Ein geheimnisvoller Mann

Wie gehe ich mit Behauptungen über Jesus um?

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Die Gestalt von Jesus hat Menschen in allen Jahrhunderten fasziniert. Wer war der Mann aus Nazareth? Was meinte er mit dem Reich Gottes? Wer sein Wirken mit dem anderer religiöser Persönlichkeiten vergleicht, stellt fest: In der Person Jesus bleibt ein geheimnisvolles Mehr. Kein Wunder, dass Jesus-Spekulanten daraus Kapital schlagen.

Auf eine griffige Formel reduzieren lässt sich Jesus nicht. Denn die Persönlichkeit, die am Anfang des Christentums steht, passt in keine Schublade. Sein Leben vor 2000 Jahren ist zwar viel genauer beschrieben als das von Zeitgenossen, aber nicht lückenlos dokumentiert. Es erstaunt nicht, dass sich Romanciers zunehmend um Jesus bemühen (und ihm eine Geliebte andichten). Schon in der Antike versuchten sich religiöse Gemeinschaften mit eigenartigen und abwegigen Lehren über Jesus zu profilieren. Die Versuchung war und ist gross, ihn in ein System einzuordnen und seiner Botschaft die Kanten zu brechen. Darum ist nicht alles zu glauben, was auf dem bunten religiösen Markt über Jesus behauptet wird.

Die folgenden sechs Punkte können zur Klärung beitragen, indem sie helfen, Aussagen über Jesus einzuordnen.

1. Die vier Evangelien der Bibel sind massgebend

Wir tun gut daran, uns an die vier Evangelien der Bibel zu halten. Alle anderen Schriften über Jesus – auch wenn man sie Evangelien nennt – wurden viel später verfasst. Sie wurzeln nicht in Augenzeugenschaft und solider Recherche und geben, wenn überhaupt, ein verfälschtes Bild. Mit anderen Worten: Die biblischen Berichte genügen. Sie heben sich meilenweit von den späteren Legenden ab.

Massgebend ist der griechische Urtext. Die Übersetzungen sind Versuche, ihn in unserer Sprachwelt verständlich zu machen. Halten Sie sich an Übersetzungen, die sich um Texttreue bemühen und von Kirchen und Bibelgesellschaften herausgegeben wurden.

2. Die vier Evangelien ergänzen einander

Die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes setzen unterschiedliche Akzente in ihren Beschreibungen von Jesu Leben, Tod und Auferstehung. Markus und Johannes berichten nichts von seiner Geburt und Kindheit. Johannes konzentriert sich auf die Wunder und Streitgespräche in Jerusalem, während die anderen drei Evangelisten uns auf die Wanderungen von Jesus in Galiläa mitnehmen. Weil die vier teils dieselben Geschehnisse schildern, entsteht ein vielschichtiges, facettenreiches Bild der Person und ihres Wegs. Alle neueren Bücher über Jesus, alle modernen Deutungen müssen sich an den vier Evangelien der Bibel messen lassen.

3. Nicht alle Aussagen von Jesus sind gleich deutlich

Der Wanderprediger bewegte sich oft in Minenfeldern: Seine Feinde stellten ihm Fallen; sie wollten ihn aufrührerischer Absichten überführen, um ihn zu verklagen. Frömmler verstanden ihn falsch. Hoffnungshungrige und Freiheitsdurstige wollten mit seiner Botschaft die Welt auf den Kopf stellen. Unter diesen Bedingungen sagte Jesus einerseits kristallklare Sätze wie: „Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte werden nicht vergehen“ (1). Anderseits erzählte er Gleichnisgeschichten, deren Sinn sich erst aus dem Zusammenhang erschliesst. Darum empfiehlt es sich, in den Evangelien bei eindeutigen, gut verständlichen Aussagen und Berichten zu beginnen und uns mit ihnen ein erstes Bild von Jesus zu verschaffen – ohne zu denken, wir hätten ihn damit schon ‚begriffen’. Auch jene, die die Bibel während Jahrzehnten lesen, haben noch offene Fragen. Mark Twain sagte einmal, ihm gebe nicht zu denken, was er nicht verstehe, sondern was er verstehe.

4. Zusammenhänge sind zu beachten

Das Neue Testament ist nicht ohne Vorgeschichte. Das zeigte sich, als Jesus zum Gesetz des Mose Stellung bezog. Er sagte zu Beginn der Bergpredigt: „Meint nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz oder die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen aufzuheben, sondern zu erfüllen“ (2). Damit stellte er sich – bei allem Neuen, das er verkündigte – fest in die Tradition des Judentums. Er war Jude und verstand sich als Erfüllung der Zusagen, die Gott seinem Volk gegeben hatte. Wir können daher die Evangelien nicht losgelöst vom Alten Testament (‚Gesetz und Propheten’) lesen und zum Beispiel einen Gegensatz zwischen seinem Gebot der Liebe und den Zehn Geboten konstruieren. Mit allem, was er lehrte, wollte er anleiten, die Gebote wirklich zu halten und Gott so zu ehren.

5. Jesus ist und bleibt ein Geheimnis…

Der Mann aus Nazareth bezeichnete sich selbst häufig als Menschensohn (3). Damit identifizierte er sich mit dem Mann auf dem Acker, der Frau am Herd. Aber er war – dies zeigen die Wunder und seine Fähigkeit, Menschen zu heilen und auf einen neuen Weg zu führen – mehr als ein Mensch. Er war als der bevollmächtigte Gesandte Gottes unterwegs, um Menschen zu dienen und sie zu retten, konkret: sie loszukaufen von der Gewalt des Bösen, von der sie sich (wie Sklaven) nicht befreien konnten (4).

6. …und der Heilige Geist hilft uns, ihn zu verstehen

Erst im Nachhinein, als Jesus von den Toten auferstanden war und nach Gesprächen mit seinen Freunden in den Himmel aufgehoben wurde – erst dann, aber dann umso gewisser – erkannten diese Freunde, dass in Jesus Gott selbst, der Allmächtige unter ihnen gelebt hatte (5). Der Heilige Geist Gottes, der die ersten Christen von Pfingsten an erfüllte, bestärkte sie in dieser Gewissheit (6). Noch heute dürfen wir davon ausgehen, dass der Heilige Geist uns den Charakter und das Wesen von Jesus verdeutlichen will. Wir können ihn darum bitten.

(1) Die Bibel, Matthäus, Kapitel 24, Vers 35
(2) Matthäus, Kapitel 5, Vers 17
(3) Matthäus, Kapitel 11, Vers 19; Markus, Kapitel 2, Vers 10 und Kapitel 2, Vers 28; Lukas, Kapitel 19, Vers 10; Matthäus, Kapitel 16, Vers 13 im Vergleich mit Markus, Kapitel 8, Vers 27
(4) Matthäus, Kapitel 20, Vers 28
(5) Spürbar wird das Staunen in den Eingangsworten des 1. Briefs von Johannes
(6) Apostelgeschichte, Kapitel 4, Verse 8-31; Hebräer, Kapitel 2, Vers 4


Autor: Peter Schmid
Quelle: Jesus.ch

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