassen). In diesem Licht ist zum Beispiel der unlängst bekannt gegebene Entschluss der UBS zu verstehen, von einem umstrittenenen Staudammprojekt in der Türkei Abstand zu nehmen. Man möchte in der Öffentlichkeit nicht als Umwelt- und Sozialsünder dastehen. Immer mehr Unternehmen geben an, wieviel ihre Verwaltungsräte und Management verdienen. Man möchte nicht als Abzocker gelten.

Letzten Endes wird der entscheidende Druck, den es für ethische Mindeststandards braucht, wohl von Seiten der Aktionäre kommen - auch wenn das für die Kritiker des Shareholder-Values eine Kröte ist. Nachhaltiges Investieren ist en vogue. Dabei redet man längst nicht mehr von ein paar idealistischen Privatinvestoren, die Aktien von «ethisch korrekten» Unternehmen kaufen. In erster Linie treten heute Versicherungen und Pensionsfonds - die grössten Anleger überhaupt - als «nachhaltige Investoren» auf. Der AHV-Fonds zum Beispiel lässt immerhin 500 Mio Fr. nach nachhaltigen Prinzipien verwalten. Dabei ist der AHV-Fonds ein kleiner Fisch im globalen Teich der institutionellen Investoren. Längst sind auch die renommierten Indexanbieter Dow Jones und FTSE auf den nachhaltigen Zug aufgesprungen und bieten entsprechende Produkte an.

Milliarden von Dollar werden bereits «nachhaltig» angelegt. Wer erfolgreich geschäftet und dabei die Umwelt schont, seine Mitarbeiter gut behandelt, sowie fair mit Geschäftspartnern und der Konkurrenz umspringt,kann sich dem Wohlwollen der grossen Investoren der Welt sicher sein. Die Manager können sich diesem Druck nicht verschliessen. Immer öfter flattern ihnen umfangreiche Fragebögen ins Haus, die akribisch genau Rechenschaft über die Sozial- und Umweltbilanz des Unternehmens einfordern.

Dabei setzt sich am einen oder andern Ort wohl auch die Erkenntnis durch, dass sich ethisches Verhalten oft unmittelbar finanziell niederschlägt. Dies legen zumindest verschiedene Studien nahe: Wer die Ressourcen schont, kann oft auch mit geringeren Produktionskosten rechnen. Wer Kinderkrippen und ein transparentes, nicht diskriminierendes Lohnsystem schafft, hat weniger Personalfluktuationen und damit geringere Kosten.

Aus Schweizer Sicht erfreulich ist, das trotz der Skandalwelle in den hiesigen Führungsetagen einige helvetische Konzerne im Bereich Nachhaltigkeit zur Weltspitze gehören.

Datum: 12.04.2002
Autor: Manfred Städeli

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