Kommentar

Christliche Pflegeeltern halten durch

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Eine weit verbreitete Zeitschrift hat davor gewarnt, Pflegekinder Familien anzuvertrauen, die eine Freikirche besuchen. Doch gerade Familien mit christlichen Werten wie Geduld und Durchhaltevermögen sind bei Vermittlungsstellen gefragt.

Insidern ist bekannt, dass sich besonders häufig christliche Familien zur Verfügung stellen, wenn ein Platz für ein Kind gesucht wird, das aus irgendeinem Grund nicht bei seiner Familie wohnen kann. Wenn solche Eltern eine Freikirche besuchen, ist das für den «Beobachter» verdächtig. Er titelte in der Ausgabe 5/2011 einen Artikel mit dem polemischen Titel «Kinder in den Händen von Freikirchlern» und illustrierte den Text mit Zeichnungen von gestrengen frömmlerischen Eltern und hilflosen Kindergesichtern. Im Text unterstreichen zwei Sektenexperten die Problematik solcher Platzierungen, während die angefragten Vermittlungsstellen sachlicher reagieren.

Wer stellt sich zur Verfügung?

Was sind das für Familien, die bereit sind, traumatisierte Kinder, verhaltensauffällige oder rebellische Jugendliche bei sich aufzunehmen, die das Familienleben auch mal ganz schön durcheinander bringen können und oftmals eine 24 Stunden-Präsenz erfordern? «Es sind vorwiegend christliche Familien», sagt dazu Beat Bachmann, Geschäftsleiter der Vermittlungsstelle für Pflegekinder, familynetwork.ch. «Sie wollen einen aktiven Beitrag für die Zukunft von Kindern und Jugendlichen leisten, die ohne intakte Familie aufwachsen müssen», sagte er dazu gegenüber idea Spektrum. Ausserhalb des christlichen Raums sei es schwieriger, Familien für eine solche Aufgabe zu finden. Dass es christliche Familien sind, wecke natürlich da und dort den Verdacht der Missionierung. Die Familien seien sich aber bewusst, dass sie im Blick auf die Glaubensfrage behutsam vorgehen müssen, ergänzt Bachmann.

Die Motive

Warum sich mehrheitlich christliche Familien für ein solches Engagement entscheiden, sieht Bachmann einmal in der Wertschätzung der Familie, die unter Christen besonders ausgeprägt sei und in der Bereitschaft, sich für Menschen mit Problemen und Defiziten einzusetzen, weil sie Geschöpfe Gottes sind. In diesen Familien finde man noch «ursoziale Werte» vor, bemerkt dazu Roland Baumgartner, der Partner von Bachmann in der Leitung von familynetwork.ch. Es seien eigentlich «urschweizerische Werte» wie Tragfähigkeit, Geduld und Lösungsorientiertheit. Und dienende Haltung, ergänzt der Geschäftsleiter.

Im Beobachter-Artikel bestätigt Franziska Frohofer, selber Pflegemuter und Mitglied der Geschäftsleitung des Vereins Tipiti, von den Pflegeeltern seien rund zwei Drittel «religiös motiviert». Viele engagierten sich in Freikirchen. Über die Stärke dieser Familien sagt sie: «Sie geben mehr Halt, sind länger bereit, auch schwierige Situationen auszuhalten, und behalten länger die Hoffnung, dass es gut kommt. Das sind hohe Qualitäten.»

Zu den Werten stehen

Familien, die in einem Glauben Rückhalt finden, sind tragfähiger, so die Beobachtung von Franziska Frohofer. Christliche Familien, die sich entschlossen haben, eine Pflegekind aufzunehmen, dürfen dies als Anerkennung annehmen. Und sie dürfen zu den Werten ihres Glaubens stehen, auch wenn Frömmigkeit in Zukunft noch stärker hinterfragt werden dürfte. Wichtig ist, dass sie in einer Sprache, die auch für säkulare Vermittlungsstellen nachvollziehbar ist, die Werte beschreiben, die sie einem Kind vorleben und mitteilen möchten. Und sie müssen dem Verdacht entgegentreten, das Kind religiös manipulieren zu wollen. Dann werden ihr Dienst, ihre Hingabe und ihre Liebe zu einem fremden Kind mehr denn je gefragt sein.

Zum Thema:
Netzwerk für Familienplätze und Familienbegleitung


Autor: Fritz Imhof

Glaubensfragen & Lebenshilfe

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