Mit andern zusammen beten - wie frei kann ich das?

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Bin ich noch frei, wenn ich zusammen mit anderen bete?
"Was spricht der für ein komisches Gebet?" Ganz ehrlich, haben Sie das nicht auch schon gedacht, als Sie im Kreis lieber Mitchristen sassen, um miteinander zu beten? Das gemeinsame Beten ist zwar biblisch und hat grosse Zusagen - doch einfach ist es nicht.

Beten im "stillen Kämmerlein", wie es die Bibel ausdrückt, leuchtet irgendwie ein. Da ist man ganz allein mit seinem Gott und kann ihm laut oder leise seine Sorgen vorbringen. Niemand hört mich. Nur Gott. Ganz anders ist es, wenn man mit andern Menschen zusammen betet. Da spitzen die andern die Ohren, wenn ich bete. Ob ich wohl alles richtig mache, meine Worte schön formuliere, in gutem Sinn bete, mich theologisch korrekt ausdrücke. Bin ich da noch frei? Ist mein Geist wirklich auf Gott ausgerichtet oder doch mehr auf die andern? Sind meine Gedanken ganz bei meinem Vater im Himmel oder suchen sie (zumindest auch) das Wohlwollen meiner lieben Mitchristen? Hand aufs Herz. Wer ist davon ganz frei?

Befindlichkeiten und Fragen des Mitbetenden

Nicht weniger problematisch kommt mir zuweilen auch die Rolle des Mitbeters in der Runde vor. Eine Frau preist Gott für seine Güte in der vergangenen Woche. Ein junger Mann dankt ihm für die Hilfe bei den Prüfungen. Dass doch ihre Freundin endlich wieder gesund werde, bittet ein Mädchen. Und was tue ich? Bete ich engagiert mit und bekräftige ich am Schluss mit einem Amen meine volle Mitbeteiligung? Okay, manchmal kann ich das mit ganzem Herzen tun. Ein anderes Mal mache ich mir Gedanken über die Person, die gerade betet. Meint sie es ernst? Sagt sie Gott ganz ehrlich, was sie wirklich beschäftigt, oder hält sie sich an Allgemeinplätze? Öffnen sich die Menschen einander gegenüber? Wie stark ist das Vertrauen meines jetzt gerade betenden Mitbruders zu dieser Gemeinschaft, die wir hier gerade bilden?

Jetzt bittet jemand ganz persönlich für ihre Beziehung zum Partner und gibt dabei intime Informationen preis. Mir wird es fast peinlich. Ich kenne die Person nicht und komme mir fast vor wie ein Voyeur. Zugegeben: Es braucht eine grosse Portion Mut, vor Mitmenschen auch seine Schwächen zu offenbaren und sich damit verletzlich zu machen. Aber ist das auch gut?

Liturgisches Gebet - persönlich genug?

Was sicher ist: Die Bibel sagt, dass wir gemeinsam beten sollen. Beispielsweise in der Kirche. Im Gottesdienst. Wie das genau vor sich gehen soll, ist aus der Bibel nicht so genau zu erkennen. Und so entwickelten sich im Laufe der bald 2000-jährigen Kirchengeschichte unterschiedliche Verständnisse des gemeinsamen Gebets. Die häufigste Form ist wohl, dass ein Pfarrer, eine leitende Person im Gottesdienst laut betet, während die Gemeinde zuhört, mitbetet und am Schluss mit einem Amen das Gebet bestätigt (oder auch nicht). In allen traditionellen Kirchen beten die Gläubigen zudem bestehende Gebete, die in schriftlicher Form bestehen. Sie sprechen zum Beispiel das "Unser Vater" gemeinsam, jenes Gebet also, das Jesus seine Jünger gelehrt hat.

Ebenso sind Texte aus den Psalmen oder von christlichen Dichtern oft Bestandteil von liturgisch gestalteten Gottesdiensten. In manchen Kirchen werden diese Liturgien an die Teilnehmenden auf Papier verteilt, so dass jeder und jede dem Ablauf folgen kann. Der Vorteil dieser Gebetspraxis: Da alle den gleichen Text sprechen, ist es leicht, sich dabei auf Gott zu konzentrieren. Unter der Voraussetzung, dass man sich in seiner gegenwärtigen Situation mit dem vorformulierten Gebet auch voll identifizieren kann. Vielleicht liegt einem ja etwas ganz anderes auf dem Herzen. Gut ist dann, wenn in einem solchen gebundenen Ablauf eine Zeit der persönlichen Stille eingebaut ist, in der ich meine ganz persönlichen Anliegen (wenn auch leise) vor Gott aussprechen kann.

Frei Beten im Gottesdienst oder in der Kleingruppe

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Die Bibel sagt, dass wir gemeinsam beten sollen. Beispielsweise in der Kirche.
Jüngere christliche Gemeinschaften und Freikirchen pflegen meistens einen freieren Umgang mit dem gemeinsamen Gebet. Dies beginnt schon mit der Anbetungszeit im Gottesdienst, in der die Menschen beim gemeinsamen Singen aufstehen oder niederknien, die Hände nach oben halten, tanzen oder in sich gekehrt ganz ruhig dasitzen. Wenn die Musik leiser wird, beten die Gläubigen einer nach dem andern laut ein individuelles Gebet. Dies kann sich auch an einer andern Stelle des Gottesdienstes ereignen. Verschiedene Kirchen fördern das Gebet in kleinen Gruppen, beispielsweise nach der Predigt. Kein Problem, wenn es um allgemeine Anliegen geht oder die Fürbitte für Menschen, deren Situation allen bekannt ist. Allzu persönliche Gebete setzen absolutes Vertrauen und einen Schutzraum voraus, ansonsten kann es zu Missbrauch und damit zu schweren inneren Verletzungen von Menschen führen.

Persönliches Gebet in der verbindlichen Gemeinschaft

Die Kraft des gemeinsamen Gebets ist unübertroffen. Gott miteinander anbeten, loben und preisen - darin liegen zweifelsohne grosse Zusagen Gottes. Im vertraulichen Kreis gemeinsam für die wirklichen und tiefsten persönlichen Anliegen beten, kann eine grosse Erleichterung oder Befreiung sein, zum Beispiel in einem Hauskreis, in dem sich Christen über Jahre in privatem Rahmen treffen und eine tragende Gemeinschaft entstanden ist. Ohne auf die kritischen Ohren anderer achten zu müssen, können wir uns da vor Gott aussprechen - ganz frei.


Autor: Fritz Herrli
Quelle: Jesus.ch

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