"The Nativity Story": Maria und Josef auf der Leinwand

"Es begab sich zu jener Zeit..." So beginnt im Lukasevangelium die Erzählung von der Geburt Jesu. Und unter diesem Titel wird der Marienfilm "The Nativity Story" von Fox-Warner im deutschen Sprachraum vermarktet. – Eine Rezension des katholischen Filmbeauftragten Charles Martig.

Mit einer offiziellen Premiere am 26. November 2006 im Vatikan erhält der Film sozusagen den kirchlichen Segen: eine ungewöhnliche Geste, wenn man bedenkt, dass in den vergangenen Jahrzehnten kein Mainstream-Film mit religiösem Inhalt in dieser Form von der katholischen Weltkirche willkommen geheissen wurde.

"The Nativity Story" präsentiert eine bekannte Geschichte: Ein Jahr im Leben von Maria, das seinen Höhepunkt in der Geburt von Jesus erreicht, der Besuch der Hirten und der drei Weisen aus dem Morgenland an der Krippe sowie die brutale Antwort von Herodes mit dem Massaker der unschuldigen Kinder in Bethlehem, zum Abschluss die Flucht nach Ägypten.

Konventionell inszeniert spricht der Film ein breites Publikum an. Er vermittelt zwischen den historischen Ereignissen und den Glaubenstexten der Evangelien nach Matthäus und Lukas. Dabei bringt die Regisseurin Cathrine Hartwicke eine Maria aus Fleisch und Blut auf die Leinwand. Sie interessiert sich für ihre verspielte Kindlichkeit, das Heranwachsen zur jungen Frau, für den Konflikt zwischen Marias Familie, Joseph und der Dorfgemeinschaft durch die plötzliche Schwangerschaft. Schliesslich handelt es sich um ein uneheliches Kind.

Menschliche Dimension

Die Entscheidung liegt in der Hand des jungen Schreiners Joseph: Will er die soziale Schmach auf sich nehmen und das Kind annehmen? Im Grunde zeigt sich hier ein Entwicklungsdrama eines jungen Paares, das im alltäglichen Leben Halt sucht. Damit wird die Marienfigur aus der traditionellen Bildtradition der Gottesmutter herausgelöst und in menschliche Dimensionen gerückt.

In ihrem groben Kleid aus Baumwolltuch und ihrer vorsichtigen Besonnenheit wirkt die junge Maria zugänglich. Ihr Handeln wird nachvollziehbar. Die junge neuseeländische Schauspielerin Keisha Castle-Hughes gibt dieser Maria ein glaubwürdiges Gesicht. Verstärkt wird dies durch die Erzählperspektive: Der Film setzt ein Jahr vor der Geburt Jesu ein und erzählt von der politischen Situation der Unterdrückung durch Rom, zudem von der Geldgier des Königs Herodes, unter der die Dorfbewohner von Nazareth besonders leiden.

Die Familiensituation zu Hause wird sorgfältig aufgebaut. Und so entsteht eine Figur, die in einem bestimmten sozialen Umfeld, in einer Zeit der Unterdrückung aufwächst und auf den Retter, den Messias, wartet. Der Glaubensweg Marias wird damit auch in die jüdische Messiaserwartung, die zu dieser Zeit in Palästina verbreitet war, eingebettet.

Umgang mit den biblischen Quellen

Es gibt sehr wenige Angaben über das Leben von Maria – besonders aus der Zeit vor der Geburt Jesu – in den Kindheitserzählungen von Matthäus und Lukas. Erst aus der Zeit der frühchristlichen Jahrhunderte gibt es eine Erzähltradition, die weitere Details liefert. Das Drehbuch von Mark Rich benutzt vor allem das historische Wissen über die tyrannische Herrschaft Herodes des Grossen.

Er geht aus von der Eröffnung des Lukasevangeliums mit dem Gebet des Zacharias im Tempel, Elisabeths unerwartete Schwangerschaft, Marias Besuch und die Geburt von Johannes dem Täufer. Dies vermittelt einen religiösen Hintergrund der religiösen Praktiken im Judaismus dieser Zeit. Rich stellt sich nun vor, wie das Leben im verarmten Nazareth gewesen sein könnte, findet eine Sprache für Maria und ihre Eltern, entwickelt Josef als einen eigenständigen Charakter. Er benutzt dabei den Text von Lukas, streckenweise sogar wortwörtlich, sowie den Traum von Josef aus dem Matthäusevangelium.

Die Geschichte von den drei Magiern ist eine Erweiterung von Matthäus und seinen Hinweisen auf die drei astronomisch versierten Weisen, die mit ihren kostbaren Geschenken aus dem Osten kommen. Das Massaker an den Unschuldigen geht ebenfalls auf Matthäus zurück. Der Film verwendet im Drehbuch also eine Mischung aus biblischen Texten und Szenen und verbindet diese mit einer historisierenden Rekonstruktion des Lebens in Nazareth. Dabei geht die Empathie und Vorstellungskraft auch so weit, dass frei erfundene Geschichten die psychologisierende Erzählung stützen.

Zwischen Historienfilm und religiöser Erbauung

Die Schwierigkeit einer konkreten Darstellung von Maria im Film ist immer, wie konkret die Geschichte ausgestaltet wird und wie gross der Spielraum für die Imagination der Zuschauer und Zuschauerinnen bleibt. "The Nativity Story" gehört zu jener Form der Bibelverfilmungen, die sich der historischen Distanz zwischen den Bibeltexten und unserer heutigen Zeit nicht bewusst sind.

Das Bestreben, möglichst nahe an der historischen Lebenssituation zu bleiben und gleichzeitig heutigen Sehgewohnheiten gerecht zu werden, spiegelt sich sehr deutlich. Dem Gewicht der Bildtradition kann sich der Film bei der Geburt Jesu nicht mehr entziehen: eine typische Wehnachtskrippe erscheint und der Stern von Bethlehem beleuchtet das Jesuskind wie ein Schweinwerfer. In diesen Momenten handelt es sich um reines religiöses Erbauungskino, das weihnachtliche Stimmungen erzeugt.

Schablonenhaft

Doch die Andacht will sich nicht richtig in den Zuschauerraum übertragen. Der Schlusssequenzen sind schablonenhaft geraten. Auch die Symbolsprache wirkt teilweise zu direkt und aufgesetzt: Die Erscheinung des Engels Gabriel, als Stimme und durchscheinende weisse Gestalt, wirkt wenig überzeugend. Der Vogel, der den Heiligen Geist repräsentiert erscheint zu oft und überdeutlich im Bild. Die Krippendarstellung erscheint zu statisch.

Auch das abschliessende "Stille Nacht" ist nur als Konzession an die Weihnachtsnostalgie zu verstehen. Dennoch zeigt "The Nativity Story" ein redliches Bemühen um Genauigkeit in der Figurenzeichnung und in der theologischen Auslegeordnung. Dabei geht es immer um die Identifikation mit den Hauptfiguren: Maria und Josef. Diese "moving pictures" leisten mehr als manche erbauliche Weihnachtsgeschichte.

Webseite: The Nativity Story

Autor: Charles Martig ist Filmbeauftragter des Katholischen Mediendienstes

Datum: 29.11.2006
Quelle: Kipa

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