"The Passion" – Armenbibel made in Hollywood

Was soll das ganze Gejammer um die "Brutalitäten" in diesem Film? Noch nie die Passionsgeschichten im Neuen Testament gelesen? Oder einfach drüber hinweggelesen und nach dem Happyend von Ostern in der gewohnten Ruhe geblieben? "Jesus steht ja doch wieder von den Toten auf, und das ist ja die Hauptsache." Ist es auch.

Von Lothar Mack, reformierter Theologe

Aber er ist trotzdem nicht einfach nebenbei gestorben, und es hat ihm deswegen auch nicht weniger ausgemacht. Geschrien hatte er, vom Kreuz herunter: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Er wollte doch seinen Willen ausführen – und ausgerechnet jetzt verlässt ihn sein Gott, mitten in der Ausführung?

Steht alles schon im Neuen Testament, auch die Folterungen zuvor; einfach nachlesen, jeweils in den letzten 2-3 Kapiteln der Evangelien. Die Bibel ungefähr beim Anfang vom hinteren Drittel aufschlagen und dort bei Matthäus, Markus, Lukas oder Johannes bis ans Ende blättern.

Auf Hochglanz lackierte Kreuze in den reformierten Kirchen – leere Kreuze selbstverständlich, ohne den Gefolterten – und in der Verkündigung oft ein Jesus fürs "Seid-nett-zueinander", das bringt einen natürlich auf Abstand zu den Peitschenhieben der römischen Folterknechte und den "Kreuzigen!"-Rufen einer dämonisierten Meute.

Zehn Meter vor der Kino-Leinwand, umgeben von Stereo-Lautsprechern, funktioniert diese zivilisierte Abwehr nicht mehr. Da dringt dann geballte Ladung auf einen ein: die Spucke der Religionsvertreter im seinem Gesicht, die Krallen der Peitsche, die erst wieder aus dem Rücken gerissen werden müssen, das Knacken der Schultergelenke, wenn er aufs Kreuz gezerrt wird. – Unzivilisiert? Ja. Gewaltverherrlichend? Nein!

Von einem Action-Darsteller aus Hollywood wäre Schlimmeres zu befürchten gewesen. Er kennt die Register, die man ziehen muss, um den Leuten das Fürchten zu lehren. Und er lehrt es. Aber es ist ein anderes Fürchten. Kein billiger Schauder, sondern ein heiliges Erschrecken über die Dimensionen dieses einen Sterbens: tiefste Not am Folterbarren und kosmischer Triumph in der Todesstunde. Lehrt das Neue Testament etwas anderes? Ich wüsste nicht.

In der Kirche meiner Heimatgemeinde sind dem Balkon entlang auf Holzbrettchen rund zwei Dutzend uralte Bilder angebracht: eine Armen-Bibel für Leute, die selber keine eigene Bibel hatten oder nicht lesen konnten. Aber diese Bilder konnten sie anschauen und sich auf diese Weise in die Geschichten vertiefen, sich von ihnen anreden lassen. – Ins Kino kann man gehen, noch lange bevor man wieder eine Bibel zur Hand nimmt.

Wer sich keinem Gottesdienst, noch keinem Gottesdienst aussetzen will, lässt sich von diesen Bildern mitnehmen. Bibelfilme, auch drastische, als Armen-Bibeln der MTV-Generation; der abgebrühte Kinogänger neben dem weichgespülten Kirchgänger.

Gemeinsam finden sie zurück zu einem neuen Staunen. Die "Passion" als Rohmaterial für eine andere, eine gemeisame Sprache? Am Anfang ist's nur eine Bildersprache. Aber wenn die Bilder laufen lernen, wird es auch die Zunge wieder schaffen und zu einem Gespräch über den Glauben zurückfinden. Zwei Stunden Mitleiden sind dafür ein bescheidener Preis.

Datum: 25.03.2004
Quelle: Livenet.ch

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