Johannes Heinrich Schmid

„Wäre die Auferstehung nicht geschehen, gäbe es den christlichen Glauben gar nicht“

Die Auferstehung Jesu ist schon immer bestritten und abgelehnt worden. Was ist der Grund dieser Ablehnung, und wie können wir ihr als Christen begegnen? Ein Gespräch mit Johannes Heinrich (Heini) Schmid, emeritierter Honorarprofessor für Systematische Theologie an der Universität Bern.

Herr Professor Schmid, Sie haben ein Buch über die Auferweckung Jesu aus dem Grab geschrieben. Warum ist Ihnen persönlich die Auferstehung Jesu wichtig?
Heini Schmid: In der Auferstehung von Christus geht es um etwas Grundsätzliches, ja eigentlich um das Ganze des christlichen Glaubens. Man kann nicht einfach auch noch an die Auferstehung glauben. An Jesus Christus glauben heisst, an ihn als den Gekreuzigten und Auferstandenen glauben. So gesehen ist die Auferstehung Jesu eine Grundtatsache des christlichen Glaubens.

Wäre die Auferstehung nicht geschehen, gäbe es den christlichen Glauben gar nicht. Mich fasziniert auch der Zusammenhang zwischen Wirklichkeit und Wahrheit, zwischen Geschehen und Bedeutung. Denn in der Auferweckung Jesu liegt das sehr nahe beieinander.

Wir können nicht an die Auferweckung Jesu glauben, ohne zu sehen, dass Gott darin gehandelt hat. Er hat seinen Sohn körperlich auferweckt und damit auch gerechtfertigt. Er hat damit das ganze Leben Jesu und sein Sterben und den Sinn seines Sterbens als Sühnetod für uns bestätigt. In der Auferstehungs-Botschaft ist darum immer auch die Kreuzesbotschaft mitenthalten.

Schon früh wurde die Auferstehung heftig bestritten? Ist sie eine Provokation?
Sie durfte für die Juden nicht wahr sein, und die Griechen fanden sie unmöglich und lächerlich. Mit der Auferweckung Jesu wurde eine Dimension eröffnet, die nicht mehr zum gewöhnlichen Leben gehört. Sie war ein Durchbruch der Macht Gottes in die Todeswelt hinein.

Und damit wurden auch die Kategorien, in denen wir denken, gesprengt. Schon früh wurde die Frage nach der Analogie, nach einem entsprechenden Ereignis gestellt. Celsus hat ums Jahr 180 eine Streitschrift geschrieben, in der er fragt: Hat man das irgendwann erlebt, dass ein Toter zu unvergänglichem Leben auferweckt wurde? Und seine Antwort hiess: Nein! Wenn es aber keine Analogie gab, konnte auch Jesus nicht auferstanden sein.

Auch die ersten Jünger haben gezweifelt …
Ja, sie hatten zwar viel mit ihm erlebt und waren Zeugen seiner Wunder und Auferweckungen. Aber alles, was sie zuvor erlebt hatten, war daran gebunden, dass Jesus mit ihnen lebte. In ihm hatte sich die Macht Gottes kundgetan als Macht des Heils, der Vergebung, der Heilung, der Gemeinschaft und als Macht der Liebe.

In der Kreuzigung mussten sie erleben, dass der Träger der Macht Gottes selbst nicht mehr lebte, und man muss sich vorstellen, wie tief das ihr Leben berührte. In der Auferweckung Jesu und in seinen Erscheinungen machten sie dann eine Erfahrung, die für sie völlig neu war. Die Erscheinung seiner leiblichen, konkreten Gegenwart überzeugte sie: Gott hat an Jesus in einer bisher unbekannten Weise gehandelt.

Die Hinterfragung und Umdeutung der Auferweckung erleben wir auch in der Neuzeit.
Die Aufklärung verursachte einen starken Bruch in der Weltsicht, zu der bisher der Glaube an einen Himmel und eine Hölle gehört hatte. Glaube und Wissen gehörten bislang zusammen. Die Aufklärung richtete dagegen die Herrschaft der Vernunft auf. Was man nicht beweisen und sehen konnte, daran durfte man jetzt zweifeln. Man begann, am Transzendenten zu zweifeln, und es entstand eine Weltanschauung des rein Diesseitigen. In einem solchen Weltbild hat eine Auferweckung keinen Raum mehr, auch die Wunder nicht.

Der deutsche Theologe Gerd Lüdemann behauptet, der tote Jesus sei im Grab geblieben und seine Auferweckung habe bloss im subjektiven Erleben seiner Anhänger stattgefunden…
Die Forschung stellte fest, dass das Ostergeschehen in den damals beteiligten Menschen viel bewirkt hat. Es gibt keinen Zeugen der Auferweckung Jesu, der nicht zum Glauben gekommen wäre. Im Zusammenhang mit der Auferweckung Jesu kam es zu fundamentalen Umwälzungen. Die moderne Zeit, in der die Psychologie eine grosse Rolle zu spielen begann, fokussierte nicht mehr den objektiven Tatbestand der Auferweckung, sondern die subjektive innere Erfahrung.

Das Erleben konnte man viel weniger bestreiten als die objektive Tatsächlichkeit. Dafür haben wir ja unwiderlegbare Zeugnisse wie etwa von Paulus. Auch an Aposteln wie Petrus, der zu einem unerschrockenen Zeugen wurde, ist diese Umwälzung sichtbar. Lüdemann ist gerade darin radikal: Er anerkennt, dass in den Menschen etwas geschehen ist und sie eine andere Sicht von Jesus bekamen. Psychologisch erklärbar ist das durch Visionen, die eben nicht objektive Tatbestände in Raum und Zeit sind, sondern innerseelische Phänomene bei Menschen, die eine Umwandlung erlebten.

Wie antworten Sie darauf?
Lüdemann macht uns darauf aufmerksam, dass wir nicht von der Auferstehung Jesu reden sollten, ohne das Augenmerk auf diejenigen zu richten, die Augenzeugen der Auferweckung wurden. Es gibt die Erstzeugen, die den Auferstandenen gesehen haben. Und es gibt Zweitzeugen, zu denen wir selbst gehören, wenn uns Gott durch seinen Geist die Wirklichkeit der Auferweckung Jesu zeigt.

Wir erleben einen radikalen Wandel in unseren Herzen, wenn wir die Furcht vor dem Tod verlieren und Jesus der absolut Massgebende für uns wird. Lüdemann hat allerdings nicht erkannt, dass Kreuz und Auferstehung Jesu unauflöslich zusammen gehören. Für Paulus ist ja das Kreuz Jesu als Geschehen zu unserer Versöhnung mit Gott untrennbar mit der Auferstehung verbunden.

Weshalb wird vor allem die leibliche Auferstehung geleugnet?
Man kann Begriffe wie Tod, Sterben und Auferstehung auch im übertragenen Sinne brauchen. Wichtig ist: Bei Tod und Leben handelt es sich nicht um Symbole, sondern um Realität. Jesus wurde mit seinem Leib gekreuzigt und ist in seinem Leib gestorben und begraben worden. Wenn der Tod den Leib nimmt, muss die Auferstehung ebenso konkret sein.

Das Schwierige an der Auseinandersetzung ist: Während die frühere liberale Theologie die Auferstehung grundsätzlich bestritt, reden moderne Theologen von Auferstehung, verstehen sie aber bloss symbolisch. Zum Beispiel als ein „Auferstehen der Botschaft Jesu von der Liebe Gottes und seiner Vergebung“. „Jesus ist ins Wort hinein auferstanden“, sagt moderne Theologie zum Beispiel.

Was ist Ihre Antwort darauf?
Wo die leibliche Auferstehung geleugnet wird, wird auch das Königtum von Jesus, seine Himmelfahrt, seine leibliche Wiederkunft und sein Sühnetod geleugnet. Jesu Tod wird dann nur als Märtyrertod verstanden. Dazu ist zu sagen: Der Tod muss dort besiegt werden, wo er zugeschlagen hat, und er hat am Körper Jesu zugeschlagen. Man kann nicht einem körperlichen Geschehen ein rein symbolisches Geschehen entgegensetzen. Wenn Jesus nur symbolisch auferstanden wäre, gäbe es für uns keine Auferstehungshoffnung.

Lüdemann meint, an den Wirkungen festhalten zu können, ohne dass es dafür eine objektive Ursache gebe. Das ist schon rein wissenschaftlich fragwürdig. Er verwechselt die Ursache mit der Wirkung, er zäumt das Pferd am Schwanz auf. Jesus ist bei ihm im Grunde genommen nur noch der grosse Lehrer. Als Leugner der Auferstehung kann Lüdemann auch das Kreuz nicht richtig deuten.

Lüdemann pocht sehr auf die „Erfahrung“ – wie eigentlich viele Christen heute…
Das stimmt. Erfahrung an sich ist aber kein Wahrheitsbeweis. Vieles ist schon erfahren worden, was auf Illusionen beruhte. Denken wir nur an die Begeisterung im Nazireich oder bei der kommunistischen Revolution. Ich plädiere nicht generell gegen Erfahrungen. Es kommt aber darauf an, was die Erfahrung verursacht hat und, wie sie interpretiert wird.

In der Bibel gibt es viele starke Erfahrungen, aber über der Erfahrung steht das Wort und das wirkliche Geschehen. Ostern war für die Jünger nicht in erster Linie eine Erfahrung, sondern reale Begegnung mit dem Auferstandenen in Raum und Zeit. Er kam zu ihnen mit dem Friedensgruss und beauftragte sie, Zeugen seiner Auferstehung zu sein.

Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang, dass wir in den Osterberichten der Evangelien nur Frauen als erste Auferstehungszeugen haben. Schon das allein ist ein Zeugnis für die Glaubwürdigkeit des Ostergeschehens. Laut allen vier Evangelien ist ausserdem die Auferweckung am dritten Tag geschehen. Es ist ein Beweis für die Nüchternheit der biblischen Erzählung, dass die Evangelien nichts über das Geheimnis des Auferstehungsvorgangs sagen.

Inwiefern ist die Auferstehung für uns heute so wichtig?
Wir leben in einer Todeswelt, die für viele mit Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit erfüllt ist. In diese Welt hinein kommt die Osterbotschaft: Gott will das Leben des Menschen, nicht seinen Tod. Zu jeder Osterpredigt gehört das Zeugnis: Jesus ist auferstanden – auch du wirst auferstehen zu einem ganzheitlichen neuen Leben nach Körper, Seele und Geist.

Ähnlich wie der Auferstehungsleib Jesu wird auch unser Körper einer neuen Dimension angehören. Die Auferstehungsbotschaft macht dem Menschen Hoffnung, dass Gott ein vollständiges Ja zum Leben hat, und dass die Macht des Todes durch den Tod Jesu besiegt ist.

Die Macht des Todes hängt eng mit der Macht der Sünde und der Schuld des Menschen zusammen. Aufgrund der Auferweckung und im Glauben an den Auferstandenen dürfen wir wissen: In Gott ist alles gut, du darfst mit ihm versöhnt sein, zur Gemeinde der Erlösten, zur Auferstehungsgemeinde gehören, und du wirst mit andern Augen in diese Welt, in welche die Herrlichkeit Gottes noch nicht voll durchgebrochen ist, hineinblicken.

Das Buch zum Thema:
Johannes Heinrich Schmid: Die Auferweckung Jesu aus dem Grab
Friedrich Reinhardt Verlag, Basel, 2000
ISBN 3-7245-1130-2

Quelle: idea/Livenet

Datum: 09.04.2004

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