Gedenkjahr Jan Hus

Zur Wahrheit bekannt – öffentlich verbrannt

Am 6. Juli vor 600 Jahren gab es in Konstanz etwas zu sehen. Der tschechische Prediger Jan Hus wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt, seine Asche in den Rhein gestreut. Aber jetzt ging der Aufruhr erst richtig los.

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Denkmal von Jan Hus in Prag
Jan Hus, geboren ca. 1370 im kleinen tschechischen Dorf Husinec, war von früher Jugend an, trotz seiner Liebe zum Schach und zur Musik, ein ernsthafter Gläubiger. Er gab seine letzten Groschen weg, verlieh Geld ohne Zinsen und liess sich moralisch nie etwas zuschulden kommen. Hus war ein begabter Schüler und Student. Er studierte ab ca. 1396 in Prag, wurde Magister und Professor. Nach dem Theologiestudium wurde er 1400 zum Priester geweiht, wurde Dekan und wirkte auch als Rektor der Universität Prag.

Der zündende Funke

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Jan Hus
Hus, der religiöse Moralist, lernte ab ca. 1398 durch tschechische Studenten die Schriften des Oxforder Theologen und Kirchenkritiker John Wyclif kennen, die er mit Feuereifer verschlang, verarbeitete und in seinen eigenen Büchern später über lange Strecken wörtlich wiedergab. Ab ca. 1402 predigte Hus in der neu errichteten Bethlehemskapelle in der Prager Altstadt, die für damalige Verhältnisse eine Megachurch war: bis zu 3'000 Menschen hörten ihm regelmässig zu. Er führte das gemeinsame Singen in der Landessprache ein und hielt jedes Jahr etwa 200 Predigten auf Tschechisch in dem riesigen Saal. Mit aller Leidenschaft kämpfte er von der Kanzel aus gegen Unsittlichkeit, Lüge, Genusssucht und schonte auch seinen eigenen Stand, die Geistlichen, nicht: «Unsere heutigen Bischöfe und Priester, und namentlich die Domherren und faulen Messstecher können leider kaum das Ende des Gottesdienstes abwarten und eilen aus der Kirche, die einen in die Wirtshäuser, die anderen hin und her, um sich auf eine der Priester unwürdige Weise zu unterhalten, ja sogar um zu tanzen… So sind diejenigen, welche in der Nachfolge Christi die ersten sein sollten, die grössten Feinde unseres Herrn Jesus Christus.» 

Mit seiner strengen Predigt gegen Zeitgeist und Mode brachte Hus gelegentlich die Zünfte der Schuster, Hutmacher, Goldschmiede, Weinhändler und Wirte gegen sich auf.

Der Einfluss wächst

Hus hatte in Prag einen unerhörten Zulauf. Das Volk strömte in hellen Scharen in seine Predigten – die Menschen hatten das Gefühl, einen Redner zu hören, der Ihnen die Wahrheit sagte und nicht den Oberen schmeichelte. In ihrer Begeisterung nannten die Böhmen Hus sogar den« fünften Evangelisten.»

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In der Bethlehemskapelle predigte Jan Hus vor bis zu 3000 Menschen.
1408 erfuhr der Prager Erzbischof von Hus' Predigten und enthob ihn daraufhin seiner Stellung als Synodalprediger. Das Predigen und das Lesen der Messe wurden ihm verboten. Er hielt sich aber nicht an diese Verbote, predigte weiterhin gegen Papsttum und Bischöfe und brachte in kurzer Zeit grosse Teile Böhmens auf seine Seite. Es machte einen starken Eindruck auf die Menschen, dass Predigtverbot und Bann keine Wirkung hatten. Je mehr Widerstand er erlebte, umso radikaler wurden seine Predigten. Er scheute sich mittlerweile nicht mehr, direkt den Papst anzugreifen: «Unsere Päpste und Petri Nachfolger haben sich zu Henkern und Scharfrichtern ausgebildet; einen treuen Christen nennen sie einen Ketzer und verbrennen ihn.»

Als der Druck gegen ihn immer grösser wurde, floh Hus 1412 aus Prag, lebte auf einer Burg in Böhmen, verfasste mehrere theologische Schriften und durchzog ab 1414 als Wanderprediger das Land und gewann zahlreiche Anhänger.

Das Konzil von Konstanz

1414 wurde in Konstanz am Bodensee ein Konzil ausgerufen, das die unglaublich verlotterten Zustände innerhalb der Kirche beenden und eine Reform durchführen sollte. Das Konzil war ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem Turnierspiele genauso eine grosse Rolle spielten wie ein Heer von Prostituierten, das sich eigens nach Konstanz begeben hatte. Trotz vieler berühmter Theologen und ernsthaft gesinnter Männer fehlte dem Konzil die Entschlossenheit und moralische Kraft, eine ernsthafte Reform durchzuführen.

Unter anderem musste auch die Frage des böhmischen Ketzers angepackt werden. Der deutsche Kaiser Sigismund lud Jan Hus ein, in Konstanz seine Lehren zu verteidigen, und sicherte ihm freies Geleit für die Hin- und Rückreise zu. Hus nahm alle seine Bücher mit und erreichte Konstanz am 3. November 1414. Am 4. November hob der Papst die Kirchenstrafen gegen ihn auf, und Hus konnte einige Wochen lang unbehelligt in Konstanz predigen. Am 28 November wurde er jedoch gefangen genommen, in ein Verlies direkt neben der Kloake gesteckt und später im Schloss Gottlieben gefangen gehalten. 

Freunde erreichten, dass Hus sich wenigstens ansatzweise für seine Gedanken verteidigen konnte, aber «der Gegensatz zwischen der leichtlebigen Versammlung und dem sittenstrengen Wahrheitsmenschen Hus war von Anfang an zu gross», wie es Walter Ninck im «Buch der Ketzer» beschreibt: «Vom ersten Tag an begegnete man Hus mit ausgemachter Gehässigkeit (…) Bei seiner Rede schrie die gesamte Kirchenversammlung auf ihn ein und unterbrach ihn fortwährend mit störenden Zwischenbemerkungen. Hus blieb inmitten dieser turbulenten Aufregung ruhig und bemerkte nur, als endlich zur Worte kam: 'Ich hätte gedacht, in dieser heiligen Versammlung mehr Anstand und bessere Zucht zu finden' (…) Die Kirchenversammlung war gar nicht willens, sich mit Gruss überhaupt auf eine Diskussion einzulassen, sondern verlangte von ihm kurzerhand einen Widerruf, den zu leisten er nicht bereit war.» Als Mann des Gewissens konnte er nicht einfach eine Formel unterzeichnen, mit der er sich gegen die Wahrheit versündigt hätte.

Die unvermeidliche Konsequenz

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Verbrennung von Jan Hus
Am Vormittag des 6. Juli 1415 wurde Hus im Konstanzer Dom durch die Vollversammlung des Konzils als Ketzer verurteilt, aus der Kirche ausgestossen und zur Vollstreckung des Todesurteils der weltlichen Gewalt überliefert. Die öffentliche Verbrennung wurde auf den Nachmittag angesetzt. Kriegsknechte setzten ihm eine ellenhohe Papiermütze auf den Kopf, auf der drei Teufel abgebildet waren und die die Überschrift trug: 'Erzketzer'. Er wurde auf den Brühl geschleppt, wo er, auf einem Holzbündel stehend, zwischen Stadtmauer und Graben an einen Pfahl gebunden wurde. Der Henker entkleidete ihn, und rings um ihn her wurden Reisigwälle mit Stroh untermischt bis auf Kinnhöhe aufgeschichtet. Eine letzte Aufforderung, sein Leben durch Widerruf zu retten, lehnte er ab: «Ich rufe Gott zum Zeugen an, dass ich das, was falsche Zeugen gegen mich behaupten, weder gelesen noch gepredigt habe! Ich wollte die Menschen von ihren Sünden abbringen! Was immer ich sagte und schrieb, war stets für die Wahrheit, für die Wahrheit!»

Als der Holzstoss angezündet wurde, begann Hus mit lauter Stimme zu singen. Als ihm die Flammen ins Gesicht schlugen, brach der Gesang abrupt ab, nur seine Lippen bewegten sich noch. Hus starb nach kurzer Qual, seine Asche wurde in den Rhein gestreut.

Ein ganzes Land wird gepackt

Nach dem Tode von Jan Hus hallte ein Schrei der Entrüstung durch Böhmen. Der grösste Teil des Landes verehrte Hus als Propheten und nach seinem Tode wie einen Heiligen und Märtyrer. Mit elementarer Gewalt brachen Aufstände los, die zum ersten Prager Fenstersturz und zu den Hussitenkriegen führten (1419-1434).

Erst in neuester Zeit wird Jan Hus auch von katholischer Seite her vorsichtig neu beurteilt. Im Dezember 1999 sprach Papst Johannes Paul II. zu einer Versammlung von Historikern, die sich mit Hus befassten: «Heute fühle ich mich verpflichtet, mein tiefes Bedauern auszusprechen für den grausamen Tod von Jan Hus und für die daraus folgende Wunde – eine Quelle von Konflikten und Spaltungen –, die dadurch in den Geist und die Herzen des tschechischen Volkes gerissen wurde.» Zu einer offiziellen Rehabilitierung von Hus kam es jedoch weder unter Johannes Paul II. noch unter Benedikt XVI. man darf gespannt sein, ob und wie Papst Franziskus sich neu äussert.

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Datum: 07.07.2015
Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Livenet

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