Männer fantasieren anders

Frauen auch!

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Männer sind anders - Frauen auch. Das wissen wir spätestens seit dem gleichnamigen Bestseller von John Gray. In Reden, Denken, Fühlen treffen bei den beiden Geschlechtern Welten aufeinander. Und auch, wenn es um Fantasien geht.

„Männer und Frauen sind eben doch viel unterschiedlicher, als die Wissenschaft uns mit ihrer Unisex-Theorie der vergangenen Jahrzehnte hat weismachen wollen", weiss auch Reinhold Ruthe, Ehe- und Familien­therapeut aus Wuppertal. „Und in ihren Fantasien wird das einmal mehr deutlich."

Romantische & sexuelle Fluchten

Jeder und jede kennt es, das „Ki­no im Kopf". Und je nach realem oder auch eingebildetem Mangel träumen wir uns mal schöner, reicher und be­gabter oder eben begehrter. Doch ent­spannende Urlaubsfantasien hin oder her - einsame Spitzenreiter unter den Tagträumen sind romantische und sexuelle Fluchten.

Wie diese entstehen, liesse sich allerdings „kaum erforschen", sagen Experten, „denn ihre Ausprägung" sei „sehr individuell." Dem stimmt auch Reinhold Ruthe zu: „Unsere Fantasien hängen eng mit unserem Geschlecht, unserer Biografie und unserem Cha­rakter zusammen. Die Frage hinter unseren Träumen lautet also immer: ,Was habe ich erlebt?' Denn daraus nähren sich unsere Wünsche."

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Männer häufiger als Frauen

Als unbestritten allerdings gilt: Männer fantasieren häufiger als Frauen - und direkter. So denken nur 21 Prozent der Damen der Schöpfung täglich (manchmal mehrmals) an Sex - aber 54 Prozent der Männer. Und während weibliche Gedankenspiele verstärkt um Zärtlichkeiten, romanti­sche Flirts und tiefe Beziehungen krei­sen, denkt Mann vor allem an Sex mit einer „unbekannten Schönen", oder aber er malt sich gerade jene sexuelle Praktik aus, die ihm seine Partnerin im realen Leben versagt.

Erotisch „verkabelt"

Also denken Männer doch bloss an das eine? „Ja und nein", meint Ruthe. „Ihre Fantasien um Frauen kreisen um alles, was mit Liebe, Erotik, Zärtlich­keit und Sex zu tun hat. Die männli­chen Vorstellungen sind schneller mit sexuellen Gefühlen gekoppelt. Sie erleben Erregung spontaner und bedrängender. Viele Frauen klagen in der Seelsorge, dass sie ihren Mann zum Beispiel nicht mehr nur zärtlich auf den Mund küssen können. Die kaum sexuell gefärbte Zärtlichkeit der Frau verwandelt sich bei sehr vielen Män­nern sofort in sexuelle Stimulanz.

„Wenn ein Mann abends nach Hause kommt", schreibt die christliche Autorin Marabel Morgan, „denkt er an zwei Dinge: Essen und Sex - und das nicht immer in dieser Reihenfolge." Und auch die Christen unter ihnen machten da keine Ausnahme: „Was bei einem Mann im Kopf los sein kann, allein wenn er während eines Gottesdienstes eine Frau sieht, die ihm gefällt, das glaubt man kaum."

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Dramatischer Anstieg

Doch die Frauen holen auf. „Wenn mein sexuelles Verlangen ganz massiv wird", erzählt eine Enddreissi­gerin, „gehe ich im Kopf mit jedem ins Bett, der halbwegs was hermacht." Der christliche US-Psycho­loge Dr. Mark Laaser, Vorsitzender der „Christian Alliance for Sexual Recove­ry" beobachtet: „Wir haben einen dramatischen Anstieg unter Frauen festgestellt, die in ihrem sexuellen Verhalten aggressiver geworden sind. Sehen Sie sich die Frauen zwischen 30 und 35 an: In dieser Altergruppe werden die Frauen immer direkter und agieren wesentlich konkreter, zum Beispiel durch Masturbation."

Fast überholt scheint da die alte Weisheit, dass Männer in erster Linie visuell, Frauen hingegen eher über Berührungen angeregt werden. Die stetig steigende Flut erotischer Bilder in Werbung, Filmen und Internet tut ihren Dienst: „Unsere Kultur verkabelt das weibliche Gehirn quasi neu", weiss Laaser.

Vielschichtige Gründe

Die Gründe für aufregende sexu­elle oder auch nur „harmlos" romantische Gedankenreisen sind bei beiden Geschlechtern vielschichtig. Die Nr. 1 bei Männern: Sexuelle Vorlieben, die sie aus Scham vor ihrer Frau nicht auszusprechen wagen. Frauen hingegen flüchten sich am ehesten zu ihrem „Traummann", wenn sie sich von ihrem realen Partner unbeachtet, un­verstanden oder gar ungeliebt fühlen.

Und das sind nicht wenige: Bei der Umfrage einer Frauenzeitschrift, in der die Leserinnen über ihre inti­men Erfahrungen berichten sollten, gab fast die Hälfte von ihnen an, dass sie bereits einmal in der Gefahr stan­den, einen Seitensprung zu begehen - wenn auch nur im Kopf.

„Ganz verrückt nach mir"

Eine Mitt­vierzigerin, die mit einem Mann ver­heiratet ist, von dem sie sich unbe­achtet fühlt, erzählt: „Der Mann in meiner Fantasie ist ganz verrückt nach mir. Er fragt dauernd, was ich denke und fühle. Oft genug sagt er mir etwas über mein gutes Aussehen. Er fasst mich gerne an. Meine Stimme, meine Gedanken sind ihm wichti­ger als alles andere auf der Welt. Oft verschwinden wir zusammen in Ho­tels. Mein normales Leben geht auch in meiner Fantasie weiter. Ich bekom­me ja, was ich mir wünsche und kann meinem Mann deshalb die kalte Schulter zeigen. Ich kann nicht mehr verletzt werden, und ich brauche auch nichts mehr von meinem Mann."

Sehnsucht nach wahrer Liebe

Ein gefährliches Spiel, das nicht immer ohne Folgen bleibt. Doris Schulte vom christlichen Werk „Neues Leben" be­treut viele Frauen auch seelsorgerlich. In Gesprächen erfährt sie, wie tief bei einigen die Schwelle zum Ehebruch liegt: „Es ist ganz simpel: Frauen sehnen sich nach wahrer Liebe. Das allein suchen sie - und sei es in einer Affäre. Sie müssen nur frustriert genug in ihrer eigenen Beziehung sein - und schon leben sie ihre Fantasien aus, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet."

Tabuthema „Fantasie"

Offenheit tut Not. Könnten die Ehepartner miteinander über ihre geheimen Wünsche sprechen, wären die Fantasien nicht mehr nötig. Problematisch seien diesbezüglich jedoch häufig verbogene Moralvorstellungen, erklärt Ehetherapeut Ruthe. „Oft sage ich den Männern: ,Na, dann sagen Sie doch einmal Ihrer Frau, was Sie gerne hätten!' Doch die schütteln nur mit dem Kopf und antworten: ,Das geht nicht. Das tut die nie!'" Ein häufig vorschnelles Nein, das nicht ohne Folgen bleibt: „Umso stärker fliehen die Männer dann in pornografische Fantasien, in denen sie ungehemmt das ausleben, was ihnen die eigene Frau verweigert."

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Erfüllende Sexualität

Aber: Muss der Ehepartner denn wirklich alles mitmachen? „Natürlich nicht", sagt Ruthe. „Aber viele müs­sen erst einmal dahin kommen, dass sie wissen: In der Ehe ist erfüllende Sexualität erlaubt! Man darf alles - wenn es beiden Partnern Freude macht! Das Gebot der Liebe ist auch hier der Massstab für alles Handeln, Fühlen und Fantasieren."

Doch wie soll man letztlich mit seinen Wünschen nach Nähe, Bezie­hung und erfüllender Sexualität fertig werden, wenn die Realität bei Meiers eben nur aussieht, wie die Realität bei Meiers - und nicht wie in einer Holly­wood-Romanze? Und wie bei all dem auch noch biblischen Ansprüchen ge­recht werden?

Das wilde Ding

Ein Trost: Wir sind nicht allein. Zu den bekanntesten Missionaren des 20. Jahrhunderts gehört Jim Elliot, der im Januar 1956 mit fünf anderen Mis­sionaren bei einem Angriff der Auca-Indianer in Ecuador sein Leben verlor. Ohne Zweifel gab es kaum einen Mann seiner Generation, der Gott so sehr liebte und sich danach sehnte, ihm zu dienen und zu gehorchen. Doch auch er kämpfte mit sexueller Versuchung. In einem besonders einsamen Moment im Dschungel schrieb er: „Als ich gestern unterwegs war, fand ich mich allein in dem dunklen, kühlen Wald, und ich wusste plötzlich, wie anfällig ich gerade jetzt für fleischliche Ver­suchungen war. Ich weiss nicht, was passiert wäre, hätte ich eine Indianer­frau allein auf dem Pfad getroffen. Oh, Gott, was für eine wildes Ding sexuelles Verlangen doch ist und wie oft es in diesen Tagen über mich kommt!"

Doch nicht jeder erotische Impuls ist gleich verwerflich. „Die Gren­ze, ab wann ein Gedanke zur Sünde wird, hat Jesus selbst festgelegt. Er hat nicht gesagt: ,Wer eine Frau ansieht, hat die Ehe gebrochen‘, denn dann kämen alle Männer in die Hölle. Ansehen und erotisch finden, ist noch nicht schlimm. Aber dann geht es eben weiter: ,... und sie begehrt!‘ Wer im Kopf mit einem anderen als dem Ehepartner ins Bett geht, der hat die Grenze definitv überschritten."

Teuflische Tricks

Gibt es Hoffnung? Existiert es vielleicht doch irgendwo, das definitive Rezept, um dem Kampf im Kopf ein Ende zu bereiten und für alle Zeit als Sieger hervorzugehen? Für Ruthe sind Gedankenstopp und Vermeidung die einzig wirksamen Mittel: „Internet, Filme, Ma­gazine, Bücher, Musik - was immer der Fallstrick ist - meiden Sie ihn! Dazu gehört Disziplin. Und wenn eine unangebrachte Fantasie auftaucht, gebieten wir ihr Einhalt, indem wir uns ganz schnell etwas Anderes vor Augen holen. Beide Techniken sind erlernbar, wenn es auch am Anfang schwierig erscheint."

Für problematisch hält Ruthe den Ansatz, ständig um die Lösung des Problem zu kreisen - und sei es auch nur in reuigen Befreiungsgebe­ten. „Natürlich ist Gebet wichtig. Aber wenn wir es falsch angehen, heben wir uns unsere Fantasien damit bloss weiterhin ständig vor Augen. Wir dürfen und sollen sie vor Gott bringen - und dort lassen.

Geschenk „Fantasie"

Fantasie - hat Gott uns mit ihr ein fatales Geschenk gemacht? Hat er uns mit unseren Sehnsüchten und unserer Vorstellungskraft etwa falsch ange­legt? „Ganz bestimmt nicht", meint Reinhold Ruthe, „denn ohne diese wunderbaren Dinge wären wir längst ausgestorben."

Warum aber ist der Kampf manchmal so hart? „Vielleicht nur, weil Gott uns zeigen will, dass wir eben nicht allein mit uns fertig werden - auch nicht mit unserer Fantasie. ,Lass dir an meiner Gnade genügen‘, sagt er zu uns. Und wir können oft nur antworten: ,Herr, auch hier bin ich ein Sünder. Auch in meiner Fantasie werde ich immer wieder schuldig vor dir. Ich schaffe es nicht ohne dich. Aber auch dafür bist du gestorben.‘"


Autor: Sabine Schmidt
Quelle: Neues Leben

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