Die dramatische Wandlung des Paulus

Zoom
Paulus, nach einen Mosaik aus dem 5. Jahrhundert, im Oratorium St. Andrea im erzbischöflichen Museum in Ravenna
Mein Freund Jack, der schon viele Gastvorlesungen in Universitäten gehalten hat, erlebte eines Tages bei der Ankunft in einer Hochschule eine Überraschung. Man teilte ihm mit, die Studenten hätten für denselben Abend eine öffentliche Diskussion zwischen ihm und dem "Universitätsatheisten" geplant. Sein Gegner war ein äusserst redegewandter Philosophieprofessor, der dem Christentum extrem feindlich gegenüberstand. Jack sollte zuerst sprechen. Er schnitt verschiedene Beweise für die Auferstehung Jesu an, die Bekehrung des Apostels Paulus, und gab dann ein persönliches Zeugnis, wie Jesus sein Leben verändert hatte, damals, als er Student war.

Als dem Professor das Wort erteilt wurde, war dieser sehr nervös. Er konnte weder den Auferstehungsbeweis noch Jacks persönliches Zeugnis für nichtig erklären, daher wandte er sich der radikalen Bekehrung des Apostels Paulus zum Christentum zu. Seine Argumentation lief darauf hinaus, "dass Menschen psychologisch derart von der Sache, gegen die sie kämpfen, berührt werden können, dass sie auf einmal selbst daran glauben". An diesem Punkt entglitt meinem Freund ein Lächeln, und er entgegnete: "Sie müssen also auf der Hut sein, sonst laufen Sie auch noch Gefahr, Christ zu werden."

Es war eines der einflussreichsten Zeugnisse für das Christentum, als Saulus von Tarsus - vielleicht der erbittertste Feind des Christentums - plötzlich zum Apostel Paulus wurde. Saulus war ein hebräischer Eiferer, ein religiöser Führer. Geboren in Tarsus, hatte er Zugang zu den gelehrtesten Kreisen seiner Zeit. Tarsus war mit seiner stoischen Philosophie und seiner Kultur als Universitätsstadt weithin bekannt. Der griechische Geograf Strabo rühmt die Stadt für ihr grosses Interesse an Bildung und Philosophie.

Wie sein Vater besass Saulus die römische Staatsbürgerschaft - ein hohes Privileg. Zudem schien er sich bestens in der hellenistischen Kultur und im hellenistischen Denken auszukennen. Die griechische Sprache beherrschte er fliessend. Er war ein Meister der Dialektik und zitierte selbst wenig bekannte Poeten und Dichter.

Apostelgeschichte 17,28: "Denn in ihm leben und weben und sind wir (Epimenides), wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts" (Aratus, Cleanthes).

1. Korinther 15,33: "Lasst euch nicht verführen. Schlechter Umgang verdirbt gute Sitten." (Menander)

Titus 1,12: "Es hat einer von ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: ›Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche‹" (Epimenides).

Paulus erhielt eine jüdische Ausbildung nach den orthodoxen Lehren der Pharisäer. Mit vierzehn Jahren sandte man ihn bei Gamaliel in die Lehre, einem der grössten Rabbiner jener Zeit, der selbst ein Enkel Hillels war. Paulus versichert, dass er nicht nur selbst Pharisäer, sondern überdies Sohn eines Pharisäergeschlechts war (Apg 23,6). Er konnte sich daher rühmen: "und übertraf im Judentum viele meiner Altersgenossen in meinem Volk weit und eiferte über die Massen für die Satzungen der Väter" (Gal 1,14).

Um die Bekehrung des Paulus richtig verstehen zu können, müssen wir uns fragen, warum er ein so leidenschaftlicher Gegner des Christentums war: Es war die Bewunderung und Verehrung, die er für das jüdische Gesetz empfand, die ihn umgekehrt so unnachgiebig und ablehnend gegenüber Christus und der Urgemeinde werden liess.

Was Paulus an der "christlichen Botschaft störte, war nicht, dass Jesus als Messias bekannt wurde", meint Jacques Dupont, "sondern dass man Jesus eine erlösende Rolle zubilligte, die dem Gesetz jeglicher Funktion im Heilswerk beraubte … Paulus stand dem christlichen Glauben deshalb so feindlich gegenüber, weil er dem Gesetz auf dem Weg zur Erlösung ausschlaggebende Bedeutung zumass." 1

Die "Encyclopaedia Britannica" meint, diese neue jüdische Sekte, das so genannte Christentum, habe Paulus im Herzen seiner jüdischen Ausbildung und rabbinischen Studien getroffen. Er machte es sich daher zur Lebensaufgabe, diese Sekte zu beseitigen (Gal 1,13). So begann Paulus seine tödliche Verfolgung der "Sekte des Nazareners" (Apg 26,9-11). Buchstäblich "suchte er die Gemeinde zu zerstören" (Apg 8,3). Im Besitz von Vollmachten, die ihn dazu berechtigten, die Anhänger festzunehmen und sie vor Gericht zu bringen, machte er sich auf den Weg nach Damaskus.

Doch dann geschah es. "Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, wenn er sie dort fände, Männer und Frauen, gefesselt nach Jerusalem führe. Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt, da wird man dir sagen, was du tun sollst. Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da, denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden. Saulus aber richtete sich auf von der Erde, und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus. Und er konnte drei Tage nicht sehen und ass nicht und trank nicht.

Es war aber ein Jünger in Damaskus, mit Namen Hananias, dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und der sprach: Hier bin ich, Herr. Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Strasse, die die ›Gerade‹ heisst und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus! Denn siehe, er betet und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde" (Apg 9,1-12).

Hier wird deutlich, warum die Christen Paulus so sehr fürchteten. Hananias antwortete nämlich: "Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat. Und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangen zu nehmen, die deinen Namen anrufen. Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin! Denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen. Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Weg hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest. Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er wurde wieder sehend; und er stand auf, liess sich taufen und nahm Speise zu sich und stärkte sich" (Apg 9,13-19a). Paulus sagte: "Habe ich nicht unsern Herrn Jesus gesehen?" (1. Kor 9,1). Damit verglich er die von ihm erlebte Offenbarung Jesu mit den Auferstehungserscheinungen Jesu im Kreise seiner Jünger. "Zuletzt von allen ist er auch von mir … gesehen worden" (1. Kor 15,8).

Paulus durfte Jesus nicht nur sehen, sondern er wurde ihm in einer Weise gegenübergestellt, dass er ihm nicht ausweichen konnte. Er verkündigte das Evangelium daher nicht aus freien Stücken, sondern aus Notwendigkeit, aus einem Muss heraus. "Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun" (1. Kor 9,16).

Die Begegnung des Paulus mit Jesus und seine daraus folgende Bekehrung geschah plötzlich und unerwartet. "Es geschah aber, als ich dorthin zog und in die Nähe von Damaskus kam, da umleuchtete mich plötzlich um die Mittagszeit ein grosses Licht vom Himmel" (Apg 22,6). Paulus hatte zunächst keine Ahnung, wer dies himmlische Wesen sein könnte. Die Tatsache, dass es Jesus von Nazareth war, liess ihn voll Erstaunen und Zittern zurück.

Vielleicht wissen wir nicht alle Einzelheiten, die genaue Chronologie oder alle psychologischen Aspekte dessen, was Paulus auf dem Wege nach Damaskus begegnete; aber wir wissen eines: auf radikale Weise wurde jeder Bereich seines Lebens davon betroffen.

Als Erstes erleben wir eine drastische Wandlung seines Charakters. Die "Encyclopaedia Britannica" beschreibt ihn vor seiner Bekehrung als einen intoleranten, bitteren religiösen Fanatiker - zudem stolz und aufbrausend. Nach seiner Bekehrung hingegen wird er als geduldiger, freundlicher, sanftmütiger und aufopferungswilliger Mensch beschrieben. Kenneth Scott Latourette sagt: "Was das Leben von Paulus heilte und sein nahezu neurotisches Temperament aus dem Verborgenen befreite und ihm bleibenden Einfluss verlieh, war eine tiefgreifende und revolutionäre religiöse Erfahrung." 2

Dann veränderte sich seine Beziehung zu den Anhängern Jesu. "Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus" (Apg 9,19). Als Paulus zu den Aposteln ging, wurde er zur "rechten Hand der Gemeinschaft".

Zum Dritten änderte sich seine Botschaft. Obwohl er weiterhin sein jüdisches Erbe liebte, wandelte er sich vom erbitterten Feind zum entschiedenen Verfechter des christlichen Glaubens. "Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei" (Apg 9,20). Selbst seine intellektuellen Überzeugungen waren davon betroffen. Sein Erlebnis zwang ihn zu dem Bekenntnis, dass Jesus der Messias sei - im direkten Widerspruch zu der messianischen Vorstellung der Pharisäer. Sein neues Bild von Christus kam einer totalen Revolution seines Denkens gleich. Jacques Dupont kommt zu der Beobachtung, dass Paulus, "nachdem er so leidenschaftlich abgeleugnet hatte, ein Gekreuzigter könnte der Messias sein, doch zugestehen musste, dass Jesus der Messias war. In der Folge musste er alle seine messianischen Vorstellungen neu überdenken." 1

Plötzlich begriff er, dass Christi Tod am Kreuz, der so sehr den Anschein des Fluches Gottes hatte und das vernichtende Ende eines Menschenlebens darzustellen schien, eigentlich die Heilstat Gottes war, der der Welt durch Christus das Angebot der Versöhnung machte. Er gelangte zu der Einsicht, dass Christus durch die Kreuzigung zum Fluch für uns wurde (Gal 3,13) und "für uns zur Sünde gemacht" wurde (2. Kor 5,21). So war der Tod Christi nicht mehr Niederlage, sondern ein Sieg, der von der Auferstehung gekrönt wurde. Das Kreuz war nicht länger ein "Stolperstein", sondern der Kern von Gottes messianischer Erlösung. Die missionarische Verkündigung des Paulus lässt sich darin zusammenfassen; er "tat sie ihnen auf und legte ihnen dar, dass Christus leiden musste und von den Toten auferstehen musste, dass dieser Jesus … der Christus ist" (Apg 17,3).

Schliesslich erlebten sein Auftrag und seine Berufung eine Kurskorrektur. Aus einem Verächter der Heiden wurde ein Evangelist. Aus einem jüdischen Eiferer wurde ein Missionar der Heiden. Als Jude und Pharisäer war Paulus gewohnt, auf die verachteten Heiden herabzuschauen, sie standen tief unter Gottes auserwähltem Volk. Das Damaskuserlebnis verwandelte ihn in einen überzeugten Apostel, dessen ganzes Leben dem Einsatz für die Heiden gewidmet war. Denn in Christus sah Paulus nun den Erlöser aller Menschen. Paulus wandelte sich vom orthodoxen Pharisäer, dessen Auftrag es war, das Judentum rein halten, zum Befürworter der neuen radikalen Sekte mit Namen Christentum, der er sich bislang mit aller Gewalt widersetzt hatte. Er war so verändert, dass alle, die es hörten, sich entsetzten "und sprachen: Ist das nicht der, der in Jerusalem alle vernichten wollte, die diesen Namen anrufen und ist er nicht deshalb hierhergekommen, dass er sie gefesselt zu den Hohenpriestern führe?" (Apg 9,21).

Der Historiker Philipp Schaff meint: "Die Bekehrung des Paulus stellt nicht nur einen Wendepunkt in seiner persönlichen Lebensgeschichte dar, sondern auch eine wichtige Epoche in der Geschichte der apostolischen Kirche und folglich in der Geschichte, der gesamten Menschheit. Es war das fruchtbarste Ereignis seit dem Pfingstwunder, und es sicherte dem Christentum den universellen Sieg." 3

Während eines Mittagessens in der Universität Houston bemerkte ein Student einmal, es gäbe für das Christentum oder Christus keinen historischen Beweis. Er studierte Geschichte im Hauptfach, und ich sah unter seinen Büchern ein Lehrbuch über Römische Geschichte. Ein Kapitel befasste sich auch mit Paulus. Nachdem er es gelesen hatte, fand er es bemerkenswert, dass am Anfang des Abschnitts über Paulus das Leben des Saulus von Tarsus beschrieben wird, während das Ende über das Leben des Apostels Paulus berichtet. Was dazwischen geschehen sei, behauptete das Buch, sei nicht geklärt. Als ich auf die Apostelgeschichte verwies und die Bedeutung der Erscheinung Christi - nach dessen Auferstehung - für Paulus erläuterte, konnte der Student dies als überzeugendste Erklärung dieser Bekehrung akzeptieren. Später nahm er selbst Christus als seinen Erlöser an.

Elias Andrews bemerkt: "Viele sehen in der radikalen Verwandlung des Pharisäischsten der Pharisäer den überzeugendsten Beweis für die Wahrheit und die Kraft der Religion, zu der er sich bekehrte, sowie auch für den umfassenden Wert und Rang der Person Jesu Christi."4 Archibald MacBride, Professor an der Universität Aberdeen, schreibt über Paulus: "Neben dem von ihm Erreichten … erscheinen die Eroberungen Alexanders und Napoleons nahezu bedeutungslos."4 Clement sagt, dass Paulus "sieben Mal Ketten getragen, das Evangelium in Ost und West gepredigt, die Grenzen des Westens erreicht und schliesslich den Märtyrertod erlitten habe". 4

Immer wieder wies Paulus darauf hin, dass der lebendige, auferstandene Herr sein Leben verwandelt habe. Er war so völlig von der Auferstehung Christi von den Toten überzeugt, dass auch er als Märtyrer für seinen Glauben starb.

Zwei Oxforder Professoren, Gilbert West und Lord Lyttleton, hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die Basis des christlichen Glaubens zu zerstören. West wollte den Irrtum der Auferstehung klarlegen und Lyttleton beweisen, dass Saulus von Tarsus sich niemals zum Christentum bekehrt habe. Beide Männer kamen jedoch zum entgegengesetzten Schluss und wurden überzeugte Nachfolger Jesu. Lord Lyttleton schreibt: "Die Bekehrung und das Apostelamt des Paulus allein wären schon Beweis genug, dass es sich beim Christentum um göttliche Offenbarung handelt." Er schliesst mit den Worten: "Wenn die fünfundzwanzig Jahre des Dienstes und Leidens im Leben des Paulus Realität waren, dann war seine Bekehrung echt, denn alles nahm mit dieser plötzlichen Veränderung seinen Anfang. Und wenn seine Bekehrung echt war, dann ist auch Jesus Christus von den Toten auferstanden, denn Paulus führte seine ganze Existenz auf die Schau des auferstandenen Christus zurück." 5

Fortsetzung: Ein Toter - auferstanden?

1 Jacques Dupont in Apostolic History and the Gospel, Grand Rapids 1970, S. 177, S. 76
2 Kenneth Scott Latourette, A History of Christianity, New York 1953, S. 76
3 Philipp Schaff, History of the Christian Church, Bd. 1, Grand Rapids 1910, S. 296
4 Philipp Schaff, History of the Apostolic Church, New York 1857, S. 340
5 George Lyttleton, The Conversion of St. Paul, New York 1929, S. 467


Autor: Josh McDowell
Quelle: Wer ist dieser Mensch

Glaubensfragen & Lebenshilfe

Information

Anzeige