Buch des Papstes

Der Jesus der Evangelien

Mit einer grossen Messe auf dem Petersplatz ist am Sonntag der 80. Geburtstag von Papst Benedikt XVI. gefeiert worden. Über den Tag hinaus wird sein neues Buch "Jesus von Nazareth" wirken.

Bei einer Neuerscheinung mit diesem Titel richtet sich das Interesse vor allem darauf, welche Akzente der Verfasser setzt und was er weglässt. Dies gilt umso mehr, wenn der Autor Papst ist und zugleich betont, dass es sich bei dem Werk nicht um ein lehramtliches Dokument handle.

Das mit der doppelten Autorenangabe "Joseph Ratzinger/Benedikt XVI." erschienene Jesus-Buch weist sich nicht nur durch zahlreiche Sätze in der "Ich"-Form als sehr persönliches Werk aus. Nachdem Ratzinger mit seiner "Einführung in das Christentum" 1968 zu Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere eine erste kleine "Summe" des katholischen Glaubens vorgelegt hatte, führt "Jesus von Nazareth" aus einer anderen Perspektive noch einmal ins Zentrum des theologischen Denkens des 80-Jährigen.

Über historisch-kritische Exegese hinaus

Der Papst weiss, dass jedes gängige Jesus-Bild etwa vom "liberalen Rabbi" oder vom "antirömischen Revolutionär" vor allem eine Projektion des jeweiligen Autors ist. Er will "den Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus, als den 'historischen Jesus' im eigentlichen Sinn" darstellen. Im Blick auf die Erkenntnisse der seit dem 19. Jahrhundert verbreiteten historisch-kritischen Exegese der Bibel hört sich das zunächst wie eine Kampfansage an. Doch der Verfasser betont in seinem Vorwort ausdrücklich, "dass dieses Buch nicht gegen die moderne Exegese geschrieben ist". Er wolle über sie "hinausgehen".

Und er bezieht sie – in ihrer katholischen wie in der protestantischen Ausprägung – in seine Auslegung ebenso ein wie die Deutungen der Kirchenväter oder jüdischer Bibelwissenschaftler. Noch nie hat ein Papst die "ungebrochene Kontinuität" der Lehre und Praxis Jesu mit der Tora Israels so klar herausgearbeitet.

Eckdaten werden vorausgesetzt

Benedikt XVI. unternimmt nicht den Versuch, eine Biografie Jesu zu schreiben. Er übergeht weitgehend die üblichen Fragen nach den Quellen, den historischen Eckdaten und der "Umwelt" Jesu. Dies setzt er voraus und wendet sich insofern an fortgeschrittene Leser. Die zehn Kapitel nach einer kurzen Einführung, die den Bogen zum Alten Testament schlägt, sind nach Themen gegliedert. Sie beginnen mit der Taufe Jesu am Jordan als dem Anfang seines öffentlichen Wirkens, behandeln die Versuchungen in der Wüste, das Evangelium vom Reich Gottes sowie die Bergpredigt und das Gebet des Herrn.

Anschliessend geht es um die Jünger-Gemeinschaft, die Botschaft der Gleichnisse, die "grossen johanneischen Bilder", das Petrusbekenntnis und die Verklärung als "zwei wichtige Markierungen auf dem Weg Jesu" und abschliessend um drei Selbstaussagen Jesu. Die Kindheitsgeschichten sowie Passion und Auferstehung sollen in einem zweiten Teilband behandelt werden.

Den Evangelien trauen

Der Papst hat ein "nach-modernes" Jesus-Buch vorgelegt – nicht im Sinne postmoderner Beliebigkeit, sondern als Versuch einer neuen Synthese nach den zahlreichen historischen und philologischen Analysen und Hypothesen der vergangenen Jahrzehnte. Sein Anliegen ist es, "die Bibel, und insbesondere die Evangelien, als Einheit und als Ganzheit" zu lesen. "Für meine Darstellung Jesu bedeutet dies vor allem, dass ich den Evangelien traue", betont er im Vorwort.

Der Jesus der vier Evangelien sei "eine historisch sinnvolle und stimmige Figur" - und nicht das Konstrukt einer "anonymen Gemeinde", der, wie der Papst ironisch anmerkt, manche Forscher eine "erstaunliche theologische Genialität zugetraut" hätten. Seine Gegen-These lautet: "Die 'Gemeinde' hätte sich gar nicht erst gebildet und überlebt, wenn ihr nicht eine ausserordentliche Wirklichkeit vorausgegangen wäre."

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth.
448 Seiten
Herder Verlag, Freiburg
Fr. 42.10.

Autor: Norbert Zonker

Datum: 17.04.2007
Quelle: Kipa

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