Öffnet der Dalai Lama den Weg zu Gott?

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Er hat das Auftreten eines Gottesmannes, und er wird verehrt als spiritueller Meister. Sein Anspruch ist tatsächlich kein geringerer als die Welt vom Leid zu befreien. Wie kommt er dazu?

Die Autorität des Dalai Lama als Oberhaupt des tibetischen Buddhismus scheint ebenso unangefochten wie die Anerkennung, die er international als Weisheitslehrer geniesst.[1] Seine Bücher erreichen Rekordauflagen. Allerdings geht er in seinen Ausführungen weit über allgemeine ethische Fragen hinaus. Er erhebt keinen geringeren Anspruch als den, das Leid aus der Welt zu schaffen: „Unbedingt erforderlich ist das tiefe Gefühl des Engagements und der Verpflichtung, dass ich selbst [Hervorhebung im Original] die Verantwortung auf mich nehmen werde, alle anderen Wesen vom Leiden zu befreien.“ – Wie kommt der Mann zu dieser Selbsteinschätzung? Und: Wie soll diese Befreiung geschehen?

Anstiftung zur Leere

Nach der Lehre seines Ordens ist der Dalai Lama ein Bodhisattva: ein erleuchtetes Wesen, das für sich mit dem ewigen Rad der ewigen Wiedergeburten abgeschlossen hat. Es könnte ins Nirwana, ins „Nichts“, eingehen. Aber er hat noch einmal menschliche Gestalt angenommen, um auch anderen den Weg der Erlösung zu zeigen. Konkret gilt er als Neu-Verkörperung des 1. Lama Gendün Drub aus dem 15. Jahrhundert und als Erscheinung der „Gottheit“ Avalokiteshvara, die das „Mitgefühl aller Buddhas“ verkörpert.

Vor diesem Hintergrund wird sein Titel verständlich (Dalai Lama bedeutet „Ozean der Weisheit“) wie auch der Einsatz, mit dem er überall auf der Welt für seine Lehren wirbt.[2] Als oberster Tantra-Meister[3] gilt er seinen Verehrern auch als Stellvertreter des Buddha und Herr der Welt.

Diesem Anspruch dienen auch Symbolhandlungen wie das Kalatschakra-Ritual. Mit ihm wird die betreffende Gegend in spiritueller Weise in Besitz genommen.[4] Dieses „friedenstiftende Ritual“ dient dazu, dass die Leerheit aller Dinge leichter erkannt wird. Das ist dann Frieden – in buddhistischem Sinne.

Mittler zwischen oben und unten

Der Dalai Lama fördert ihn. Zwar will der Buddhismus keine Religion sein, weil jede Vorstellung von Gott eben nicht mehr als eine Vorstellung sei. Dennoch lebt der Dalai Lama das klassisch religiöse Muster eines Schamanen und Priesters: Ein Mensch stellt die Verbindung zwischen der Gottheit und dem Volk wieder her.[5]

Andersgläubige können hier sehr wohl an ihre Grenzen stossen. Völlig zu Recht fragt der Dalai Lama selber, ob das beispielsweise mit dem christlichen Glauben zu vereinbaren sei: „Wenn man Zuflucht zum Buddha genommen hat, dann weiss ich nicht, ob man zum Beispiel auch Zuflucht zu Christus nehmen kann, ohne in ein Dilemma zu geraten.“ Denn in der Bibel wird Christus genau das zugesprochen, was der Dalai Lama für sich behauptet: dass er nämlich das Leid überwunden hat.

Christus ist anders

Ein genauerer Blick auf diesen anderen Erlöser zeigt weitere Parallelen und zugleich Unterschiede zwischen beiden:

  • Christus ging den Weg von himmlischen Vater hinab auf die Welt. Der Dalai Lama hingegen will über die Entwicklung bestimmter Eigenschaften den Weg von unten nach oben gehen.[6]
  • Christus hat mit seinem Tod den Weg für jeden Menschen freigemacht. Die Antwort darauf ist nicht mehr Mühe und meditative Anstrengung, sondern Dank und Umkehr, d.h. Glauben.
  • Seit seiner Auferstehung hat Jesus «alle Macht» und wird darum von seinen Nachfolgern als «Herr» und «Meister» angeredet.[7] Einem Menschen stehen diese Titel darum nicht mehr zu.[8]
  • Mittler zwischen Gott und den Menschen war und ist nach dem Zeugnis der Bibel nur Jesus.[9] Ein anderer ist nicht mehr nötig.
 

[1] Es gibt im Tibet vier verschiedene Mönchsorden oder -schulen. Der Gelugpa- oder Gelbmützen-Orden, dem der Dalai Lama vorsteht, ist unter ihnen die jüngste, herrscht aber schon seit dem 15. Jahrhundert über das Land
[2] Einerseits betont er immer wieder, dass man sich nicht dem Buddhismus anschliessen müsse. Doch zugleich sind seine Ratschläge und Schriften nur vor diesem Hintergrund verständlich. An der Oberfläche sind es allgemeine Weisheitssprüche, im Zusammenhang buddhistische Anleitungen.
[3] Tantras sind spezielle Texte des tibetischen Vajrayana-Buddhismus.
[4] Vor drei Jahren vollzog er es in der österreichischen Stadt Graz.
5] Dass die „Gottheit“ hier nur die Leere ist, tut wenig zur Sache. Als oberstes Glück nimmt es die Stelle Gottes ein.
6] Das Wesen des Bodhisattva fasst er zusammen in der Eigenschaft der Bodhicitta: eines allgemeinen Mitgefühls mit allen Menschen. Aber das Gefühl eines anderen befreit mich selber nicht vom Leiden.
[7] Matthäus 28,18; Johannes 13,13; 1. Korinther 8,6; Hebräer 10,12-13
[
8] Matthäus 23,9: «Ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen, denn nur einer ist euer Meister, Christus. Ihr aber seid alle Brüder.»
[9] «Denn es ist nur ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst als Lösegeld für alle gegeben hat.» 1. Timotheus 2,5
Datum: 04.08.2005
Quelle: Livenet.ch

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