The Passion: …und wer war eigentlich Jesus?

Ich gehe mit grossen Erwartungen in diesen Film, freue mich auf eine Begegnung mit dem historischen Jesus, sorge mich allerdings auch ein wenig wegen der angekündigten Gewaltszenen.

Was ich dann im fast leeren Kinosaal erlebe, entspricht nicht meinen Erwartungen:

127 Minuten lang sehe ich mir auf Leinwand an, wie ein Mensch gedemütigt, geschlagen, gefoltert wird. Ich werde erschreckt, verwirrt, erzürnt, bisweilen auch gelangweilt, und am Schluss stirbt dieser Mensch einen qualvollen Tod und verschwindet von der Bildfläche. Als ich das Kino verlasse, wird mir bewusst, dass ich Jesus von Nazareth eigentlich gar nicht begegnet bin!

Woran liegt dies?

Zum einen ist der Schauspieler Jim Caviezel eine Enttäuschung! Seine Ausstrahlung bleibt während des ganzen Filmes so leblos, wie seine Lippen stumm. Er blickt mehr oder weniger leidend in die Kamera, ab und zu wirkt er fast trotzig bis stolz. Optisch, wie schon immer gehabt, ein langhaariger, schöner Jesus, von seiner Ausdruckskraft her aber peinlich, eine Art Mischung aus Frauenheld und Masochist.

Zum anderen hat dieser Mann schlicht keine Botschaft! Soll der biblisch übermittelte Jesus nicht einst den mächtigen Klerus herausgefordert, traurigen und kranken Menschen Mut und Hoffnung vermittelt und die Welt zu Gewaltverzicht aufgerufen haben?

War dies nicht der Mann, der Nächstenliebe und soziales Engagement predigte, der aufstand gegen Machtmissbrauch und Unterdrückung? Der Jesus des Films isst und trinkt nicht, lebt keine tiefen Beziehungen, spricht kaum und leidet nur körperlich, die verletzte Seele ist höchstens zu erahnen.

Der Film beginnt im Garten Gethsemane, in einer Welt, welche durch den bizarren Blaufilter unecht und störend wirkt. Als zum erstenmal der Teufel, in Gestalt einer androgynen, glatzköpfigen Figur auftritt, werden mein Puls und meine Emotionen unerwartet schnell auf das kommende Grausen eingestellt: Der hässliche Wurm, der dem Teufel in die Nase kriecht, löst Ekel aus, und der Moment, als Jesus unvermittelt der Schlange auf den Kopf tritt, lässt den Atem stocken. Der Regisseur hat den Film so richtig lanciert!

Die lange Viertelstunde, in welcher Jesus ausgepeitscht und verprügelt wird, ist harte Kost, und es wird nicht ersichtlich, weshalb sie so lang sein muss. Effekthascherei? Festzuhalten ist, dass kein Mensch diese Schmerzen aushalten würde, die Ohnmacht oder der Tod würden wohl schon nach viel kürzerer Zeit, spätestens aber in den Minuten danach, eintreten.

Die Prügel hören anschliessend nicht mehr auf, und Jesus wird aufs Übelste geschunden, bis er, seltsamerweise immer noch bei Bewusstsein, ans Kreuz genagelt wird.

A propos Effekthascherei: Der zerfressene Kadaver unter dem Baum, an dem sich der Verräter Judas verzweifelt aufknüpft, scheint ebenso zusammenhangslos wie die aufgeregte Krähe, die dem einen Verbrecher am Kreuz das Auge aushackt.

Ich werde als Zuschauer auf zwiespältige Art in meinen Gefühlen hin- und hergerissen. Neben dem Ärger über die ausführliche dargestellte Gewalt erlebe ich auch Momente der Rührung und des wirklichen Mitgefühls mit dieser traurigen Gestalt. Es kommen Fragen auf, wie es damals wohl wirklich war.

In wenigen Momenten unterbricht Gibson die nackte Gewalt:

Dümmlich die Szene, in welcher der junge Jesus einen Esstisch zimmert und mit seiner Mutter schalkhaft über dessen Höhe streitet.

Schöne Seiten hat der Film nebenbei auch: So werden die aramäische und die lateinische Sprache in ihrer zelebrierten Lautschönheit zu einem echten Erlebnis! Ebenfalls gefallen können die weiblichen Filmrollen, so beispielsweise die glaubwürdig mitleidende Claudia Procles, dargestellt von Claudia Gerini.

Mel Gibson möchte mit seinem blutigen Streifen dem Kinopublikum die biblische Botschaft näher bringen, neue Leidenschaft für die Person Jesus von Nazareth wecken? Ich kann diese Ansprüche mit dem Gezeigten nur schwer vereinbaren. Aber gutes Geld wird er mit dem blutigen Osterdrama wohl verdienen.

Autor: André Kesper, Pädagoge und Kulturkritiker, lebt in Winterthur.

Datum: 27.03.2004
Quelle: Livenet.ch

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