Nicht erst seit Mel Gibson wirbeln Jesus-Filme Staub auf

Genau zählen kann sie längst niemand mehr. Eine Internet-Kinodatenbank rechnet mit 757 Auftritten. Sicher ist eines: Jesus ist seit 107 Jahren ein häufig engagierter Filmstar.

Zum ersten Mal flimmerte ein Jesusfilm 1897 über die Leinwand. Mel Gibsons Werk "The Passion of Christ" ist seit Monaten heiss umstritten - für einen biblischen Film nichts Neues, denn schon immer gab es Krach um die Frage, wie man Jesus auf die Leinwand bannen kann.

Frühe Sandalen-Filme (italienische Antikfilme bis 1960) mussten sich noch dem Problem stellen, ob die Bibel überhaupt verfilmt werden solle und ob man Jesus direkt zeigen dürfe. Der Kassenschlager "Ben Hur" etwa löste 1959 das Problem, in dem die Zuschauer Jesus nur von hinten zu sehen bekamen. 50.000 Komparsen und eine Millionen Requisiten wurden dann mit elf Oscars belohnt.

Problematische persönliche Annäherung

Heute ist das Bilderverbot kein Thema mehr. "Vielmehr gibt es nun Diskussionen, wenn Filmemacher eine sehr persönliche Interpretation ihres Jesusbildes geben", beschreibt der Bonner Filmexperte Peter Hasenberg den Wandel. Auch wenn Filme gar nicht beanspruchten, ein authentisches Bild der Bibel zu entwerfen, würde das in der Öffentlichkeit unvermeidlich so wahrgenommen und als Verletzung persönlicher religiöser Gefühle gewertet.

So zeigte der marxistische Filmemacher Pier Paolo Passolini in den 60er Jahren Jesus als politisch kämpfenden Sozialrevolutionär. Der 136-Minuten lange Schwarzweiss-Streifen war höchst umstritten. Noch mehr Staub wirbelte nur Martin Scorseses "Die letzte Versuchung Christi" 1988 auf. Denn die Versuchung bestand darin, dass Jesus (im Traum) vom Kreuz hinabsteigt und sich wenig später im Ehebett mit Maria Magdalena wiederfindet, inklusive einer - allerdings schon für das damalige Empfinden nicht besonders freizügigen - Nacktszene.

Einem Grossteil des Publikums ging das dennoch zu weit, und die katholische Kirche zeigte sich empört: "Er kränkt alle, die ihre Hoffnungen auf den Erlösungstod des menschgewordenen Sohnes Gottes gründen", schrieb die deutsche Bischofskonferenz damals.

"Das Leben des Brian“

Aber noch in einer anderen Richtung stiessen filmische Bibelinterpretationen auf Kritik: Darf man mit der Leidensgeschichte Jesu Witze machen? Die britischen Komiker von "Monty Python" beantworteten diese Frage in den 70er Jahren mit ihrer vom Publikum gefeierten Komödie "Das Leben des Brian" - und wurden mit dem Vorwurf mangelnden religiösen Feingefühls konfrontiert. Etwa wegen der sarkastischen Kreuzigungsszene, bei der sich Hunderte Männer anstellen müssen, dann ihr Kreuz leichtfertig schultern und schliesslich singend und pfeifend ans Kreuz geschlagen werden.

Realistische Darstellung?

Gibson betont dagegen immer wieder, eine realistische Darstellung der Passionsgeschichte liefern zu wollen. "Gerade das aber ist völlig absurd", argumentiert der Münsteraner Bibel- und Filmwissenschaftler Reinhold Zwick, der "The Passion" schon zwei Mal gesehen hat. Gibson interessiere sich zwar in bestimmten Bereichen für die neueste historische Forschung, etwa wie die Folterinstrumente ausgesehen haben könnten, übergehe aber andererseits völlig die Ergebnisse der modernen Bibelauslegung.

Wiederholter Antisemitismus-Vorwurf

Zwick hält "The Passion" für antisemitisch. Aber auch das ist nichts Neues. Denn schon Pasolini müsse man vorwerfen, die Juden physiognomisch finster gezeigt und sich alter Vorurteile wie Hakennase und langem Bart bedient zu haben. Und gegen die US-Musicalverfilmung "Jesus Christ Superstar" hagelte es 1972 Vorwürfe, berichtet der Theologe, weil dort Juden in dunklen Ledergewändern Jesus auflauerten. Mit ihrer wahlweise finsteren Bass- oder höhnischen Fistelstimme konnten sie sich der Antipathie der Zuschauer sicher sein.

Zwischen Kunst, Kitsch und Kommerz

Scho die "Die zehn Gebote" (1923), das in den 20er Jahren als Krone des Hollywoodkinos galt und dessen Darstellung des Auszugs des Volkes Israel aus Ägypten als Nonplusultra der damaligen Tricktechnik bestaunt wurde, stiess zunächst auf viel Lob. Einer zeigte sich davon ganz unbeeindruckt, das war der Onkel des Theaterschauspielers Ernst Deutsch. Während alle ergriffen schwiegen, soll Onkel Hahn aufgestanden sein und gerufen haben: "Also, so war das nicht."

Man muss weder ausgesprochener Bibelkenner noch Historiker sein, um den meisten Bibelverfilmungen Onkel Hahns Ausruf entgegenzuhalten. Zu offensichtlich ist, dass sie in der Regel weniger den Geist der Bibel als dem Geist ihrer Entstehungszeit verpflichtet sind. So reiht sich auch Cecil B. de Milles Remake seines Stummfilms-Epos' "Die zehn Gebote" (1956) nahtlos in die Reihe bombastischer Monumental-Epen ein, mit denen Hollywood in den 50er und 60er Jahren die Welt beglückte und die immer noch an Pfingsten, Ostern und Weihnachten zum festen Bestandteil der Fernsehprogramme gehören.

Hollywood-Dramaturgie

Es sind Filme wie "Quo Vadis" (1951), "Die Robe" (1953) und "Ben Hur" (1959), die mit Motiven der Bibel und der Kirchengeschichte spielen, oder eben auch "Die zehn Gebote" und "Salomon und die Königin von Saba" (1959), in denen alttestamentarische Geschichten nach den Gesetzen der Hollywood-Dramaturgie aufbereitet wurden. Charlton Heston, der die Rolle des Moses im de-Mille-Epos und die Titelrolle in "Ben Hur" spielte, wurde zum Urbild des wehrhaften Gottesmannes. "Die grösste Geschichte aller Zeiten" (1963) heisst ein Film von George Stevens. Gemeint ist damit die Geschichte von Jesus und seinen Jüngern, die von Beginn der Filmgeschichte an immer wieder aufbereitet wurde.

Der ersten Passion der Brüder Lumière folgten ungezählte Jesusfilme, die meisten sind verschollen. In der Regel waren es künstlerisch anspruchslose Nachahmungen damals üblicher Passionsspiele. Unter den deutschsprachigen Versuchen in dieser Richtung sind allenfalls "Der Galiläer"(1921) des Exil-Russen Dimitri Buchowetzki und "I.N.R.I" (1923) des "Caligari"-Regisseurs Robert Wiene von filmhistorischem Interesse. Die Passionsspiele von Oberammergau waren Vorbild für zahlreiche Jesus-Darstellungen. Die wackeren Passionsspieler weigerten sich jedoch standhaft, ihre Aufführung abfilmen zu lassen oder bei einer entsprechenden Filmproduktion mitzuwirken.

"The King of the Kings"

Stil bildend und Epoche machend wurde wiederum ein Film unter der Regie von de Mille, der sich allerdings bereits an der Jesus-Episode aus dem ebenfalls monumentalen Epos "Intolerance" (1916) des Filmpioniers D. W. Griffith orientieren konnte. "The King of the Kings" (1927) war die bis dahin mit Abstand aufwändigste Verfilmung des Lebens Christi. Der zweieinhalbstündige Ausstattungsfilm fesselte Millionen, vielleicht sogar Milliarden Kinobesucher in aller Welt.

Zu Stande gekommen war die kostspielige Produktion nach einer Auswertung von Zuschauerpost. Das Volk schien nach einem neutestamentarischen Opus zu verlangen, und die Traumfabrik gab es ihm. Wobei eine leicht geschürzte Maria Magdalena und eine Orgienszene gleich zu Beginn dafür sorgten, dass auch aus anderen Motiven hingeguckt wurde.

Die 1961 entstandene Verfilmung "König der Könige" von Nicholas Ray verstand sich nicht als Remake von de Mille und geriet auch weniger bombastisch als andere Epen. Mit den Konventionen des Genres brach er nicht. Salbungsvoll war der Ton der Dialoge, steril und keimfrei das Bild, das vom harten Leben des israelischen Volkes gezeichnet wurde.

In den kuttenartigen Gewändern steckte erkennbar kein Wüstenvolk, sondern die übliche zusammengewürfelte Statisterie. Und die tragenden Rollen blieben den Stars vorbehalten. Dies und das harmonisierende Glätten der Vorlage gilt im Grunde auch für die internationalen Fernsehproduktionen zu allen möglichen biblischen Themen, mit denen der deutsche Medienmogul Leo Kirch ab den 90er Jahren weltweit den Fernsehmarkt bediente.

"Messias"

Abseits solcher Konventionen inszenierte Italiens Kinoprovokateur Pier Paolo Pasolini "1. Evangelium - Matthäus" (1964) in karger sizilianischer Landschaft mit Laiendarstellern, denen die Mühsal ihres Alltags ins Gesicht geschrieben stand. Stärker als andere hielt sich Pasolini an den Evangelientext, schwächte aber deutlich die eschatologische Dimension zu Gunsten der politischen und sozialkritischen Aspekte ab. Mittlerweile ist der Film ein Klassiker des Bibelkinos.

Im Vergleich dazu wirkte Rosselinis "Messias" (1975) brav und bieder und Franco Zeffirellis Jesus-Vierteiler (1976) wie Zuckerwerk. Es ist nicht unbedingt klug, dass manche Kirchenvertreter verkitschte und verlogene Darstellungen biblischer Themen und Motive einfach hingenommen haben, während sie auf jede Provokation reagierten - man könnte sagen, in der vom Provokateur gewünschten Weise.

Herbert Achternbuschs Jesus-Persiflage "Das Gespenst" (1982) wäre wie die anderen Achternbusch-Filme auch ein Insiderscherz für seine hart gesottenen Fans geblieben, hätten nicht heftige Gegenreaktionen den Fokus des öffentlichen Interesses darauf gerichtet. Das gilt auch für "Maria und Josef" (1984), in dem der Schweizer Meisterregisseur Jean-Luc Godard mit dem Motiv der unbefleckten Empfängnis spielt.

Geballte Ablehnung schlug auch dem amerikanischen Spielfilm "Die letzte Versuchung Christi" (1988) entgegen, der Verfilmung eines Romans des griechischen Nobelpreisträgers Nikos Kazantzakis. Der Versuch des amerikanischen Meisterregisseurs Martin Scorsese, Jesus in seiner Menschlichkeit und damit auch in seiner menschlichen Schwäche darzustellen, ist zumindest diskussionsanregend.

Auf weit weniger Widerstand stiess die Neuinterpretation der Passionsgeschichte durch den Franco-Kanadier Denys Arcand. "Jesus von Montreal" (1989) ist als vielschichtige Gesellschafts- und Kirchenkritik für viele Interpretationen und Bedürfnisse offen.

"Jesus Christ Superstar"

Auf einem anderen Blatt stehen die Musicalverfilmungen "Jesus Christ Superstar" (1972) und "Godspell" (1973), in denen der mit Versatzstücken des Neuen Testaments drapierte Geist der Hippie-Ära eingefangen ist. Und wer "Das Leben des Brian" (1979) von der Comedy-Truppe Monty Python ernst nimmt, ist selbst schuld.

Biblische Motive und Anspielungen finden sich wieder im Werk einiger der grössten Regisseure der Filmgeschichte, die ansonsten grundverschieden sind: Luis Bunuel, Ingmar Bergman, Andrej Tarkowskij. Wer sie erkennen und deuten will, sollte die Aufforderung beherzigen, mit der ein amerikanischer Buchhändler zur Zeit der grossen Bibelfilm-Welle warb: "You have seen the film now read the book". ("Sie haben den Film gesehen, dann lesen Sie jetzt das Buch!) Gemeint ist natürlich das Buch der Bücher: die Bibel.

Quellen: Kipa/Livenet

Datum: 17.03.2004

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