Das Kreuz mit "The Passion": Mel Gibsons Film wird für den Vatikan zur Belastung

Der Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde in Rom, Riccardo Di Segni, ist ein Freund deutlicher Worte. Vor einem Rückschritt in den christlich-jüdischen Beziehungen um 40 Jahre warnte er, als er von der Reaktion des Vatikansprechers Joaquin Navarro-Valls auf Mel Gibsons umstrittenen Jesus-Film hörte.

Vatikansprecher Joaquin Navarro-Valls hatte Mel Gibsons Jesusfilm "The Passion of the Christ" gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz genommen. In einem in der italienischen Tageszeitung "Il Messaggero" veröffentlichten Interview erklärte Navarro, der Film sei "die filmische Umsetzung der Evangelien".

Wenn Gisons Film "antisemitisch wäre, dann wären es auch die Evangelien". Navarro betonte, es gebe in dem Film viele positive jüdische Figuren, angefangen bei Jesus und Maria bis hin zu der vom Leiden Jesu erschütterten Menge.

Der Vatikansprecher warnte in dem Interview davor, die Auseinandersetzung auf die Passionsgeschichte der Evangelien auszuweiten. Wörtlich sagte er: "Wenn eine solche Schilderung antisemitisch wäre, wäre dies ein Problem des jüdisch-christlichen Dialogs, denn es wäre gleichbedeutend mit der Behauptung, dass die Evangelien nicht historisch wären. Man muss sich bewusst machen, wie schwerwiegend solche Behauptungen sind."

Beredtes Schweigen des Papstes

Als einen Beleg für den fehlenden Antisemitismus in Gibsons Film führte Navarro in dem Interview das Schweigen Johannes Paul II. an, der "The Passion" bereits vor einigen Monaten gesehen hat, ohne ihn öffentlich zu kommentieren. "Wenn der Papst den Film gesehen hat, ist das anschliessende Schweigen der Kirchenhierarchie sehr beredt", erklärte der Sprecher und führte aus: "Hier gibt es nichts Antisemitisches, andernfalls hätten sie es denunziert."

Kirche von unten: Einseitiger Film

Als "blanken Horror" hat die deutche Initiative Kirche von unten (IKvu) den Film "The Passion of the Christ" von Mel Gibson kritisiert. Das Werk sei theologisch einseitig und bediene durch die Art der Darstellung des jüdischen Volkes das alte Klischee des "Christusmordes.

In dem Film gehe es nur um Jesu "Opfergang" ans Kreuz, der auf brutalste Weise dargestellt werde, heisst es. Gezeigt werde, wie ein grausamer Gott seinen Sohn opfere. Das Werk blende aber völlig aus, dass Jesu Weg ans Kreuz vor allen Dingen ein Zeichen der Solidarität Gottes mit der leidenden Welt sei.

Roms Oberrabiner appelliert an Kirche

Eine offizielle Distanzierung der katholischen Kirche von Mel Gibsons Film "The Passion of the Christ" hat der römische Oberrabbiner Riccardo Di Segni gefordert. Nach einer privaten Filmvorführung in Rom, an der führende Mitglieder der jüdischen Gemeinde teilnahmen, erklärte Di Segni gegenüber Journalisten, der Film sei eine Darstellung, die den Dialog behindere, Feindseligkeit auslöse und den alten Vorwurf neu belebe, dass die Juden Gottesmörder seien. Ein Schweigen der Kirche zu dem Film könne sich "kontraproduktiv" auswirken, erklärte der Oberrabbiner weiter.

Der Oberrabbiner erklärte weiter, er bedaure, dass ein derartiges "Massenphänomen" die Beziehung zwischen Juden und Christen um 40 Jahre zurückwerfen könne. Der Vatikansprecher hatte am Vortag in einem Zeitungsinterview erklärt, Gibsons Film "The Passion of the Christ" sei eine filmische "Transskription" der Evangelien. Wenn der Film antisemitisch wäre, dann wären es auch die Evangelien.

Bereits am Vortag hatte der Vorsitzende der Vereinigung jüdischer Gemeinden, Amos Luzzatto, kritisiert, dass Navarro-Valls die Debatte um den Film abbreche, indem er sie zu einer nicht diskussionsfähigen Umsetzung des Evangeliums erkläre. Es sei eine willkürliche Bewertung zu behaupten, dass jemand, der Gibsons Film für antisemitisch erachte, auch die Evangelien für antisemitisch halte.

RTL-Bibelclip bezieht sich auf Gibsons "Passion Christi"

Mit dem Bibelvers "Prüft alles und behaltet das Gute" kommentiert der RTL-Bibelclip den Kinostart in Deutschland von Mel Gibsons "Passion Christi". Der 30 Sekunden lange Bibelspot soll die Zuschauer anstossen, "sich kritisch mit dem Film auseinander zu setzen und sich nicht von Mel Gibson ein Jesus-Bild überstülpen zu lassen", sagte der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für RTL, Dietmar Heeg. - Die "Bibelclip"-Sendereihe des Privatsenders läuft seit 1996 jeweils sonntags um 18.25 Uhr.

EKD kritisch

Mel Gibsons Film "Die Passion Christi" spiegelt nach Einschätzung des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, den "Grössenwahn unserer Zeit". Solchen Grössenwahn nenne die Bibel "Sünde, das Seinwollen wie Gott. Um ihretwillen starb Jesus am Kreuz", sagte der Berliner Bischof am Samstag im "Berlinfernsehen RBB". Der Film sei "gewaltig", aber auch gewalttätig. Vor allem die Geisselung Jesu sei "von unerträglicher Brutalität". Huber fügte hinzu: "Aushalten konnte ich es nicht. Andere hielten sich Schals vor die Augen oder wandten sich ab."

Auch wenn man den gewaltsamen Tod Jesu nicht verharmlosen dürfe, wolle es ihm nicht in den Kopf, "dass man das im Film nur noch zeigen kann, indem man die Grausamkeiten überbietet, an die Menschen sich Abend für Abend im Fernsehen gewöhnt haben", sagte Huber weiter. Er erinnerte an die Bilder der Anschlagsopfer von Madrid vom Donnerstag.

Evangelium selber lesen

Es gebe in dem Film aber auch "eindrückliche Bilder", die sich "nicht vergessen lassen". Alles laufe zu auf das Bild der Mutter, die ihren toten Sohn im Schoss hält. Abschliessend meinte der Bischof: "Den Film zu sehen, kann ich Ihnen nicht raten.

Aber wenn Sie ihn sehen, dann lesen Sie, worauf er sich bezieht: die Evangelien selbst."

Datum: 17.03.2004
Quelle: Kipa

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