Vergeben

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1 Menda Turner war die ganze Nacht wach geblieben, weil sie auf die Rückkehr ihres Mannes mit seinem Kleintransporter wartete. Er war wie gewöhnlich unterwegs, um irgendwo in der Gegend das Evangelium zu verkündigen. Bisher hatte er es immer so eingerichtet, dass er rechtzeitig wieder zu Hause war, damit sich seine Frau keine Sorgen zu machen brauchte; doch diese Nacht kam er überhaupt nicht heim.

Am Morgen wurden Suchmannschaften ausgesandt, und die fanden den Wagen kopfüber im Strassengraben. Mr. Turners Leiche lag völlig nackt mitten auf der Strasse - restlos ausgeraubt. Für Menda war das ein furchtbarer Schlag. Sie war gekommen, um den Afrikanern Liebe zu erzeigen; doch nun hatte ihr Mann höchstwahrscheinlich einen Unfall erlitten, und man hatte ihn einfach liegengelassen - ja, schlimmer noch, er wurde ausgeraubt. All seine Mühe, die er auf den Copper Belt (das kupfererzreiche Gebiet in Sambia und Zaire; d. Ü.) aufgewendet hatte, war vergebens.

Eigentlich hätte es für Menda nun nahegelegen, dass sie nach England zurückkehrt; aber sie war aus besserem Holz geschnitzt. Sie entschied sich, in Sambia zu bleiben und dem Herrn weiterhin zu dienen. So setzte sie ihr Leben ein, indem sie für Hunderte von Not leidenden, vom Hunger bedrohten und todgeweihten Flüchtlingen aus Angola sorgte, die durch ihre Gegend zogen. Überall nannte man sie "Mama". Ihr Haus war stets voller hilfsbedürftiger Menschen.

Fünfzehn Jahre vergingen. Eines Tages meldete der Küchenjunge einen Mann, der Menda sprechen wollte. Als sie hinausging, sah sie einen grossen, kräftigen Afrikaner. Er wollte mit ihr unter vier Augen reden; so setzten sie sich in die Sessel auf der Veranda. Doch der Schwarze stand sofort wieder auf, kniete vor ihr nieder, legte seine Hände auf ihre Füsse und sagte: "Ich muss Ihnen etwas bekennen." Dann berichtete er: "Vor fünfzehn Jahren wurde Ihr Mann getötet, und er und sein Wagen wurden ausgeraubt. Ich weiss, dass überall von einem Unfall die Rede ist; aber das stimmt nicht. Mrs. Turner, ich war einer der vier Männer, die Ihren Mann ermordet haben. Jetzt bin ich durch die Gnade Gottes errettet und soll bald getauft und in die Gemeinschaft meiner örtlichen Gemeinde aufgenommen werden. Mir war klar, dass ich zu Ihnen gehen musste, weil ich nicht getauft werden kann, wenn Sie mir nicht Ihre Vergebung zugesprochen haben. Ich weiss nicht, wo die drei anderen sind; aber ich weiss, dass ich es Ihnen bekennen muss . Ich trage die Schuld am Tod Ihres Mannes. Können Sie mir bitte vergeben?"

In Menda wurde wieder die ganze furchtbare Geschichte vom Tod ihres Mannes lebendig, und auch die Enttäuschung über die Afrikaner, denen zuliebe sie gekommen waren. Nun kam noch nachträglich die schmerzliche Erkenntnis hinzu, dass er von Afrikanern ermordet wurde, für die sie und ihr Mann so aufopferungsvoll gearbeitet hatten. Sie fühlte sich zutiefst verwundet. Da kniete jetzt ein Mann vor ihr und hielt ihre Füsse fest, der bekannte, der Mörder zu sein und sagte, er könne nicht getauft werden, ehe sie ihm nicht vergeben habe.

Menda Turner, eine schlichte englische Hausfrau, hatte den Charakter eines geistlichen Riesen. Und sie hatte ein Herz für die Afrikaner. Sie schloss die Augen und dachte einen Augenblick nach. Dann nahm sie die Hände von ihren Füssen, hielt sie in den eigenen Händen und sagte: "Wie könnte ich Ihnen nicht vergeben, wo Gott mir vergeben hat, obwohl ich zu der Welt gehörte, die Seinen Sohn umbrachte. Ja, ich vergebe Ihnen." Sie hatte die Worte des Herrn Jesus ernst genommen: "Vergebt, und euch wird vergeben werden." Sie hatte begriffen, ihr selbst war eine ungeheure Schuld vergeben worden, die sie nie hätte abbezahlen können. Und dadurch fand sie die Gnade, dem bussfertigen Mörder ihres Mannes zu verzeihen.

Als sie ihre Arbeit beendet hatte, kehrte sie nach England zurück. Vor kurzem ist sie in die Gegenwart des Herrn eingegangen. Sicherlich wurde ihr "reichlich dargereicht der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus".

Fortsetzung: Teresas Zeugnis

1 Wie David Long (früher in Angola) berichtet hat.


Autor: William Mac Donald
Quelle: Ein Gott der Wunder tut

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