Körpersprache

Das Bauchhirn denkt mit

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Schon in den Psalmen steht, dass unsere Organe zu uns sprechen können. «Selbst des Nachts unterweisen mich meine Nieren» (Psalm 16,7, rev. Elberfelder). Mehr noch, auch Gott kann – zum Beispiel durch unsere Nieren – zu uns sprechen. Eine eindrückliche und ermutigende Tatsache, wenn man sie für sich zu nutzen weiss.

Die Körpersprache oder Organsprache ist Ausdruck der engen Verbindung körperlicher und seelischer Vorgänge. Der Körper ist ein Teil unserer Individualität und hat seine eigene Sprache. Er stellt sich als Sprachrohr der Seele zur Verfügung. Man könnte hier von der psychosozialen oder auch geistigen Dimension des Körpers sprechen. Ein klassisches Konzept in der Psychosomatik ist die "Alexithymie".

Das heisst übersetzt so viel wie "die Gefühle nicht aussprechen können". Wenn ich also meinen Gefühlen mit der Sprache nicht Ausdruck verleihen kann, dann wird der Körper ihnen Ausdruck und damit Beachtung verschaffen. Oder anders formuliert: Wenn ich ein Ereignis seelisch nicht verarbeiten kann, dann wird es sich in den Körper verlagern. Das gilt aber genauso für den umgekehrten Weg; körperliche Vorgänge beeinflussen das seelische Befinden. Folgender Text aus der Zeitschrift "Naturkraft" zeigt das deutlich:

"Der Bauch erzählt dem Kopf Geschichten, den ganzen Tag und die ganze Nacht, ohne dass wir dies bewusst wahrnehmen. Wenn sich der Darm zusammenzieht, wenn er Serotonin oder andere Botenstoffe ausscheidet, wenn Immunzellen zur Arbeit aktiviert werden, dann werden diese Daten ins Gehirn weitergeleitet, dort übersetzt und als Müdigkeit oder Aktivität, Unwohlsein oder Heiterkeit, Schmerz oder Völlegefühl wahrgenommen. Der Bauch macht also Stimmung!"

Damit möchte ich auch gleich warnen vor eindimensionalen und einseitigen Interpretationsversuchen, wie ich sie bei Patienten und Ärzten/Therapeuten immer wieder antreffe. Die Körpersprache ist etwas sehr Individuelles und muss im Kontext der aktuellen Situation des Betroffenen und seiner Lebensgeschichte verstanden werden. Es gibt keine allgemein gültigen Interpretationsschemata.

Formen der körperlichen Symptombildung

Es gilt zwei Formen der körperlichen Symptombildung zu unterscheiden:

1. Körpersymptome als Ausdruck von Stress oder emotionaler Erregung wie Angst, Trauer, Wut, Ärger. Hier handelt es sich meist um so genannte "vegetative Symptome" wie Herzklopfen/-stolpern, Engegefühle in der Brust, Atembeklemmung, Reizhusten, Blähungen, Bauchkrämpfe, Durchfall, Schmerzen beim Wasserlösen, Muskelverspannungen, Rückenschmerzen usw. Die Körpersymptome weisen hier auf eine psychosoziale oder emotionale Belastungssituation hin, sind aber nicht "konfliktspezifisch".

2. Körpersymptome als Ausdruck eines unbewältigten (oft auch unbewussten) psychischen Konfliktes oder Ereignisses. Hier hat das körperliche Symptom Symbolcharakter, das heisst, es stellt den Konflikt oder das unbewältigte Ereignis auf körperlicher Ebene dar, zum Beispiel in Form einer Gefühlsstörung oder Lähmungserscheinung, eines Schmerzes in einer bestimmten Körperregion. Die Organsprache ist hier sehr präzise und hat direkten Bezug zur unbewältigten Problematik.

Diese beiden Grundformen der psychosomatischen oder "somatoformen" Symptombildung können helfen, den Ausdrucksgehalt der körperlichen Symptomatik besser einzuschätzen, wobei die erste Form deutlich häufiger ist. Zudem geht es immer auch darum, eine körperliche Erkrankung in angemessener Weise auszuschliessen, bevor körperliche Symptome psychosomatisch eingestuft und interpretiert werden.

Wenn der Bauch spricht - ein Beispiel

Eine Frau im mittleren Lebensalter leidet an anhaltendem Unwohlsein, Blähungen und teilweise krampfartigen Bauchschmerzen. Bereits als Kind habe sie Bauchweh gehabt, vor allem vor Prüfungen oder Theateraufführungen. Die Beschwerden seien sehr unangenehm und würden ihre Lebensqualität wesentlich beeinträchtigen. Was spricht nun der Bauch? Er könnte Folgendes sagen: "Da sitzt etwas in deinem Bauch, was drückt, weh tut und hinaus möchte. Du möchtest es gerne weghaben, es stört dich, es lässt dich schlecht leben, es raubt dir die Lebensfreude. Vielleicht ist es ein Teil von dir, von deiner Lebensgeschichte."

Die Beschwerden sprechen kaum auf Medikamente an, was ein wichtiger Hinweis ist für so genannte "somatoforme" oder "funktionelle" Beschwerden. In den Gesprächen wird zunehmend die Mutter zum Thema, die dominant, kritisierend und wenig einfühlsam ist. Sie macht immer wieder verletzende Bemerkungen. Wenn die Patientin über ihre Mutter spricht, spürt sie ein Rumoren im Bauch. Sie beginnt Wut, Ärger und Groll wahrzunehmen, der hinaus möchte.

Zu wem spricht der Bauch?

Einerseits spricht der Bauch zu der Patientin selbst: "Höre mich, nimm deinen Schmerz, deine Wut und deinen Ärger wahr. Lass das nicht mit dir machen!" Andererseits spricht er zu der Mutter: "Du tust mir weh, du hast mich immer wieder verletzt und im Stich gelassen. Ich möchte, dass du das weisst!" Das sind mögliche Botschaften des Bauches. Zutreffend ist aber nur, was der oder die Betroffene selbst empfindet und für sich nachvollziehen kann. Meine Wahrnehmungen können dabei helfen, sie können aber auch falsch sein.

Der Bauch ist wohl das sprachgewaltigste Organ unseres Körpers. Man spricht auch vom "Bauchhirn", diesem ausgedehnten Nervengeflecht, das den ganzen Magendarmtrakt umspannt und ungefähr gleich viele Nervenzellen enthält wie das "Kopfhirn".

Auch in der Bibel kommen die Eingeweide als Ort der starken Gefühle (Hiob 30,27, Jesaja 16,11), aber auch des Mitfühlens und der Barmherzigkeit vor (Philipper 2,1). Für "Mitfühlen, Barmherzigkeit" wird der griechische Begriff "splanchnizomai" gebraucht, von dem sich der medizinische Ausdruck "Splanchnikus" (= Bauchfell) ableitet.

Schlussfolgerung

Der Körper kann uns helfen, Belastungssituationen oder unbewältigte Konflikte wahrzunehmen und richtig einzuschätzen. Der Körper lässt sich nicht täuschen. Die schweissigen Hände verraten meine Angst und Anspannung, der erhöhte Puls meine Erregung. Die Reaktionsfähigkeit des Körpers auf seelische Einflüsse ist aber sehr unterschiedlich ausgebildet. Frauen reagieren normalerweise sensibler auf psychosoziale Belastungen, ebenso "Psychosomatiker". Jeder von uns hat seine persönliche und spezifische Reaktionsweise. Lernen wir, auf unseren Körper zu hören.

Hilfreiche Fragen bei medizinisch nicht erklärbaren Beschwerden:
- Von welchen Gedanken und Gefühlen sind sie begleitet? Was sagen sie mir?
- Bestehen emotionale Belastungssituationen oder unbewusste Konflikte, die ich nicht wahr haben will oder denen ich nicht ausweichen kann?
- Habe ich seelische Verletzungen erlitten oder schwere Lebensereignisse durchgemacht, die ich noch nicht verarbeitet habe?
- Wozu dienen mir diese Beschwerden? Welche Bedürfnisse "stille" ich damit? Wovor schütze ich mich und was vermeide ich durch sie?
- Was sagt mir Gott durch diese Beschwerden?

Literatur zum Thema:

Thure von Uexküll
Psychosomatische Medizin
Urban & Schwarz, 6. Auflage 2003

Edgar Heim, Jürg Willi
Psychosoziale Medizin Band II
Springer Verlag 1986

Lothar Coenen
Theologisches Begriffslexikon
Brockhaus Verlag, 9. Auflage 1993

René Hefti
Beitrag Reizdarmsyndrom
Lebensnah Mai 2001

Autor: Dr. med. René Hefti Leitender Arzt Psychosomatik, Klinik SGM Langenthal
Quelle: www.klinik-sgm.ch

Datum: 16.03.2005

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