Wer knallt denn da?

Georges Lemaître und der Urknall

Vor kurzem hätte Georges Lemaître seinen 125. Geburtstag gefeiert. Der belgische Theologe, katholische Priester und Astrophysiker wurde am 17. Juli 1894 geboren. Er gilt als Begründer der Urknalltheorie. Und seine Entdeckung wird bis heute in christlichen Kreisen kontrovers diskutiert. Was lässt sich dazu sagen?

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Georges Lemaître
Vor einem Jahr war Georges Lemaître (1894–1966) Thema bei Google. Wer am 17. Juli in England oder Frankreich die Suchmaschine öffnete, sah den lächelnden Priester, aus dessen Kopf Sterne und Galaxien entstanden und auseinanderdrifteten. Doch so bekannt der Begriff «Urknall» ist, so unbekannt ist der Mensch dahinter. Albert Einstein kritisierte Lemaître zunächst: «Ihre Berechnungen sind korrekt, aber Ihr Verständnis von Physik ist scheusslich.» Die Theorie suggerierte ihm zu viel an Schöpfung. Später korrigierte sich der Entdecker der Relativitätstheorie.

Der Mensch

Georges Lemaître wollte bereits als Jugendlicher Priester und Wissenschaftler werden. Nach dem Ersten Weltkrieg beendete er sein Mathematik- und Physikstudium. Geprägt von den Kriegsereignissen legte er seinen Schwerpunkt aufs Priesterdasein und wurde 1923 ordiniert, bevor er am US-amerikanischen «Massachusetts Institute of Technology» (MIT) promovierte und danach eine Professur in Belgien übernahm.

Die Theorie

1925 begann Lemaître, seine Theorie vom «Uratom» oder dem «kosmischen Ei» aufzuschreiben. Darin beschrieb er vor Edwin Hubble (nach dem das Weltraumteleskop benannt ist) und nach dem Russen Alexander Friedmann die Expansion des Weltalls von einem konzentrierten Punkt aus. Die Erkenntnis des Astrophysikers und Theologen ist so simpel wie einleuchtend: Das Weltall muss seinen Ursprung in der Zeit haben. Seine Galaxien driften messbar auseinander, also müssen sie früher näher beieinandergelegen haben. Das legt nahe, dass zu einem noch früheren Zeitpunkt das gesamte Universum in einem einzigen Punkt konzentriert gewesen sein muss: dem sogenannten «Uratom», das «im Moment der Entstehung des Universums explodierte». Folgerichtig ging Lemaître davon aus, dass die im Weltall gemessene Rotverschiebung keine Folge einer allgemeinen Bewegung sei, sondern die der Ausdehnung des Weltalls insgesamt.

Okay, das ist hochwissenschaftlich. Und zunächst einmal lehnte zum Beispiel Albert Einstein diesen Ansatz ab. Interessanterweise allerdings, weil sich dieser zu sehr an eine religiöse Vorstellung von der Erschaffung der Welt anlehnte. Doch schliesslich überzeugte Lemaître Einstein und einen grossen Teil der wissenschaftlichen Welt. Der «Big Bang» oder Urknall wurde Teil der wissenschaftlichen Weltsicht.

Die Einordnung

Die Bibel beginnt mit der Schöpfungserzählung. Darin heisst es: «Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde. Die Erde aber war wüst und leer, und es lag Finsternis auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über den Wassern» (1. Mose, Kapitel 1, Vers 1–2). Allerdings beschreiben dieser Text und alles Weitere in der Bibel viel vom Wer und dem Wozu der Schöpfung. Sie erklären, dass die Welt von Gott geschaffen ist, aber nicht wie. Alexander Brüggemann hält über Lemaître fest: «Seinen Glauben an Gott haben seine Erkenntnisse nicht ins Wanken bringen können. Und so war Lemaîtres Antwort auf die Frage, wer denn wohl der Auslöser für diesen Ur-Impuls gewesen sei, die des Theologen. Das gefiel und leuchtete auch der Päpstlichen Akademie ein, die seine Theorie 1951 anerkannte. Pius XII. erklärte, der mit dem 'Urknall' zeitlich festlegbare Beginn der Welt – nach heutiger Erkenntnis vor rund 13,8 Milliarden Jahren – entspringe einem Schöpfungsakt Gottes.»

Darüber streiten manche Christen und Wissenschaftler bis heute. Spannend ist, dass Lemaître für die Christen dabei zu wissenschaftlich und für die Wissenschaftler zu christlich ist. Lemaître selbst stellte klar: «Weder hat die Wissenschaft meinen Glauben erschüttert, noch war die Religion je Ursache, Schlussfolgerungen in Frage zu stellen, die ich durch wissenschaftliche Methoden erlangt habe.»

Dieser Text soll den Urknall weder bestätigen noch widerlegen. Er soll den Menschen dahinter zeigen. Er soll zeigen, dass es auch aus christlicher Sicht Argumente gibt, auf ihn zu hören. Er soll zeigen, dass viele Christen trotz aller scheinbaren Sicherheit an einer 6-Tage-Schöpfung festhalten. Und er soll das Gespräch miteinander trotz unterschiedlicher Meinungen anregen. Viel Spass beim Diskutieren! Harald Lesch, Astrophysiker und Protestant, meinte jedenfalls zum Argument, Naturwissenschaft und Glaube schlössen sich aus: «Freund, du hast keine Ahnung von Naturwissenschaft.»

Hier können Sie Georges Lemaître's Theorie anschauen:

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Datum: 11.08.2019
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet / Alexander Brüggeman (KNA)

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