Im Nahen Osten wetteifern die Archäologen

Jerusalem. Die Nachricht war knapp, und sie verhiess eine Sensation: "Älteste christliche Kirche gefunden". US-Forscher haben am Strand des Roten Meeres der südjordanischen Stadt Akaba Reste eines Kirchenbaus aus der Zeit um 300 ausgegraben. Der Fund ist spektakulär (wir berichteten darüber). Doch ist er ein Überbleibsel des bislang ältesten christlichen Gotteshauses? Aus dem Leserkreis wurde uns der Hinweis gegeben: "Die älteste Kirche der Welt" - das stimmt nicht. In Armenien stehen Ruinen noch älterer Kirchen.

In Akaba, so mutmasst Ausgrabungsleiter Thomas Parker von der North Carolina State University in Raleigh, handele es sich um den ältesten christlichen Sakralbau, der allein für diesen Zweck errichtet wurde. Die Ausrichtung des Baus nach Osten sowie die Ähnlichkeit des Grundrisses mit späteren Kirchen liess die Forscher vermuten, einen Sakralbau vor sich zu haben. Im Inneren fanden sie Tonscherben, Glaslampen und ein Tablett aus Sandstein, auf dem nach Ansicht Parkers während der Eucharistiefeier Wein und Brot dargeboten wurden. Das zumindest ist sicher: Ein Erdbeben zerstörte im Jahr 363 das Gebäude.

Unter dem Davidsgrab

Jetzt melden sich erneut andere Archäologen, die seit langem - gleich neben der Jerusalemer Altstadt – die älteste Kirche der Welt vermuten. Der Paderborner Altertumsforscher Carsten-Peter Thiede, der zu den vertrautesten Kennern des Jerusalemer Untergrundes gehört, nimmt die Nachricht vom angeblich ältesten Kirchenbau gelassen. Er verweist auf die bereits vor Jahrzehnten erfolgten Ausgrabungen unter dem so genannten Davidsgrab auf dem Jerusalemer Zionsberg.

In einem Raum unter jenem aus der Kreuzfahrerzeit stammenden Saal, der von Christen als Abendmahlssaal verehrt wird, wurde gemäss der Tradition die Kirche "gegründet": Am Pfingstfest, so erzählt es das Neue Testament, kam der Heilige Geist über die Apostel, mit dem sie in die ganze Welt ausgesandt wurden.

Zwei Stockwerke tiefer gibt es nach Aussage Thiedes archäologische Reste, die nicht nur für ihn als Grundmauern des ersten christlichen Zweckbaus gelten. Er verweist im Gespräch auf die Arbeit des kürzlich verstorbenen Benediktinerpaters und Archäologen Bargil Pixner, der über Jahrzehnte ältere "judenchristliche Zweckbauten" in Jerusalem erforschte.

Judenchristliche Synagoge

Auch das heute auf dem Zionsberg von Juden verehrte "Davidsgrab" nahm Pixner dabei in den Blick. Diese Stätte, so schrieb er in seinem 1991 erschienenen Buch "Wege des Messias und Stätten der Urkirche", wurde schon in den 70er Jahren des ersten Jahrhunderts, also kurz nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer, als judenchristliche Synagoge errichtet. Dafür sprechen die Ausrichtung des Gebäudes nach Golgotha und eben nicht zum weiter östlich gelegenen Tempelberg.

Judenchristliche Graffiti wie "O Jesus, möge ich leben, O Herr des Autokraten" (womit König David gemeint sein könnte)" bekräftigten die Vermutung Pixners, dass es sich bei diesen Gebäuderesten, die heute für Forscher nicht zugänglich sind, um die "Kirche der Apostel" handelte. Erst später allerdings seien die Versammlungsräume der frühen Christen nicht mehr "Synagoge", sondern "Kirche" genannt und dann auch nach Osten ausgerichtet worden.

Touristische Aufmerksamkeit gewinnen

Hinter der Spekulation über den Fund von Akaba steht auch das verzweifelte Ringen um touristische Aufmerksamkeit in der Region. Die Irak-Krise und vor allem die fast alltägliche Gewalt in Israel und Palästina haben den Touristenstrom fast völlig zum Erliegen gebracht. Der Archäologe Parker, der in unmittelbarer Nähe eines der schönsten Badestrände Jordaniens gräbt, errichtet dort derzeit einen Archäologiepark, zu dem nun auch die Reste der "ältesten Kirche" gehören sollen.

Datum: 13.11.2002
Quelle: Kipa

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