Fleiss oder Gammlertum

Nichtstun als Lebensstil

Flower Power: Man traf sich am Pariser Quai du Petit-Pont, dem Frankfurter Opernplatz oder im Zürcher Niederdorf, lebte von Gelegenheitsjobs, Strassenmalerei und Musik. Bürgerliche Werte wie Fleiss und Leistung waren verpönt. Man wehrte sich gegen die "technische Versklavung", träumte von einer durch Liebe veränderten Gesellschaft...

"Schlummernder Müll"

Während Tausende von Arbeitern und Angestellten ihren oft anstrengenden Tätigkeiten nachgingen, hingen die so genannten "Gammler" in den Innenstädten herum, klimperten auf der Gitarre und provozierten durch Nichtstun. Der Münchner Lokalkolumnist Sigi Sommer nannte die Bewegung "schlummernder Müll", und Bundeskanzler Ludwig Erhard versprach der deutschen Bevölkerung: "Solange ich regiere, werde ich alles tun, um dieses Unwesen zu zerstören!"
Ganz ähnlich äusserte sich auch Paulus angesichts einer christlichen "Gammler-Bewegung" im antiken Thessaloniki: "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen", formuliert er scharf, und er fordert die Gemeinde auf: "Trennt euch von all den Menschen, die faul sind..." (Verse 6 und 11).

Was war geschehen? Einige Mitglieder der jungen Kirche hatten die Arbeitslosigkeit zum Lebensstil erkoren. Sie lebten leichtsinnig in den Tag hinein, führten ein liederliches Leben und lagen anderen Gemeindegliedern mit ihren Lebensphilosophien und Verhaltensweisen in den Ohren und auf der Tasche (Vers 11). Manche träumten vom Himmel auf Erden, ergingen sich in "frommen Visionen", berichteten von angeblich göttlichen Offenbarungen und verwirrten die Gemüter (Kapitel 2,2): Sollte man als Christ das Leben nicht konsequent unabhängig von irdischer Arbeit, dem Leistungsgedanken und dem Streben nach Einkommen gestalten, um sich ganz auf den "Tag des Herrn" zu konzentrieren? Andere Gemeindeglieder waren durch die griechische Berufsauffassung geprägt, körperliche Arbeit sei ein Verhängnis und als versklavende Tätigkeit einem freien Menschen nicht angemessen. So arbeiteten sie lieber gar nicht, als sich durch vermeintlich "menschenunwürdige" Berufsarbeit die Hände schmutzig zu machen. Paulus reagiert auf diese Verhaltensweisen mit kompromissloser Schärfe. Worum geht es ihm?

Rumgammeln verboten

Die junge Gemeinde in Thessaloniki hatte sich im Feuer jüdischer Anfeindungen und politischer Repressalien gegründet. Paulus will nun helfen, gerade unter diesen Bedingungen den Weg des Glaubens zu gehen und ein gutes Zeugnis in der Öffentlichkeit zu geben. Bereits in seinem ersten Brief hatte er die "Gemeindegammler" aufgefordert: "Betrachtet es als Ehrensache, dass ihr ein geregeltes Leben führt! Kümmert euch um eure eigenen Angelegenheiten und sorgt selbst für euer Leben!" (Vers 12, vergleiche auch 1.Thessalonicher 4,11). Seine Kritik am Müssiggang ist fundamental! Er weiss: Arbeit gehört zur Grundverfassung des menschlichen Lebens. Wer sich ihr entzieht, verweigert sich der göttlichen Bestimmung zur Haushalterschaft und Fürsorge und missachtet den christlich-zentralen Auftrag der Lebenserhaltung und Lebensförderung.

Fromme Schocktherapie

Konsequent bezieht Paulus die berufliche Erwerbsarbeit auf die Lebensinteressen der Gemeinde und macht deutlich: Es ist keine Privatsache, wenn sich Gemeindeglieder auf dem Rücken anderer Christen ausruhen und durchschleppen lassen. Arbeit hat immer eine gemeinschaftliche Funktion. Sie soll dem eigenen Leben zugute kommen, der sozialen Existenzsicherung notleidender Gemeindeglieder dienen und die materielle Unabhängigkeit der Gemeinde ermöglichen (Vers 13, vergleiche auch Epheser 4,28 und 1. Timotheus 5,4). Ein Müssiggänger lässt immer die Gemeinschaft im Stich! Darum soll er auch nicht von dieser mitversorgt, sondern ausgeschlossen werden, "damit ihm sein beschämendes Verhalten bewusst wird" (Vers 14b).


Faszination Freizeit 

Im Gegensatz zu den Thessalonichern haben wir es in unseren Gemeinden kaum mit ausgesprochenen "Gammlern" zu tun. Ein Indiz für eine bewusst gottesdienstliche Gestaltung von Beruf und Freizeit ist dies allerdings noch nicht. Im Gegenteil: Fasziniert vom Lebensgefühl unserer Zeit und den vielfältigen Angeboten der Unterhaltungsindustrie scheinen die Aspekte von Haushalterschaft und Fürsorge vielerorts auch unter uns abhanden gekommen zu sein. Während berufliche Selbstverwirklichung und selbst bestimmte Freizeit einen hohen Stellenwert einnehmen, treten missionarische und diakonische Anliegen und Aufgaben der Gemeinde in den Hintergrund. Hier gilt es, die biblische Perspektive der Berufsarbeit und Freizeitgestaltung zurückzugewinnen. Dabei muss allerdings klar sein: Unser Leben hängt nicht von der Arbeit ab, auch nicht von der Mitarbeit in der Gemeinde. Sondern wir hängen am Leben, das Gott uns in Christus schenkt!

Alptraum Mehrarbeit

Paulus kann sagen, dass er und seine Mitarbeiter "mit Mühe und Plag Tag und Nacht gearbeitet haben, um keinem zur Last zu fallen" (Vers 8). Und er begründet: "Wir wollten euch darin ein Vorbild sein" (Vers 9). Paulus hat seinen Beruf ernst genommen. Er war kein 40-Stunden-Mann. Seine Arbeitswoche wäre der Alptraum jedes Gewerkschaftsfunktionärs gewesen. Aber er bildet sich nichts auf das erledigte Arbeitspensum ein. "Obwohl ich der Geringste bin, konnte ich mehr als alle arbeiten", zieht er später ein persönliches Fazit, und er definiert: "Aber das war nicht meine Leistung, sondern Gott selbst hat es in seiner Gnade bewirkt" (1.Korinther 15,10). Paulus war sich im Klaren: Wer im Beruf einfach nur "ranklotzt", schielt allzu oft nur auf persönliche Anerkennung und überfordert sich und andere. Nur in der engen Rückbindung an Gott kann der persönliche Arbeits- und Berufsalltag recht wahrgenommen werden. Von seinen Zulagen sind wir ganz und gar abhängig. Auch darin wurde uns Paulus zum Vorbild.

Datum: 27.03.2002
Autor: Günther Kress
Quelle: Chrischona Magazin

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