Geteilt in einer Stadt

Die Besom Foundation in London will eine Brücke bauen. Eine Brücke zwischen Reichen und Armen. Wer ist reich? Ein Mensch, der etwas geben kann und will. Zeit, Geld, Einsatz und Liebe. Arm ist der Nachbar in Not. Das Ziel ist nicht der Aufstand gegen eine ungerechte Welt. Es geht um den einen, kleinen Unterschied, den jeder ausrichten kann.

1984. James Odgers war Rechtsanwalt, ein Spezialist für Betrug bei internationalen Bankgeschäften. Seine Londoner Anwaltskanzlei übertrug ihm Fälle in Lagos, New York, Tokio. Ein Auftrag führte ihn nach Hongkong. Kurz vor dem Abflug drückte ihm ein Kollege die Adresse einer Freundin in die Hand: "Ruf doch Jackie an, wenn du dort bist." Wer das sei? "Ein sympathisches Mädchen."

Odgers, 29, Junggeselle, telefonierte bei erster Gelegenheit. "Wie wäre es, wenn wir uns zum Abendessen treffen?", sagte die Stimme am anderen Ende. "Ich bringe ein paar Freunde mit." Odgers trat im Anzug aus seinem Luxushotel, dem "Mandarin", und machte sich auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt. Je weiter er kam, desto verfallener wurde das Strassenbild.

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streunende Hunde
Eine braune, undefinierbare Kruste begann seine vormals blank geputzten Schuhe zu überziehen. Das Restaurant stellte sich als Strassenlokal heraus. Stehtische, dazwischen Abflussrinnen mit einer ölig schimmernden Kloake. Dann kam "Jackie" - und mit ihr zwölf grossgewachsene, muskulöse, über und über tätowierte Chinesen.

Der Rechtsanwalt und die Messerkämpfer

Man stellte sich um zwei Tische. Odgers wandte sich an den ersten Nachbarn und fragte in seinem besten Party-Ton: "Und was machen Sie?" Der Mann begann zu erzählen. Er sei 25 Jahre lang von Heroin abhängig gewesen. Zehn Jahre habe er im Gefängnis verbracht. Wegen schwerer Körperverletzung. Er sei nämlich Strassenkämpfer gewesen. Aber das wäre vorbei. Durch Gebet zu Jesus sei er augenblicklich und ohne Schmerzen von seiner Drogensucht frei geworden. Jetzt arbeite er für die Lady.
"Über eine solche Vergangenheit kann sie unmöglich Bescheid wissen", dachte Odgers und nahm sich, etwas diskreter, den Mann auf der anderen Seite vor. Narben liefen über dessen Arme, stumme Zeugen einstiger Messerkämpfe. Seine Geschichte klang ähnlich. Strassengang, Heroinsucht, Gefängnis, dann Bruch mit der ganzen Vergangenheit durch ein Gebet. Von der Lady, für die auch er jetzt arbeite, sprach er mit grösster Achtung. Es war Jackie Pullinger.
So früh es der Anstand erlaubte, verabschiedete sich Odgers von der Gruppe. Seine Gedanken begannen sich zu jagen. Er - Brite, Traditionalist und Kopf-Christ - war als Anwalt hinter den Machenschaften von Finanzbetrügern her, die, tadellos gekleidet, vor Gericht erschienen. Sie, zwölf chinesische Ex-Gangster, gezeichnet von einer kriminellen Vergangenheit, hatten sich in aufrichtige Menschen verwandelt. Eine verkehrte Welt. Er mochte die Sache drehen und wenden, wie er wollte, es war offensichtlich, dass die zwölf nicht mehr das waren, wofür er sie beim ersten Anblick gehalten hatte. Jesus konnte also noch heute Leben verändern...
Vier Jahre später ging James Odgers als Helfer in eines der Drogenentzugszentren von Jackie Pullinger auf der Hongkonger Insel Lantau. Nach sechs Wochen sass er im Flugzeug zurück nach London und begann, zu beten und Ideen niederzuschreiben. Es war die Geburtsstunde der Besom Foundation.

Die Brücke zum Menschen in Not

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Besom-Frau
Besom. Das altenglische Wort für Besen drückt zugleich das Programm der Stiftung aus: Armut und Not, Leid und Tränen wegwischen. Nicht wegsehen, nicht unter den Teppich kehren, nicht verzweifeln vor der Grösse der Aufgabe, sondern genau das tun, was im Bereich der eigenen Möglichkeiten liegt. "Die Besom Foundation hilft Menschen, einen Unterschied zu bewirken", lautet ihr Motto. "Wir schaffen eine Brücke zwischen denen, die Geld, Zeit, Güter oder Fähigkeiten geben wollen, und Menschen in Not."
Als Erstes ging es um - Geld. Odgers arbeitete in der Londoner City, einem Finanzplatz von Weltrang. In seinem Umfeld von Bankern und Rechtsanwälten sah er, dass es durchaus Kollegen gab, die Menschen in Not helfen wollten. Aber sie wussten nicht so recht wie. In zweierlei Hinsicht waren sie besonders skeptisch. Jedesmal, wenn sie Beträge verschenkten, fragten sie sich hinterher, ob sie damit tatsächlich etwas verändert hatten. Ging es um Hilfswerke, so kam regelmässig der Einwand, viel zu viel Geld werde von deren Verwaltungsapparaten verschlungen.
Als Antwort formte Odgers die fundamentalen Richtlinien von Besom. "Der Spender bestimmt, wo sein Geld hingeht", lautet der erste Grundsatz. Nicht jeder hat die gleichen Anliegen. "Viele Engländer wollen etwas für Strassenkinder tun, andere nicht. Manche möchten Hilfe leisten in den ärmsten Ländern der Welt, andere möglichst vor der eigenen Haustür", sagt Odgers. Besom begann passende, effizient arbeitende Hilfsorganisationen zu suchen.
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Besom Foundation beim Einsatz
Die Stiftung fragte nicht: "Welche Projekte brauchen Geld?", sondern: "Wen möchte dieser Spender unterstützen?" Kleine, örtlich verwurzelte Hilfsmassnahmen sollten es sein, deren Verwirklichung nicht mehr als 5000 Pfund kostete. Keine Megaprojekte, keine Finanzspritzen für serbelnde Fehlplanungen. Jeder Spender sollte sehen können, wie sein Engagement für eine überschaubare Gruppe Menschen eine messbare Verbesserung der Lebensumstände bringt.

Sag danke

Noch heute schliesst Besom jedes Projekt mit einem Bericht an die beteiligten Spender ab - ein zweiter Grundsatz. "Mit Ihrer Hilfe", lässt sich da lesen, "konnten wir einen Computerraum in der Sozialsiedlung X einrichten. Etwa 400 Jugendliche und Erwachsene gewinnen dadurch Zugang zu einer PC-Grundausbildung. Das Projekt hat 4800 Pfund gekostet, Sie haben sich mit 425 Pfund daran beteiligt. Vielen Dank. Ihr Einsatz macht einen Unterschied." Ein Bild mit den Anlagen und einigen der Begünstigten rundet den Bericht ab.
"Transparenz ist die halbe Miete", sagt Alexandra Devlin, Koordinatorin für Projekte bei Besom. "Nichts motiviert Spender mehr, als wenn sie wissen, dass ihr Engagement das Leben anderer Menschen glücklicher gemacht hat. Einige der Sponsoren heften sich diese Berichte zuhause an den Kühlschrank, um sie stets vor Augen zu haben." Die ganzen Ver-mittlungsdienste von Besom sind frei. Jedes gespendete Pfund geht in vollem Umfang weiter. Die Administration wird von separaten Sponsoren bezahlt. Von solchen, die sich hinter die Ziele von Besom stellen. "In einer Gesellschaft, wo alles etwas kostet", sagt Devlin, "glauben viele, wir helfen nur, weil für uns etwas dabei herausspringt. Das ist nicht der Fall. Wir kämpfen gegen die fixe Idee an, dass Hilfe für Mitmenschen in Not ein Geschäft sei."

Spenderkreise

Es ist nicht die einzige festgefahrene Vorstellung, gegen die Besom Stellung bezieht. "Manche Leute sagen: ‹Es gibt so viel Elend auf der Welt, was kann ich als Einzelner schon daran ändern?›", ereifert sich James Odgers. "Und dann stehlen sie sich aus der Verantwortung um ihre Mitmenschen." Darum hat Besom ein ganz spezifisches Instrument für Gruppen geschaffen: Spenderkreise. Die Ausgangslage ist einfach. Ein einzelner Berufstätiger, egal welcher Hierarchiestufe, beginnt in seiner Firma unter Kolleginnen und Kollegen zu fragen, wer mit ihm einen Spenderkreis beginnen möchte. Ein Pool wird eröffnet. Jeder im Unternehmen, der will, kann sich der Gruppe anschliessen. Alle Mitglieder geben der Lohnbuchhaltung Anweisung, einen bestimmten Betrag direkt von ihrem Gehalt abzuziehen und in diesen Pool zu überweisen. Jeder bestimmt selbst, was er geben will. Druck wird nicht ausgeübt. Keiner weiss vom anderen, wie oft und in welcher Höhe er spendet. Dann, wenn der Pool voll ist, trifft sich die Gruppe und beschliesst, wie sie das Geld investiert.
"Das sind gesunde, dringend notwendige Diskussionen", sagt Odgers. "In diesen Gruppen sind keineswegs alle Christen. Spenden kann jeder, und zwar aus unterschiedlichsten Gründen. Weltanschauungen spielen mit, der Glaube, die innersten Überzeugungen und Neigungen. Und vor dieser Kulisse beginnt eine Diskussion, in der es um etwas geht, über das man sonst nie redet: Das eigene Geld, und warum man es für andere ausgibt."

Im Büro mit den Glaswänden

John Nicholson ist Risk-Manager in einem Finanzinstitut, das eine marktführende Stellung an vier Börsen Europas und Nordamerikas einnimmt. Die Wände seines Büros sind aus Glas. Blick frei auf rund 40 Mitarbeiter. Bildschirme dominieren das Grossraumbüro. Manche sind auf Augenhöhe angebracht, andere über Kopf, in halbschräger Position. Zahlen und Tabellen in endlosen Kolonnen flimmern über die Mattscheiben. Eine Glastür trennt das Grossraumbüro von der Cafeteria. Dort schwimmt im blauen Licht seines Aquariums das Firmenmaskottchen, ein Hai.
"Hier arbeiten wir jeden Tag zehn, zwölf Stunden", erzählt Nicholson. "Preise festlegen, Kurse verfolgen, Geschäfte abschliessen... was draussen sonst noch alles geschieht, kann man hier leicht vergessen." Vor anderthalb Jahren hat er einen Spenderkreis mitgegründet. Er wollte seinen Kollegen die Möglichkeit geben, an etwas Besonderem mitzuwirken. "Etwas, das uns das Gefühl gibt, wir kümmern uns um andere, die im Leben weniger Chancen bekommen haben als wir." Acht Mitglieder sind heute mit von der Partie. Sie alle gleichzeitig an einen Tisch zu bringen, braucht in diesem Business das Geschick eines Jongleurs. "Das letzte Mal", so Nicholson, "haben wir beschlossen, ein Bildungs-projekt für Kinder aus verarmten Familien zu finanzieren. London ist ein seltsamer Ort. Hier in der City ist ein Finanzplatz von globaler Bedeutung. Westlich von Aldgate dagegen (drei U-Bahn-Haltestellen weiter, Red.) beginnt das East-End und mit ihm eine völlig andere Stadt. Eine mit Armut und täglichem Kampf ums Durchkommen."
Nicholson hat Pläne. Er möchte eine für jeden zugängliche Pinwand aufstellen, an der alles zu lesen ist, was mit dem Spenderkreis zusammenhängt... wen die Gruppe zuletzt unterstützt hat, wie viel Geld im Fonds ist und welche Projekte als nächstes zur Diskussion stehen.

"So würde in unserer Firma das Bewusstsein gestärkt, dass wir unsere soziale Verantwortung wahrnehmen." Um diesen Effekt zu unterstützen, hat Nicholson der Geschäftsleitung einen Vorschlag unterbreitet. Für jedes Pfund Sterling, das ein Mitarbeiter in den Fonds einzahlt, soll die Firma ein weiteres Pfund dazulegen. "So könnten wir nicht nur doppelt so viele Projekte finanzieren, sondern gäben eine unmissverständliche Botschaft weiter: ‹Wir machen nicht Geld um jeden Preis, wir möchten auch helfen.› Stellen Sie sich vor, welche Wirkung auf Mitarbeiter, Partner und Kunden das haben wird."

"Manche dieser Spender-Kreise entwickeln ihre eigene Dynamik", bestätigt Alexandra Devlin. "Wenn sie einmal 10 bis 15 Mitglieder umfassen (eine ideale Grösse), wird der Pool schneller voll, die Projekte folgen sich in kürzeren Abständen und das Gefühl in der Gruppe wächst, dass sie etwas verändert." Dann erzählt Devlin, mit welcher Aktion der Spenderkreis einer Bank bei der ganzen Belegschaft Aufsehen erregte. "Sie haben zu Beginn der Weihnachtszeit einen Spielwarenkatalog unter sämtlichen Mitarbeitern zirkulieren lassen. Alle sollten ein Spielzeug wählen und bestellen. Eines, das ihr oder ihm als Kind Freude gemacht hätte. Es kam eine riesige Spielzeugkiste zusammen. Die haben sie dann den Kindern in einem Haus für alleinerziehende Mütter geschenkt."

Not - Neuanfang bei nichts

Mit der Zeit entdeckte Besom, dass Geld nicht das Einzige war, was Spender weitergeben wollten. Es gab Personen, die keine Finanzen erübrigen konnten oder wollten, aber Zeit, Fähigkeiten und Güter gerne verschenkt hätten. An Abnehmern bestand kein Mangel. London ist eine Stadt der Obdachlosen. Und auch die Zahl der allein erziehenden Mütter nimmt stetig zu. Ihre Schicksale gleichen zum Teil wahren Fluchten. Eine Frau zum Beispiel hatte, nachdem sie von ihrem betrunkenen Ehemann verprügelt worden war, die allernötigsten Habseligkeiten in eine Tasche verpackt, ihre zwei Kinder aus dem Schlaf gerissen und war, die Kleinen noch im Pyjama, in die Nacht hinausgerannt. Solche Ausbrüche endeten üblicherweise in einem Frauenhaus. Hier warteten schon andere Mütter und Kinder, bis ihnen nach Monaten die öffentliche Hand eine bescheidene Sozialwohnung zuwies. "Wir haben schon viele solcher Wohnungen gesehen, und in manchen ist einfach nichts, wenn die Frauen sie beziehen wollen", erzählt Odgers. "Nichts! Verstehen Sie? Ich weiss bis heute nicht, wie ich dieses ‹nichts› erklären soll, wenn ich mit Leuten spreche, die nach normalen englischen Standards leben." Kein Bett, kein Sofa, kein Tisch, kein Vorhang, womöglich nicht einmal eine Teekanne. "Wir standen schon in Wohnungen", sagt Rupert Cryer, jede Woche mehrmals mit dem Besom-Lieferwagen unterwegs, "da war seit Jahr und Tag kein Zimmer mehr gestrichen worden. Selbst in den Lampenfassungen fehlten die Leuchtbirnen und im Wohnzimmer, an Stelle eines Teppichs, starrten angerostete Nägelstümpfe aus dem Bretterboden."
Besom hat es geschafft, das Vertrauen der Sozialarbeiter zu gewinnen. Nur so war es möglich, Zugang zu jenen Menschen zu erhalten, wo die Not am grössten ist. "Was mich an Besom am meisten beeindruckt hat", bestätigt Brent Clark, Koordinator eines Sozialhilfeprojekts im Stadtteil Victoria, "ist, dass sie schon vor dem Einzug der Leute kamen und sich bei den Betroffenen erkundigten, was sie sich wünschten. Sie brachten nicht einfach Ramsch, sondern fragten gezielt: ‹Was für Möbel würden Ihnen denn gefallen? Welche Farben mögen Sie?›"

"Die Ärmsten sollten das Beste bekommen"

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Geschenke werden gesammelt
Diese Vorgehensweise hat praktische Gründe. "Wir suchen diese Personen auf und machen eine Bestandesaufnahme", sagt Sophie Wheeler, die bei Besom die Materialspenden koordiniert. "So wissen wir genau, welcher Haushalt was braucht und können den Bedürfnissen nachkommen, sobald ein Spender das Entsprechende anbietet." Darüber hinaus ist eine tiefe Grundüberzeugung im Spiel. "Ich glaube, die Ärmsten sollten das Beste bekommen", sagt Odgers, "denn sie haben keine Wahl. Viele Engländer denken: ‹Die sollen froh sein, wenn sie überhaupt etwas erhalten!› Aber das ist nicht recht. Wie sollen die Ärmsten ihre Würde zurückerlangen, wenn man ihnen nur noch gibt, was sonst keiner mehr will?"

Besom sammelt vieles. Möbel, Kleider, Vorhänge, Fahrräder, Spielsachen, Haushaltartikel, Teppiche. Die Geber sind Private, Geschäfte, Hotels und Kirchen. Aber die Stiftung nimmt nicht alles, was ihr angeboten wird. Und das mit gutem Grund. Rosie Lock nimmt Anrufe der potenziellen Sachspender entgegen: "Wir haben alles am Apparat. Menschen, die schönste Möbel und Kleider weitergeben wollen, und andere, die gerne ihren Schrott los wären. Gerade die haben zuweilen das Gefühl, womit sie gelebt hätten, sei für Habenichtse noch längst gut genug." Dann beginnt ein Erziehungsprozess. Manchmal spricht Lock von der verletzlichen Situation, in der die Empfänger stehen. Sie erzählt von den Wünschen und geheimen Hoffnungen, die auch bei den Mittellosesten vorhanden sind. "Es ist erstaunlich, wie viele Spender sich vor ihrem zweiten Anruf wesentliche Gedanken machen: ‹Hat ein Ex-Obdachloser wirklich Freude, wenn er mein Sofa bekommt? Wäre ich glücklich an seiner Stelle?›"
"Heute lautet der übliche Ansatz: ‹Die Armen sind ein Problem! Wie lösen wir das Problem?›" sagt James Odgers. "Aber im Kern geht es um etwas ganz anderes. Wie reagiere ich, wenn ich Not sehe? Öffne ich mein Herz? Oder verschliesse ich es... Hier liegt das wahre Armutsproblem." Obwohl Besom täglich gegen die Not von Einzelschicksalen kämpft, erklärt die Stiftung etwas anderes zum Brennpunkt all ihres Tuns. "Wir wollen jedem Menschen helfen, ein richtiges Verhältnis zum Geben zu bekommen", sagt Rosie Lock. "Zusammenraffen kann jeder. Weggeben macht ihn erst zur wahren Persönlichkeit. Warum? Geben entwickelt Liebe. Und Liebe schafft Beziehungen."

Welten treffen aufeinander

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Freude bei der Besom Foundation
Besom hat damit begonnen, Freiwilligenarbeit für Einzelne und ganze Gruppen anzubieten. Das schafft Kontakte, die üblicherweise in der Geselschaft kaum vorkommen. Im Warenlager zum Beispiel sortieren zwei Helferinnen stundenweise Kleider. Eine von ihnen kommt aus gutem Hause - ihre Kinder sind bereits ausgezogen. Die andere ist arbeitslos. Die unfreiwillig gewonnene Zeit möchte sie sinnvoll einsetzen. Auf dem Lieferwagen fahren zwei Männer als Möbelträger mit. Einer ist Manager und hat sich extra frei genommen. Der andere möchte helfen, "weil er selber einmal in der Krise war." Am meisten Arbeitskraft stellen derzeit Hauskreise aus diversen Londoner Kirchen zur Verfügung. Für sie hat sich Besom eine besondere Aufgabe einfallen lassen: Sie malen an Samstagen Sozialwohnungen, legen Teppiche und nehmen einfache Renovationsarbeiten vor. Alles wird im voraus mit den Bewohnern und Sozialarbeitern besprochen.
"Bei solchen Gelegenheiten treffen Welten aufeinander", erzählt Sarah King, Koordinatorin der Einsätze. "Wenn die Hauskreisleute sehen, unter welch tristen Bedingungen andere Menschen in derselben Stadt leben, gehen manch einem die Augen auf. Gewöhnlich rufe ich in der Folgewoche die Leiter der Gruppen an und frage, wie alles gelaufen sei. Nicht selten höre ich, dass einzelne Mitglieder einen Kulturschock erlitten haben." Odgers findet diese heftigen Erlebnisse heilsam: "Sie sind ein Zeichen dafür, dass die Gemeinden sich nicht mehr scheuen, dahin zu gehen, wo es schwierig ist."
Die Besom Foundation gibt es seit 1987. In all den Jahren ist James Odgers ein Unternehmer geblieben. 1989 gründete er mit drei Partnern zusammen die "Intermediate Capital Group", ein Finanzinstitut, das sich auf Investitionskredite für Firmen mittlerer Grösse spezialisierte. Er führte das Unternehmen bis zur Aufnahme in den Index der 500 bestkotierten englischen Firmen. 1996 trat er aus der Geschäftsleitung zurück. Ein neues Ziel bewegte ihn.
"Besom ermutigt Reiche, den Armen zu geben. Das ist der eine Sinn der Brücke. Was noch fehlt, ist, dass die Armen ihrerseits versuchen, sich aufzumachen, sozusagen ‹Richtung wohlhabendes Ende› der Brücke, und versuchen, im Leben wieder Fuss zu fassen", beschreibt Odgers sein nächstes Ziel. "Viele der Notleidenden unserer Gesellschaft sind alleinerziehende Mütter. Ich habe noch nie eine Mutter gesehen, die nicht 20 Tätigkeiten verrichten kann, für die andere bezahlt werden. Unsere Gesellschaft sagt: ‹Du bist nutzlos, solange wir dich nicht zu etwas Brauchbarem ausbilden.› Woher sollen diese Frauen das Geld nehmen für teure Umschulungen? Unser Standpunkt muss deshalb sein: ‹Du kannst schon so viel, was andere brauchen können. Mach etwas daraus.› Und hier muss eine Starthilfe her."

Eine Leihbank für arme Leute?

Odgers begann das System der Mikrokredite zu studieren, wie es in diversen Staaten der Dritten Welt praktiziert wird. Eines seiner Vorbilder ist Muhammad Yunus, der Gründer und Direktor der "Grameen Bank" in Bangladesch. Deren Kreditabteilung kann Zahlen vorweisen, die Bankiers europäischen Zuschnitts vor Rätsel stellt: 2,3 Millionen Kunden, davon 94 Prozent Frauen, die durchschnittliche Kreditsumme beträgt 160 US-Dollar.
"Yunus hat das Kreditwesen revolutioniert", erklärt Odgers. "Er ging davon aus, dass die ganze Masse der Armen in Bangladesch nie Zugang zu Bankkrediten haben würde, weil sie die traditionellen Sicherheiten wie Land oder Immobilien nicht bieten konnte. Yunus definierte Kreditwürdigkeit um. Er lieh kleinere Beträge an ganze Gruppen von 30, 40, 50 Frauen. Sie verteilten das Geld untereinander, je nach Bedarf, die eine für ihre Nähstube, die andere für ihren Gemüsegarten, die Dritte für ihren Bügelladen usw. Diese Kleinunternehmerinnen waren unabhängig, hafteten aber als Gruppe. Wenn eine nicht bezahlen konnte, sprangen die anderen ein, massregelten aber zugleich das fehlbare Mitglied. Die Folge dieses Systems waren unternehmerisches Denken, gegenseitige Kontrolle und ein sozial-wirtschaftliches Netz, das über rein geschäftliche Beziehungen hinausging. Und was keiner erwartet hatte, trat ein: Diese Gruppen erwiesen sich als ungewöhnlich kreditwürdig."
Gegenwärtig arbeitet James Odgers daran, ob in Europa ein ähnliches Kreditinstitut für mittellose Leute wie entlassene Strafgefangene, Asylanten, allein erziehende Mütter oder Ausgesteuerte möglich wäre. Sein Name wäre "face to face" - von Angesicht zu Angesicht.

Datum: 28.03.2002
Autor: Stefan Goldbach
Quelle: Christliches Zeugnis

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