Selbstannahme

Nächstenliebe ermöglichen

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Diese Frage an einer Tagung des VBG-Fachkreises "Psychologie und Glaube" bearbeitet. Fazit: Christliche Fachleute sind herausgefordert, in ihrem therapeutischen Handeln über den Egoismus hinaus weiterzuführen; und echte Selbstannahme ermöglicht Nächstenliebe.

Ist "der Ego-Trip so etwas wie ein Markenzeichen der Psychokultur geworden"? So wurde auf der Einladung zur Tagung gefragt. Russell Hilliard, Psychotherapieforscher und Mitglied des Leitungsteams des VBG-Fachkreises "Psychologie und Glaube", bejahte dies auf Anfrage zumindest für die jüngere Vergangenheit. Allerdings gebe es dazu in neuerer Zeit auch Gegentendenzen.

Egoismus beruht auf Ängsten

Wenn die Therapie über die Selbstliebe hinausführen soll, ist es wichtig, dass nicht nur die Perspektive des Patienten, sondern auch diejenige der andern betroffenen Menschen zur Sprache kommt. Hilliard verwies auf Ergebnisse der Therapiefor-schung, die zeigen, dass die Scheidungsrate sinkt, sobald Paare statt in Einzeltherapie zu zweit an ihren Problemen arbeiten. Weiter sei es wichtig, dass die Ängste an-gesprochen würden, die hinter dem Egoismus stehen. Dazu gehöre etwa die innere Überzeugung, man sei selber nicht geliebt. Laut Hilliard ist die Erfahrung echter Zuwendung in der Therapie eine entscheidende Hilfe, um vom eigenen Egoismus los-zukommen. "Es ist uns unmöglich, Gott von Herzen zu lieben, wenn wir nicht davon überzeugt sind, dass er uns liebt und das Beste für uns will", verwies er auf densel-ben Zusammenhang im Bereich des Glaubens.

Liebes-Blockaden

Rosmarie Berna, Psychoanalytikerin und frühere Präsidentin der psychoanalytischen Gesellschaft, machte an der Tagung deutlich, dass es innere Blockaden geben kann, Liebe überhaupt anzunehmen, auch wenn man sich danach sehnt. Dies gelte sowohl für die Liebe von Gott, von Menschen und für die Liebe sich selbst gegenüber. Sol-che Blockaden setzten sich aus verschiedenen Ängsten und meist unbewussten Schuldgefühlen zusammen. So könne die Angst mitspielen, dass sich für die Liebe zu öffnen heisse, die eigene Selbständigkeit aufzugeben; das Bedürfnis nach Zu-wendung werde oft als unreif und beschämend empfunden. Die schwerer zugängli-chen Schuldgefühle haben ihren Grund häufig in einem verborgenen Groll, der ur-sprünglich den Eltern gilt und seinen Ursprung in Erfahrungen hat, in denen das Kind unerträglichen inneren Spannungen (Schmerz, Hunger, Angst, Einsamkeit) ausgesetzt war, während die Eltern es nicht trösten und seinen Zustand nicht lindern konnten. Zurück bleibe in der Tiefe oft die hartnäckige Überzeugung: "Man kann mich gar nicht lieben, ich verdiene keine Liebe."

Laut der Referentin genügt es nicht, diese Schuldgefühle aufzudecken. Eine Therapie müsse dem Schuldgefühl eine mächtigere Gegenkraft entgegenstellen. Freud, dem damaligen naturwissenschaftlichen Ideal verpflichtet, verlangte in der Analyse vom Therapeuten eine neutrale Haltung. Diese blosse Feststellung der Schuldgefüh-le werde aber nicht als neutral empfunden, sondern eher als kränkende Bestätigung der inneren Anklage. Die Referentin plädierte dafür, dass in der Therapie Verständ-nis für die darunterliegende Not gezeigt werde. Wichtig sei das "Gehaltenwerden in der analytischen Situation". Es gelte, im Patienten die "ursprüngliche Bereitschaft, zu vertrauen" zu sehen. "Die mächtigere Gegenkraft ist die Liebe", betonte die Referen-tin in Anspielung auf neuere Erkenntnisse der Psychotherapie.

Reife Liebe

Die biblische Gestalt des Propheten Jona hat sich vermutlich streng an die Gesetze gehalten und einen strengen, strafenden Gott vor Augen gehabt. Dies erklärte Rosmarie Berna in einer biblisch-psychologischen Auslegung des Jona-Buches.

Dieser Gott habe Jona gezeigt, dass er an der Situation der Menschen, die sich von ihm abwenden und darum vom Untergang bedroht sind, leide. Jona, der Gottes Barmherzigkeit an sich selbst erlebt, empört sich darüber, dass sie auch den Menschen gelten soll, die tun, was Gott verabscheut. Er hat den Auftrag, die Niniviten aufzurütteln, erfüllt. Ob er seine enge Vorstellung aufgeben kann, mit der er sich der unbegreiflich weiten Liebe verschliesst, mit der Gott ihm und seinen Mitmenschen begegnet, bleibt offen. So konfrontiere die Jona-Geschichte bis heute jeden von uns mit seinen eigenen Vorbehalten.

Liebesbeziehungen stehen laut der Referentin immer wieder in der Spannung ge-gensätzlicher Wünsche: zwischen dem Sichern eines eigenständigen Seins und dem Verschmelzen mit dem Gegenüber, zwischen Erweitern und Wahren der eigenen Grenzen, zwischen Annäherung und Trennung. Reife Liebe diene dem Wunsch nach einem erweiterten Erleben und erlaube eine komplexe Beziehung, in der die Selbst-grenzen bis zu einer Integration des Partners erweitert würden, die sowohl Bindung wie auch Freiheit ermögliche.

Wie Gott Beziehung meint

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Selbstannahme ermöglicht Nächstenliebe
"Wir können uns nicht selber geben, was wir brauchen, um geheilt zu werden." Selbstliebe und Nächstenliebe seien deshalb nicht zu lösen von der Liebe zu Gott, bemerkte Rosmarie Berna unter Berufung auf das "vornehmste Gebot": "Hier ist die Quelle, an der wir Leben finden."

Gott habe den Menschen aus Liebe und zur Liebe erschaffen. Die Schöpfungsgeschichte (1. Mose 2.3) zeige, "wie Gott Beziehung gemeint hat und wie sie einmal sein wird". Es sei nicht gut, dass der Mensch allein sei, sagte Gott und schuf darum den Menschen als Mann und Frau. Der Mensch brauche ein Gegenstück, das so-wohl zu ihm passt wie auch anders ist. So im Gegenüber - gleich und doch verschieden - werde es möglich, Liebe zu empfinden und zu schenken.

Die ungeschützte Nacktheit der Beziehung sei aber zur Gefährdung geworden, sobald das Vertrauen gestört worden sei. Mit der Trennung von Gott seien Schuldzuweisung und Rechtfertigung, Entfremdung und Anklage Gottes aufgetaucht. Seither habe jeder Mensch "eine Geschichte mit dem Guten und Bösen" und eine Art, sich zu schützen und zu verbergen.

Gott lässt den Menschen ziehen, ohne ihn loszulassen, betonte die Referentin. Seine Liebe rufe ihn heraus aus dem Versteck, damit "er sagen kann, was geschehen ist". Dies sei der erste Schritt zu Selbsterkenntnis und Selbstannahme.

Seit der Austreibung aus dem Paradies wird das "Ringen nach der Liebe, die bleibt, immer wieder verdeckt und verschüttet". Darum rufe uns die Liebe Gottes aus unseren Verstecken. Die Erfahrung, dass Gott uns sucht und hält, ermögliche Selbstannahme und Nächstenliebe.

Selbstannahme und Selbstweggabe

"Gott ist Selbstweggabe aus tiefster Selbstgewissheit heraus", erklärte VBG-Studienleiter Walter Gasser im Rahmen eines Gottesdienstes. Jesus habe gewusst, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht. Er sei sich seiner Stellung und Autorität als Sohn Gottes sicher gewesen, obwohl er in seiner Selbstannahme "angefochten wie kein anderer war". Seine Mutter und seine Geschwister hätten ihn aufgefordert, "wieder normal zu werden und nach Hause zu kommen". Theologen hätten ihm vorgeworfen, mit dämonischen Kräften zu arbeiten und Gott zu lästern.

Die Selbstannahme Jesu als der von Gott Gekommene hat deshalb unmöglich nur durch menschliche Sozialisation geschehen können, so die Überzeugung des Referenten. Sie sei gelungen, weil Jesus in der Stille der Gegenwart Gottes das Geheimnis verstanden habe, wer er ist. "Jesus war weder hochmütig noch kleinmütig, er war demütig."

"Bei Jesus gehörten Selbstannahme und Selbstweggabe zusammen." Dies zeigte der Referent am Beispiel der Fusswaschung in Johannes 13. In Ermangelung von eigenem Dienstpersonal sei die Sklavenarbeit der Fusswaschung eigentlich Sache der Jünger gewesen. "Bei den Jüngern aber wollte einer grösser sein als der andere, weil jeder fürchtete, der Geringste zu sein". Jesus habe aus der eigenen Selbstan-nahme heraus diesen Dienst übernommen, unter anderem auch an seinem Verräter Judas.

Fehler nicht überbewerten

Wir seien oft unsere strengsten Richter und glaubten, den Stand der Fehlerlosigkeit erreichen zu können, sagte Gasser. Unsere Idealbilder und Defizite machten es dann schwer, uns selber anzunehmen. Der Referent wandte sich gegen das einseitige Betonen der Aussage "In mir wohnt nichts Gutes". "Wir sind nicht nur Sünder", betonte Gasser, "sondern trotz des Sündenfalles auch Ebenbilder Gottes". Unsere Fehler können nicht bewirken, dass Gott an uns keine Freude mehr hat, war die Überzeugung des Referenten. Er forderte zum Mitleid mit den eigenen Fehlern auf, weil Gott selber Mitleid habe mit unsern Fehlern.

Aus Selbstannahme folgt aber nicht automatisch auch Nächstenliebe, warnte der Referent. Es bestehe die Versuchung, die eigene Würde, im Gegensatz zu Jesus, "wie einen Raub festzuhalten". Nächstenliebe komme aus der Erfahrung heraus, dass Gott sich uns gibt, und sei "die Frucht einer Entscheidung".


Autor: Hanspeter Schmutz
Quelle: VBG

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