Ratgeber

Was macht uns beziehungsfähig?

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Interessanterweise wird vor allem darüber berichtet, wie viele Menschen in der heutigen Zeit beziehungsunfähig sind und warum dies so ist. Viel weniger wird hingegen darüber geschrieben, was Beziehungsfähigkeit ist und wie wir beziehungsfähig werden können. Eigentlich schade, sich mit dem zu beschäftigen was nicht ist, statt darüber nachzudenken, wie es denn sein sollte.

Was ist Beziehungsfähigkeit? Wann sind Menschen beziehungsfähig? Hier eine Zusammenstellung einiger wichtiger Kriterien, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Wer beziehungsfähig ist…

  • ...sucht sich Anerkennung nicht beim Gegenüber. Er ist sich bewusst, dass Liebe nicht verdient werden kann, sondern immer ein Geschenk ist. Er weiss, dass sein Wert nicht von dem abhängt, was andere über ihn denken oder sagen.
    Wer Gott kennt, entdeckt, dass er uns Wert gibt und nicht die Menschen. Gott hat uns das wunderbare Angebot gemacht, seine Kinder sein zu dürfen. Wenn wir dieses Angebot annehmen, sind wir Söhne und Töchter des Königs der Könige! Das gibt uns Wert und Anerkennung. Wenn wir uns dies bewusst sind, müssen wir unsere Anerkennung nicht länger bei Menschen suchen.
  • ...kennt seine Bedürfnisse, weiss, was er möchte und traut sich auch, dies zu kommunizieren.
    Es ist zentral, sich zu fragen «Was brauche ich?» und dies als Bedürfnis dem andern mitzuteilen statt als Forderung anzubringen. Es ist ein Unterschied, ob ich etwas als Bedürfnis ausdrücke («mir ist wichtig…») oder ob ich fordere («mach mal…») oder gar kritisiere («nie hast du mir…»).
  • ...kann seine Gefühle wahrnehmen, ausdrücken und offen mit seinem Gegenüber teilen. Er lässt sich in sein Herz schauen.
  • …sucht das Gespräch bei Unstimmigkeiten. Er gibt eine Beziehung nicht gleich auf, wenn es schwierig wird. Er kann Enttäuschungen aushalten und wenn nötig vergeben.
    In Konfliktsituationen lohnt es sich, zurück zu fragen. Gerade wenn eine Aussage schräg rüber kommt, haben wir die Wahl zu entscheiden, ob wir uns beleidigt zurückziehen wollen oder ob wir versuchen, die Sache zu klären oder zumindest nachzufragen, wie das gemeint war.
  • … kennt seine Defizite und ist bereit, daran zu arbeiten. Es ist sein Wunsch, sich stetig weiterzuentwickeln. Er ist offen für Korrektur und lässt sich von Vertrauten in die Karten blicken.
  • …auf den ist Verlass. Er lebt Verbindlichkeit. Treue und Loyalität sind gefragt!
  • …bringt seinem Gegenüber Vertrauen entgegen
  • …ist bereit, am Leben des Gegenübers Anteil zu nehmen. Er versucht, sich ins Gegenüber hineinzuversetzen und dieses zu verstehen. Er nimmt den andern in seiner Andersartigkeit an.
  • … ist bereit zu Kompromissen. Er kann auch mal einen Schritt zurück stehen und verzichten.

Die meisten dieser Punkte könnten zusammengefasst werden mit: «Eine reife Persönlichkeit ist gefragt!» An einzelnen der aufgelisteten Punkte zu arbeiten mag vielleicht eine kleine Verbesserung bringen. Es ist aber eher ein Kratzen an der Oberfläche. Die Veränderung hin zu einer reifen, beziehungsfähigen Persönlichkeit geht viel tiefer. Sie beginnt im inneren Menschen. Sie beginnt damit, wahrzunehmen, was in meinem Herzen ist.

Die Beziehung zu mir selber

Nur wer mit sich selber versöhnt ist, kann auch versöhnte Beziehungen leben. Wer sich selber nicht annehmen kann, dem fällt es auch schwer, gesunde Beziehungen zu pflegen. Wer sich selbst nicht vergeben kann, kann oft auch den andern nicht vergeben. Wer unzufrieden durch die Welt läuft, wird auch am Gegenüber immer etwas auszusetzen haben. Wer gerne in seinen Wunden badet und bemitleidet wird, der wird immer einen Grund dazu finden.

So ist eine der wichtigsten Grundlagen für gelingende Beziehungen die Arbeit an mir selber. Welche Beziehung habe ich zu mir selber? Bin ich bereit, mich und meine Motive zu hinterfragen? Lasse ich mir in mein Herz blicken? Bin ich bereit für Korrektur? Bin ich bereit, an mir zu arbeiten? Kann ich Hilfe annehmen? Stelle ich mich meinen Lebenswunden oder verdränge ich sie lieber?

David – eine starke Persönlichkeit der Bibel

Die Bibel berichtet von verschiedenen besonderen Persönlichkeiten. Nie sind es perfekte Menschen. Alle haben sie Stärken und Schwächen. Eine dieser Persönlichkeiten ist der König David. Auch er kannte Abgründe. Massive Abgründe sogar. Er scheiterte. Doch ihn zeichnete aus, dass er nach dem Scheitern wieder aufstand. Er war bereit, Korrektur anzunehmen und aus seinen Fehlern zu lernen. Er war bereit, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Er war bereit, sich ins Herz schauen zu lassen. Ihn zeichnete seine tiefe und nahe Beziehung zu Gott aus. Er liess Gott in sein Herz schauen. Seine Sehnsucht war die Nähe zu Gott. Und diese innige Beziehung zu Gott prägte und veränderte ihn. Was David zu einer reifen Persönlichkeit formte, drückt seine Haltung im Gebet in Psalm 139, Verse 23-24 aus: «Erforsche mich, Gott, und erkenne, was in meinem Herzen vor sich geht; prüfe mich und erkenne meine Gedanken! Sieh, ob ich einen Weg eingeschlagen habe, der mich von dir wegführen würde, und leite mich auf dem Weg, der ewig Bestand hat!» Es ist ein aufrichtiges Gebet mit der Erlaubnis, dass Gott ins Herz schauen und aufzeigen darf, was eigentlich wirklich da drin ist. Und es ist die Bitte, dass Gott Veränderung schafft und hilft, neue Wege zu beschreiten. Ein mutiges Gebet!

Auf dem Weg zu einer reifen und authentischen Persönlichkeit möchte uns Gott begleiten. Er ist der Spezialist für jede Persönlichkeit, denn er hat uns geschaffen. Er kennt auch das Geheimnis der Beziehungsfähigkeit. Er ist der Erfinder davon. Aus einer nahen Beziehung zu Gott heraus entstehen wunderbare Voraussetzungen für gelingende Beziehungen untereinander. Doch wir haben die Wahl, ob wir ihn als Begleiter wollen oder nicht. Ob wir uns selber abmühen wollen oder ob wir gerne seine Hilfe in Anspruch nehmen. Die Hilfe des «Fachmannes».

Achtung Baustelle!

Überdecke deine Lebensbaustellen nicht mit einer einfachen Abdeckplatte, sondern gehe sie an. Wir alle haben schon Baustellen gesehen. Wahrscheinlich täglich. Meistens sind sie ein Ärgernis. Sind wir mit dem Auto unterwegs, müssen wir Umwege machen. Zu Fuss müssen wir Vorsicht walten lassen und um das Hindernis herum gehen. Manchmal gibt es so Löcher im Boden, die sind im besten Fall mit einer Abdeckplatte zugedeckt. Trotzdem müssen wir unseren Blick genau darauf richten. Zu schnell kann es passieren, dass wir in den Unebenheiten stolpern oder gar in das Loch fallen. So ist es auch im Leben. Wenn wir unsere Baustellen ignorieren, müssen wir jahrelang darum herum laufen.

Es gibt immer diese Stelle, an der wir vorsichtig sein müssen. Es gibt immer diese Warnblinker. Das kostet Kraft, Zeit und verunmöglicht freie Fahrt. Wollen wir diese Baustellen wirklich ein Leben lang in Kauf nehmen? Es gibt eine andere Möglichkeit: Baue weiter, grabe, kämpfe dich durch! Die Baustellen müssen nicht bleiben! Wage mutig einen Blick in dein Herz. Wachse an wunden Punkten. Lass dich herausfordern. Erkenne und benenne innere Überzeugungen, die auch dein Leben prägen. Such dir jemanden, der mit dir auf diesem Weg ist. Entweder eine gute Freundin, ein guter Freund oder ein/e Berater/in, Seelsorger/in. Es geht nicht darum, sich nur noch mit sich selber zu beschäftigen. Es geht vielmehr darum, mit sich selbst und dem Leben versöhnt zu sein, um sich andern zuwenden zu können.

Es lohnt sich! Es ist ein Weg hin zu einer reifen authentischen Persönlichkeit. Hin zu einer vertieften Beziehung zu Gott. Und ein Weg zu gesunden Beziehungen zu Mitmenschen.

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Datum: 16.11.2016
Autor: Ursula Blatti
Quelle: Livenet

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