Tipps zur Sexualer­ziehung

„Papa sag, was Sache ist!”

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Sicher kennen Sie den Witz: Nach reiflichen Überlegungen hat der Vater sich endlich durchgerungen, seinem zwölfjährigen Sohn eine Aufklärungsstunde zu erteilen. Vorsichtig setzt er an: ,,Also, ich glaube, es ist an der Zeit, mit dir über Sex zu sprechen.“ Darauf der Sohn: „Okay, Papa, was willst du wissen?”

Natürlich warten Eltern heute nicht mehr so lange, bis sie auf das Thema Nr. 1 zu sprechen kommen. Schliesslich wollen sie die Verant­wortung für die Aufklärung nicht anderen überlassen. Die Geschich­ten vom Klapperstorch, den Bienen und den Blümchen sind längst out. Aufgeklärte Eltern wünschen sich gut informierte Kinder. Mehr als das: Sie wollen alles richtig machen. Sexualerziehung besitzt ei­nen hohen Stellenwert. Aber spätestens dann, wenn die lieben Klei­nen mit Fragen rausrücken, die ihren Eltern rote Ohren machen oder unter dem Bett der „schwierigen Teenager” Verhütungsmittel ent­deckt werden, macht sich grosse Unsicherheit breit.

Durch die Kinder werden Väter und Mütter mit ihrer eigenen Einstel­lung zur Sexualität konfrontiert. Sie spü­ren, wie sehr sich ihr Umgang mit Se­xualität auf ihre Kinder auswirkt. Diese bekommen als scharfe Beobachter näm­lich genau mit, wenn ihre Eltern selbst mit Hemmungen, Ängsten und Unsi­cherheiten zu tun haben. Eigene Prä­gungen und Fehlprägungen werden häu­fig ungewollt an die Kinder weitergege­ben. Hier kommen acht Tipps, wie Eltern ihrem Auftrag zur Sexualer­ziehung gerecht werden können:

1. Denken Sie über Ihre eigene Einstellung zur Sexualität nach!

Was hat Sie geprägt? Wie sehr ist das Thema Sex mit negativen Eindrüc­ken aus Ihrer Kindheit belastet? Wenn in Ihrer Herkunftsfamilie aus falsch verstandener Scham über diesen Bereich geschwiegen wur­de, werden Sie sich heute schwer tun, mit Ihren Kindern offen über alles zu reden. Wie haben Sie gelernt, über eigene Gefühle und Wünsche zu sprechen? Welche Haltung zum eigenen Körper wurde vermittelt? Wenn Sie selbst kein unbeschwertes Verhältnis zur Sexualität vermittelt bekamen, werden Sie sich heute manchmal ganz schön hilflos fühlen, wenn es in der Familie um intime Themen geht. Andererseits können Sie positiv weiterge­ben, was Sie selbst positiv erlebt haben. Stehen Sie zu dem, was Sie geprägt hat! Suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Ehepartner oder guten Freun­den als Übungsfeld, um über alle sexuellen Themen offen sprechen zu lernen!

2. Praktizieren Sie Sexualerziehung!

Beim Thema Aufklärung geht es nicht in erster Linie um Unterrichtsstunden in Sachen Sex, die nur dann auf dem Erziehungsstundenplan stehen, wenn akute Fragen auftauchen. Sexualerziehung ist ein Prozess. Sexualerziehung beginnt mit der Geburt Ihres Kindes und endet mit seinen selbständigen Schritten ins Erwachsenenleben. Über sexuelle Themen zu spre­chen ist wichtig. Aber entscheidend ist, was Sie tun und vorleben. Geben Sie Anschauungsunterricht in Liebe, Zärt­lichkeit, Vertrauen und Sexualität. Na­türlich nicht, indem Sie Ihre Kinder als Zaungäste beim Liebesspiel einladen. Aber indem Sie Ihnen zeigen, dass Sie sich als Eltern wirklich lieben. Wer seine Eltern als zärtlich Liebende erlebt, wird ler­nen, dass Liebe und Sexualität zusam­mengehören. Die positiv vorgelebte Partner­schaft der Eltern ist im besten Sinne Sexualerziehung. Kinder lernen am Modell ihrer Eltern, was Mannsein und Frausein bedeutet und gewinnen so ein Gefühl für ihre eigene geschlechtliche Identität.

3. Überwinden Sie Ihre Sprachbarrieren!

Es fällt nicht gerade leicht, die rich­tigen Worte für das zu finden, was mit Sex zu tun hat. Medizinische Fachbe­griffe klingen kalt und technisiert. Vulgärausdrücke beschreiben Sexuali­tät sehr derb und drastisch direkt. Bemühen Sie sich um eine Sprache, die Ihnen und Ihren Kindern gerecht wird und die Sachinformationen und Gefühle gleichermassen weitergibt. Bereiten Sie sich frühzeitig auf wissensdurstige Fragen vor. Greifen Sie auf Bücher zurück, die kindgerechte Informationen enthal­ten. Machen Sie wegen falsch verstan­denen Schamgefühlen Sexualität nicht zum Tabuthema! Sie dürfen offen über alles reden.

4. Seien Sie ehrlich und echt!

Ihr Kind wird genau spüren, wo Sie unsicher sind. Sprechen Sie deshalb ehrlich aus, wenn Sie sich gehemmt fühlen. Zum Beispiel: „In meinem El­ternhaus wurde nie über Sex gespro­chen. Meinen Eltern war es peinlich. Ich merke, wie es mir heute manchmal sehr schwer fällt, ungezwungen darüber zu reden!” Sie müssen nicht auf jede Frage eine perfekte Antwort geben, aber Ihre Gesprächsbereitschaft signa­lisieren. Wenn Eltern bereit sind, eigene Probleme aus ihrer Kindheit und Ju­gend den Heranwachsenden zu berich­ten, schafft das ein Klima der Offenheit und des wechselseitigen Vertrauens. Ein Vater, der seinem zwölfjährigen Sohn davon erzählt, wie er früher un­ter Schuldgefühlen litt, weil er Selbst­befriedigung praktizierte, ermutigt sei­nen Sohn, sich an ihn zu wenden, wenn er diesbezüglich mit Problemen zu kämpfen hat.

5. Orientieren Sie Ihre Antwort an der gestellten Frage!

Eltern können in ihrem aufkläre­rischen Eifer dazu neigen, umfassende Erklärungen weiterzugeben, die weit über die gestellte Frage hinausreichen. Beantworten Sie möglichst konkret die gestellte Frage. Durch die Rückfrage „Ist deine Frage damit beantwortet?” versichern Sie sich, ob Ihr Kind damit zufrieden ist. Kinder im Vorschulalter benötigen keine Biologiestunde über alle Einzelheiten der Fort­pflanzung, wenn sie wissen wollen, wie ein Baby in Mamas Bauch kommt. Einfache, klare und für das Kind nachvollziehbare Antworten stillen seinen Wissensdurst.

6. Ziehen und achten Sie Grenzen!

Setzen Sie als Eltern Grenzsteine zwischen kindlicher und erwachsener Sexualität. Ihre Kinder brauchen diese Grenzen, um daran zu reifen. Elterliche Liebe zum Kind und erotische Liebe zum Partner müssen deutlich getrennt bleiben. Wenn die Eltern beispielsweise mit ihren kleinen Kindern baden, ist das völlig in Ord­nung. Wollen aber die Kleinen an den Geschlechtsorganen ihrer Eltern spie­len, ist die Grenze überschritten und eindeutige Abgrenzung geboten. Achten Sie sorgsam die Schamgrenzen Ihrer Kinder und hüten Sie sich vor Blossstellung jeder Art. Fordern Sie niemals gegen den Willen des Kindes körperliche Nähe ein. Das Kind muss weder Tante Frieda noch Opa Paul ein Küsschen geben, wenn es nicht will. Schliesst es die Badezimmertür ab, muss das respektiert werden. Indem Sie die Schamgrenzen Ihres Kindes achten, lernt es die Intimsphäre anderer zu re­spektieren.

7. Klären Sie lieber früher auf als zu spät!

Warten Sie nicht bis zum Aufklärungsunterricht in der Schule. Spre­chen Sie schon von klein auf ge­schlechtliche Themen an. Ihre Tochter sollte von Ihnen nicht erst bei der er­sten Monatsblutung über den weibli­chen Zyklus unterrichtet werden, son­dern schon viel früher alles Wichtige darüber von Ihnen erfahren haben. Letztlich geht es nicht um die Fra­ge, zu welchem Zeitpunkt Aufklärung angesagt ist, sondern wie das offene Gespräch über sexuelle Themen Ihre gesamte Erziehungsarbeit begleiten kann.

8. Machen Sie Ihr Kind stark!

Wenn Sie Ihr Kind so annehmen, wie es ist, mit Stärken und Schwächen, machen Sie ihm Mut. Ermutigte Kinder gehen mutig durchs Leben. Ein Kind, das häu­fig von Mutter oder Vater beschämt, korrigiert, zurechtgewiesen und kriti­siert wurde, wird an seinem Selbstwert zweifeln. Trauen Sie Ihrem Kind etwas zu, glauben Sie an seine Fähigkeiten. So gewinnt es das nötige Selbstvertrauen zum Schutz vor sexuellen Übergriffen. Es hat gelernt, Nein zu sagen und kann sich gegenüber anderen deutlich abgrenzen. Ihre Familie ist das Trainingslager, in dem Ihr Kind die Liebes- und Beziehungsfähigkeit vermittelt bekommt, die es für sein Leben brauchen wird.

Autor: Matthias Hipler (44), verheiratet, zwei Töchter, arbeitet als Pastor und als Paar- und Familien­therapeut mit eigener Praxis in Ko­blenz. Vor kurzem ist sein Buch „Tausend und eine Nacht Sexualität und Erotik in der Partnerschaft” (Brendow Verlag, Moers) erschienen.

Datum: 08.02.2006
Quelle: Neues Leben

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