Alkoholismus

«Meine neue Mission besteht darin, Hoffnung zu schenken»

In grosser Offenheit hat Albert Longchamp, bis Mai 2009 Provinzial der Schweizer Jesuiten, in Westschweizer Medien über seine Alkoholsucht und seine Genesung gesprochen. Im Herbst 2009 hatte er einen mehrwöchigen Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik angetreten, nachdem er seit Oktober 2005 Provinzial der Schweizer Jesuiten gewesen war. Seit gut einem Jahr leitet Longchamp die Jesuiten-Zeitschrift "Choisir" (Genf), wie bereits in den 1990er Jahren. - Freimütig hat Albert Longchamp (69) auch die Fragen der Presseagentur Kipa beantwortet.

Zoom
Albert Longchamp im März 2011.
Fachleute sagen, dass Abhängige zuerst ganz auf Grund laufen müssen, bevor Genesung überhaupt möglich ist. Wann waren Sie «zuunterst»?

Albert Longchamp: Ich bin unmerklich vom «normalen» Zustand eines Bonvivants, der gerne sein tägliches Gläschen trinkt, dies aber ohne Übertreibung, in jenen eines schlechten Verlierers geraten, eines Betrügers, der sogar sich selber betrügt.
Bis zu dieser sonderbaren Erfahrung: Nachdem ich im Oktober 2005 Provinzial der Jesuiten geworden war und deshalb in Zürich lebte und arbeitete, bin ich an einem Samstagabend todmüde heimgekehrt. Hatte ich getrunken? Ich weiss es nicht mehr. Ich fiel in einen Tiefschlaf. Anderntags, etwa um 10 Uhr morgens, rief mich meine Sekretärin an. Seltsam! Meine Mitarbeiterin kam doch nie sonntags ins Büro. Deshalb fragte ich sie: «Weshalb kommen Sie denn heute zur Arbeit?» Ihre Antwort: «Aber es ist doch Montagmorgen!» Ich hatte also 36 Stunden ohne Unterbruch geschlafen. Das war mein erster Schock. Vier Jahre später, beim Eintritt in eine Klinik in Kanada, erfuhr ich dann, dass mein Körper nicht mehr leben wollte, mit dem Alkohol nicht mehr leben konnte.

Wie hat Ihre Umgebung auf Ihr Problem reagiert - und dann später auf Ihre Genesung?

Mein Abstieg hat 2005 begonnen. Ich hatte an Ostern die Wochenillustrierte «Echo Magazine» (Genf) verlassen, die ich während zwanzig Jahren geleitet hatte. Man hatte mich zum Provinzial der Schweizer Jesuiten ernannt. Als ich die Arbeit in Zürich aufnahm, sah ich mich Schwierigkeiten gegenüber, von denen ich zuvor gar nichts geahnt hatte. Ich war verantwortlich für rund 60 Personen mit ihren persönlichen Problemen. Der eine erzählte mir von einer Beziehung, aus der er nicht mehr aussteigen konnte. Ein anderer wollte dem Orden den Rücken kehren. Das alles nahm ich mir zu sehr zu Herzen. Schon nach einigen Wochen hatte ich den Schlaf verloren. Hinzu kamen Spannungen mit Rom.

Es folgte der Suizid meiner Schwester im Jahr 2007; wir waren einander sehr verbunden und ihr Tod hat mich stark getroffen. Dann gab es andere Tragödien, darunter diejenige eines pädophilen Priesters in meiner eigenen Umgebung.

Von da an driftete ich ab. Ich versteckte mich, vertraute mich niemandem an. Mein Alkoholkonsum wuchs. Ich begann damit auch nachts zu trinken. Doch immer noch leugnete ich die Wahrheit.

Von Januar bis Ende Februar 2008 musste ich mich für die Wahl eines neuen Generaloberen der Jesuiten während zwei Monaten in Rom aufhalten. Es ging mir schlecht und von da an begann ich meine Abhängigkeit zu spüren - ohne allerdings den Ernst meines allgemeinen Zustandes wirklich zu ermessen.

Einige Monate später wurde ich schliesslich vom Ordensgeneral der Jesuiten von meiner Aufgabe als Provinzial entbunden - auf Ersuchen meiner Mitbrüder, von denen einige mich mutig aufgefordert hatten von meinen Amt zurückzutreten und mich in Pflege zu begeben.

 Im September 2009 verliess ich die Schweiz in Richtung Kanada. Bei meiner Ankunft in Montréal wies man mich sofort in eine Rehabilitationsklinik ein. Kompetente Ärzte, ein sehr solidarisches Umfeld und ein rigoroser, aber heilsamer Aufenthalt befreiten mich vom Alkohol und führten mich zur vollständigen Abstinenz - eine «Auferstehung»! Was mich genesen liess? Der Blick einer authentischen brüderlichen Freundschaft.

Man spricht oft von der Einsamkeit der Priester. Ein wirkliches Problem in Ihren Augen, das manchmal in die Alkoholabhängigkeit führen kann?

Die Einsamkeit - nicht nur jene der Priester! - kann Grund sein, um in die Illusionen des Alkohols zu fliehen. Allerdings sind die Priester und die zölibatär Lebenden bei weitem nicht die bevorzugte «Kaste» dieser Krankheit. Sie teilen sie namentlich mit oft hoch qualifizierten Berufsleuten, mit Männern und Frauen in Politik, in Unternehmungen oder im medizinischen Bereich. Niemand im breiten Publikum hat zum Beispiel eine Ahnung davon, wie sich ein Chirurg fühlt, der nach fünf, sechs oder acht Stunden Operation feststellen muss, dass das Herz des Patienten zu schlagen aufgehört hat!

Es kann sich aber auch um die Herzensnot von Frauen ebenso wie von Männern handeln oder um Paare, die sich trennen. Oder um Rückfälle von ehemaligen Patienten. Das sind konstant dramatische Situationen.

Die Alkoholsucht ist oft mit dem Verschweigen der Wahrheit verbunden, also mit Irreführung, und das zerstört Vertrauen. Oder mit beruflichem Scheitern. Oder, bei jüngeren Menschen, mit schulischen Misserfolgen, die ihre Zukunft gefährden.

Was hat Ihnen diese Erfahrung persönlich gebracht?

Es gibt für den Alkoholsüchtigen keine «Heilung». Ich sage es heute, und das ist kein hohler Begriff: «Ich bin Alkoholiker». Aber mit der Hilfe Gottes und jener meiner Umgebung komme ich mit der Krankheit zurecht. Und erlebe das Glück der Freiheit. Die Krankheit ist kein Fluch. Meine neue Mission besteht darin, Hoffnung zu schenken. Sie weckt auch in mir das Verlangen mit meinen Wunden und meinen Misserfolgen zu leben. Vielleicht mit Bedauern, aber ohne Scham.

Wer auch immer durch den Alkohol betroffen ist - oder auch durch die Drogen -, dem empfehle ich einen kurzen Vers des Johannes-Evangeliums (Kapitel 9,6) zu lesen. Darin ist zu lesen, wie Jesus einen Blinden heilte: «Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen.» Die Westschweizer Theologin Francine Carrillo hat das so gedeutet: «Jesus ist derjenige, der Licht aus Schlamm macht - mit allem, was trüb, dreckig und zerstritten in uns ist!»

Zum Thema:
Hilfe für Alkoholkranke

Datum: 26.05.2011
Autor: Josef Bossart
Quelle: Kipa

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